48 Stunden Neukölln - Berlin

Hohe Ziele, niedrige Decken

Das Festival 48 Stunden Neukölln möchte mit seiner Kunst die Welt retten. Dass das ausgerechnet im boomenden Start-Up-Kiez von Neukölln passieren soll, wirkt ein bisschen naiv. Warum es trotzdem keinen besseren Ort für ein Off-Kunst-Festival gibt

Die Neukölln-Arkaden waren mal ein Ort, an dem es sich guten Gewissens mit Jogginghose einkaufen ließ. Tatsächlich erregte dort bis vor einiger Zeit vermutlich mehr Aufsehen, wer top gestylt seinen Einkaufswagen durch die stets gut gefüllten Gänge des Kaufland im Untergeschoss schob. Die ein oder andere Schlabberkombi begegnet einem auch heute noch, in der Regel gehört sie dann aber zum wohl durchdachten Vintage-Look eines Expats auf der Suche nach "Stöni" (Sternburg Export, einst das Getränk für unter der Brücke, heute für überall).

An diesem letzten Juniwochenende gehören die Arkaden der Kunst – oder die Kunst den Arkaden. Sie stellen jedenfalls den zentralen Schauplatz für 48 Stunden Neukölln dar, das Festival für alle Sparten der Berliner Kunstszene, die "einen Beitrag zu aktuellen gesellschaftlichen Themen leisten". Und schon funktionieren Vergleiche mit anderen Berliner Kunstwochenenden, wie dem Gallery Weekend oder der Berlin Art Week nicht mehr so richtig. Klar, verkauft werden soll hier auch, aber ganz in der Manier eines Stadtviertels, dessen Rathaus den Tag "No Justice, no Peace" trägt, geht es hier um mehr. Das drückt sich bei den 48 Stunden nicht nur zahlenmäßig aus (350 künstlerische Projekte an etwa 220 Orten), sondern auch im jährlich wechselnden, immer politischen Slogan: Die diesjährige Ausgabe steht unter dem Motto "S.O.S. Kunst rettet Welt". Dass "globale Fluchtbewegegungen" ebenso wie die "Herausforderungen der individuellen Existenz" hier gleichsam thematisiert werden sollen, nimmt die Festival-Homepage bereits vorweg.

Am Freitagabend geht es im Schillerkiez weniger um hitzige Politdebatten als viel eher um schicke Snacks. Zwischen Paleo-Foodshops, die noch nach frischer Farbe aussehen, und unheimlich authentischen Edelitalienern hängen zwar jede Menge Festivalfahnen und rot-weiß markierte Slogan-Poster, nach sozialkritischer Kunst sucht man zunächst jedoch vergebens. In der südlich gelegenen Allerstraße blicken einen dunkle Fantasy-Kreaturen durchs Schaufenster an, ein paar Schritte weiter niedlich-farbenfrohe Schlüsselanhänger. Kurz bevor sich Hoffnungslosigkeit in Hunger verwandelt, zieht einen die Menschentraube vor einem schlichten Ladenfenster dann doch noch hinein, und es offenbart sich eine geballte Ladung Politik in ihrer ästhetischsten Form

Heute sind alle Aussteller zugleich Sprachschüler

"Wir haben uns hier noch auf den letzten Drücker angemeldet, nachdem es letztes Jahr so gut lief", erzählt Vu Hoang, der den Ausstellungsraum Transmitter betreibt. Eigentlich nutzt der 33-jährige Kurator den Raum als Sprachschule – ein äußerst erfolgversprechendes Modell für einen Kiez, in dem man ohne Englisch nicht immer einen Kaffee bestellen kann. Hoang, jahrelang in einer Mitte-Galerie tätig, realisiert hier auch außerhalb des Festivals immer wieder Ausstellungen, meist handelt es sich bei den Künstlern um Freunde oder Freunde von Freunden. Heute sind alle Aussteller zugleich Sprachschüler. Die enge Zusammenarbeit von Kurator und Künstler wird nicht nur in der stimmigen Anordnung der Arbeiten im Raum deutlich, sondern auch in der stillen Eindringlichkeit, die jedes einzelne Projekt zu vermitteln vermag.

