Die Kunst ist weiblich - Gunter Sachs

Sachs' Softpornopanoptikum

In Leipzig erlebt man derzeit Gunter Sachs' triumphalen Einzug in die Kultur- und Kunstgeschichte des Abendlands – und das Museum der bildenden Künste meldet stolz Besucherrekorde. Aber seine Ausstellung "Die Kunst ist weiblich" polarisiert extrem: Als narzistisch, infantil und sexistisch bezeichnen Kritiker die Schau. art-Autorin Susanne Altmann kommentiert den "Fall Gunter Sachs".
Skandal in Leipzig:Ist die Schau wirklich so narzistisch und sexistisch?

Puff und Kawumm in Leipzig: Der Protest gegen die Sachs-Schau wird immer lauter

Die Playboylegende Gunter Sachs hält – triumphal – Einzug in die Kultur- und Kunstgeschichte. Zumindest die Besucherzahlen legen das nahe: Mit geschätzten 20 000 Besuchern schließt der März 2008 zum Dezember 2004, dem Eröffnungsmonat des damals eingeweihten wichtigsten Museumsneubaus in Ostdeutschland, auf. Da kann selbst Max Klinger (1857 bis 1920), dessen 150. Geburtstag im vergangenen Sommer mit einer wunderbaren Ausstellung gefeiert wurde, nicht mithalten, und dabei wusste der schon, wie man sich als Universalgenie präsentiert. Doch leider durfte der Meister nicht mit Hand an seine eigene Inszenierung legen, und so blieb das Ganze wohl zu brav für den breiten Publikumsgeschmack.

Anders bei Gunter Sachs (*1932), dem die Regie seiner mit "Die Kunst ist weiblich" untertitelten Ausstellung weitgehend selbst überlassen wurde. Und so feiert und kanonisiert sich hier eine Playboylegende selbst, mit tatkräftiger infrastruktureller Unterstützung eines hochkarätigen Kunstmuseums und seines Teams. Immer wieder greifen sich mitteilungsbedürftige Aufsichten Besucher und erklären, was zu sehen ist. Das gibt es sonst weder in der ständigen Sammlung darüber noch in Sonderschauen von Wolfgang Mattheuer, Hans Hartung oder eben Klinger.

Besonders eine Panzerglastür mit Einschlusslöchern und Promi-Signaturen stimuliert den Mitteilungsdrang des Personals, das den Nachbau von Gunter Sachs exklusiver Turmwohnung in St. Moritz bewacht. Das zahlreiche Publikum schiebt sich durch die gnadenlos im Stile der Pop Art durchgestylten Gemächer und lächelt selig. In dieser glänzenden Badewanne die haben Helden des Siebziger-Jahre-Jetsets gesessen. Ach, endlich mal nicht nur Zaungast der Tabloids, sondern: Hautevolee hautnah, wenngleich mit ein paar Jahrzehnten Jetlag.

Auch ansonsten ist Bürgernähe angesagt: Wer die Kunstrichtung Pop Art – ohnedies wohl die zugänglichste Kunstform des 20. Jahrhunderts – noch nicht begriffen hat, soll hier dazu bekehrt werden. Ein Roy Lichtenstein im Wohnzimmer ist da durchaus hilfreich. Und auch mal ein echter Andy Warhol. Aber noch nachhaltiger verliert sich jede Schwellenangst, wenn Gunter Sachs selbst zu Pinsel oder Kamera greift und sich ohne falsche Scham und offenbar von künstlerischen Allmachtsfantasien getrieben durch die Stile arbeitet. Andy Warhol oder Allan Jones, Yves Klein oder Giorgio de Chirico – Imitate pflastern den Parcours. Daneben ein paar Originale, die sich nicht wehren können; schon gar nicht, wenn die plagiaristische Strategie als Referenz an die ganz Großen verklärt wird. Pop Art sei ja ohnehin als "ständiger Diffusionsprozess zwischen Kunst und Boulevard" zu verstehen, da sei es nur recht und billig, wenn die Kunst nun wieder an den Boulevard zurückdelegiert werde. So legitimiert Museumsdirektor Hans Werner Schmidt das von ihm initierte Großereignis in seinem Hause, und schließlich habe ja auch Andy Warhol als Schuhdesigner begonnen. Statt "l'art pour l'art" also "design pour le design" – oder so ähnlich.

"Narzissmus, Allmachtsfantasien und Begattungswünsche"

Tatsächlich kommt die Ausstellung am ehrlichsten daher, wenn wir dem Werbefotografen Sachs bei der Arbeit an einer Kampagne für die Schuhmarke Bally über die Schulter schauen dürfen. In der Fashionwelt ist seine Hochglanzattitude ganz bei sich selbst angekommen, auch wenn die inszenierten Porträts von Claudia Schiffers als Cleopatra, Carmen oder Gretchen wieder so ernsthaft Kunst sein wollen, dass es wehtut. Da kennt der Maestro kein Erbarmen und schließlich: "Die Kunst ist weiblich".

Kritische Stimmen zur Ausstellung gibt es in Leipzig zahlreiche. Sogar von einem Skandal war schon die Rede: Das Museum käme seinem Bildungs- und Sammlungsauftrag im Sinne von Hochkultur mit dieser Ausstellung nicht nach. Um das dürftige Niveau der Sachsschen "One-Man-Show" ("taz") zu entlarven, begab sich das Leipziger Stadtmagazin "Kreuzer" denn auch mit einem leibhaftigen Sexualtherapeuten auf Tour. Kurt Seikowski diagnostiziert besonders in den fotografischen Werken nüchtern Narzissmus, Allmachtsfantasien, Bestätigungsversuche der Männlichkeit,
Begattungswünsche und Besudelungs- und Ejakulationsformen. Und zu Gunter Sachs' anachronistischem Frauenbild bemerkt Seikowski: "Eine kindliche Trotzreaktion. Und immer wieder der gleiche Frauentyp. Die verhüllten Frauen sind extrem, als sagte Sachs: ,Ihr könnt mich alle mal. Ich stell euch stumm'." Feministinnen haben sich bislang noch nicht zu Wort gemeldet, aber das wäre wahrscheinlich zu viel der Ehre für dieses Softpornopanoptikum.

Was zählt, ist offenbar das Totschlagargument der überwältigenden Besucherzahlen. Direktor Schmidt, freut sich jedenfalls über sein Husarenstück."Diese Ausstellung polarisiert sicherlich", erklärt er, stellt aber sofort fest: "Man sieht hier unheimlich viele glückliche Menschen. Man kann sozusagen in das Wohlgefühl der Besucherzahlen eintauchen." Diese Äußerung kling beinahe erotisch.

"Gunter Sachs – Die Kunst ist weiblich"

Termin: bis 22. Juni 2008, Museum der bildenden Künste, Leipzig. Katalog: Ende April 2008 erscheint ein Katalog zu Leben und Werk, der zudem die Ausstellung in Bildern, Dokumenten und Texten zeigt.
http://www.mdbk.de/

Mehr zum Thema auf art-magazin.de

Mehr zum Thema im Internet