Das Zentrum der Schau mit dem Titel "BOTSCHAFTEN/en/er" bildet eine hängende Leuchtinstallation von Brittany Gould, die allein durch den Lichtausfall an ihren Rändern sämtliche anderen Arbeiten in ein gleißendes, nahezu aggressives Licht taucht. Das zieht immer neue Passanten in das Ladengeschäft, lässt sie aber im richtigen Moment wieder los, um die anderen, leisen Arbeiten zu entdecken. Hier sticht eine konzeptuelle Anordnung der in Griechenland geborenen Elena Chronopoulou hervor: Drei quadratische Rahmen umfassen jeweils ein Handarbeitsstück. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die drei Objekte als Häkeldeckchen, denen ein und derselbe Entwurf zu Grunde liegt. Ganz links das perfekt verarbeitete Ergebnis von Großmutter, daneben der schon etwas weniger tadellose Versuch der Tochter, ganz rechts dann ein lieblos in Form geworfener Faden. Unter den drei Generationen textilen Werkens rundet ein reichlich vergilbter Zeitungsartikel zu den Qualitäten einer Hausfrau das Zeitzeugnis-Ensemble ab. Diese Botschaft funktioniert ganz ohne plakative Hinweise auf die enthaltenen Themen Generationswechsel und gesellschaftlicher Umbruch, der in wohl kaum einem anderen europäischen Land gerade so aktuell ist wie in Griechenland. Allen in "BOTSCHAFT/en/er" gezeigten Positionen ist neben ihrer unaufdringlichen Wirkung auch der Fokus auf internationale Themen gemein. Und auch dieses Motiv fügt sich nahtlos in den lokalen Kontext ein: Schließlich steht kaum ein anderer Berliner Bezirk so für globalen Einfluss wie Neukölln, in dem allein 80 000 Einwohner aus 160 Nationen stammen.

Kunst kann viel – und muss noch mehr leisten

Auch wenn an diesen ersten vier der 48 Stunden Neukölln noch einige weitere Projekträume, kurzfristig umfunktionierte Druckereien und Atelierräume rund um den Herrfurthplatz folgen sollen, bestechen die meisten eher durch die Einblicke in ansonsten private Lokalitäten oder Arbeitsplätze. Vieles wirkt noch im Aufbau und gelegentlich fällt es schwer, Ausstellungsstücke von Inventar zu unterscheiden, oder umgekehrt. Letztlich ist auch das Teil der 48 Stunden, die sich selbst als "künstlerisches Experimentierfeld" verstehen. Wieder wird deutlich, wie weit Neukölln von Mitte und der sich selbst feiernden Kunstszene entfernt liegt. Möglicherweise interessiert man sich in keinem der beiden Bezirke für die Außenwirkung der lokalen Kunst, in Neukölln jedoch bemüht man sich gar nicht erst um ein harmonisches Gesamtbild. Ganz zu schweigen von Trends oder Optik. Zugleich wird – zumindest laut Festivalprogramm – viel Einflussnahme erwartet: "Kunst kann viel – und muss noch mehr leisten" heißt es da.

"Zeichnen Sie die Hosen ihrer Mutter"

Was Kunst kann, zeigt sich am Samstag auch in dem Projektraum und gemeinnützigen Verein "Ida Nowhere" in der Donaustraße. Das Kollektiv demonstriert seit einigen Jahren ein Ideal, das mit der gleichgültigen Coffeeshop-Coolness des zunehmend gentrifizierten Kiezes nicht unbedingt harmoniert: eine auf Partizipation basierende Non-Profit-Initiative, die Theater, Lesungen, Diskussionsveranstaltungen, Performances und Konzerte ermöglicht, ohne dass ein ambitioniertes Start-Up oder eine Geschäftsidee für die Zwischenzeit herhält. Und mitmachen darf oder vielmehr soll auch an diesem Abend jeder, der sich in die von Menschen und Eindrücken überfüllten Zimmer begibt. Als "Freie Irrationale Universität" fordert die "Ida" von allen, die sich erstmal nur durchschlängeln möchten, eine Studienbewerbung. Erst wer den Zettel mit Aufgaben wie "Zeichnen Sie die Hosen ihrer Mutter" ausgefüllt und eingereicht hat, erhält den Studienbrief, der ihn zur Teilnahme an den angebotenen Kursen berechtigt – und wer möchte das nicht bei Seminarleitern wie He_Man Nitsch, Johannes Cäge, Rrrandy Warhol, Jesus Beuys, Gustl Spoerri, Yves Kliene, Soko Yono? Wie an den meisten Universitäten fällt es auch hier nicht leicht, den richtigen Ort zum richtigen Kurs zu finden, wem das allerdings gelingt, der kann auf ein Diplom hoffen. Für alle anderen wird präventiv schonmal Beuys zitiert: "Jeder ist ein Künstler!" schallt es in regelmäßigen Abständen aus dem Studienbüro. Das könnte einfach retro sein, oder eine Kampfansage gegen den Wachstums- und Aufhübschungshunger eines aufstrebenden Bezirks und seine Folgen für ansässige Künstler. In dem von der Festivalleitung herausgegebenen Programmheft heißt es dazu: "Müssen Künstlerinnen und Künstler, die in ihrer überwältigenden Mehrheit selbst am Existenzminimum leben, nicht erst einmal sich selbst retten?"

Mut zur Unfertigkeit, zum organisierten Chaos

In der Ganghoferstraße nahe dem Rathaus Neukölln stellen "echte" Studenten aus: Der Studiengang "Sound Studies" der Berliner Universität der Künste zeigt unter dem Titel "Resonanz. Klang. Kunst. Gesellschaft." im 5. Obergeschoss einer Parkgarage die methodische Dehnbarkeit des Begriffs "Klangkunst". Dabei wählt jeder der acht Studierenden eine eigene Perspektive auf das ebenso dehnbare Themenfeld: Kunst und Gesellschaft. Einmal geht es um Überwachung und Spionage, dann um die Beziehung des Einzelnen zu Politik und Parteien oder die "allgegenwärtige Tendenz des Vergessens". All diese Themen funktionieren in dem trashigen Neubau auch akustisch gut für sich allein. Es fehlt jedoch an einem verbindenden Element, gerade weil es – laut Pressetext – um das Verhältnis von Gruppe und Einzelnem gehen soll. Auch bei einem Kunstfestival, das sich nicht weniger als die Rettung der Welt zum Ziel gesetzt hat, lassen sich individuelle Interessen nicht immer vereinen. Auch die "Pioniere eines besseren Neuköllns" – wie sie vom Festival genannt werden – sind erstmal Einzelkämpfer, deren Organisation zu einer Gruppe mit konzentrierter Wirkungskraft vielleicht noch mehr als 48 Stunden brauchen wird.

Mehr als 48 Stunden braucht auch, wer sich alle Projekte, Arbeitsstätten, Außeninstallationen oder Performances ansehen möchte. Der "Spirit" des dezentralen Berliner Kunstfestivals ist jedoch bereits an einem einzigen Abend in einem der teilnehmenden Kieze spürbar: Mut zur Unfertigkeit, zum organisierten Chaos – gerade in Zeiten einer ökonomisch getriebenen Gentrifizierung und dem damit verbundenen Optimierungsbestreben. Insofern sind die Arkaden als zentraler Festivalsort mehr als passend gewählt: Chaotisch geht es hier auch nach dem Einfall der Szene noch zu. Und zugleich drückt sich der gesellschaftliche Wandel Neuköllns nirgendwo deutlicher aus als an der Supermarktkasse des Kauflands im Untergeschoss.