Werner Tübke - Leipzig / Bad Frankenhausen

Ein Künstler, über alle Zeit erhaben?

Unter den Staatsmalern der DDR war Werner Tübke der störrischste, selbstbewusst bis zur Arroganz, auch gegenüber der Macht. Seine Kunst irritiert noch heute in ihrer kompromisslosen Abkehr von der Moderne. Der Maler, der sich in einer Reihe mit Dürer, Bruegel und dem italienischen Quattrocento wähnte, starb 2004 und wäre in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden. Die Museen an den beiden wichtigsten seiner Wirkungsstätten bieten noch einmal eine Annäherung an sein Werk.
Ein Künstler, über alle Zeit erhaben?:Tübke in Leipzig und Bad Frankenhausen

IX. Kunstaustellung der DDR, Dresden 1982

Nie vergaß er die Künstlerpose. Die Selbstporträts offenbaren, warum die Bilder Werner Tübkes sind, wie sie sind. Schon mit 24, in Baskenmütze und hochgestecktem, weißem Schal lässt er bei verbindlichem Lächeln keinen Zweifel an seiner Präsenz. 15 Jahre später schaut man aus der Untersicht zu ihm hinauf, Palette in Hand vor einem Pontormo. Er zeigt sich als orthodoxer Heiliger, als königlich kostümierte Marionette und immer wieder als den autonomen, nur sich selbst gehorchenden Künstler, das charismatische Genie.

Wohl dosiert sind Tübkes Selbstbespiegelungen in der Retrospektive am Museum für bildende Kunst in Leipzig verstreut. Und in Bad Frankenhausen wird an diesem Wochenende in der Galerie des "Bauernkriegspanoramas" der Künstler vor der Kulisse seines Monumentalwerks gleichfalls in all seiner Autonomie inszeniert. Zwar war die gigantische Schlachtenallegorie ein Auftragswerk. Der Staat suchte Legitimation aus der Geschichte. Tübke jedoch gab sich unnahbar. "Es redet niemand rein!", zischt er die Verantwortlichen im Kulturministerium in einem 13-Punkte-Katalog von Forderungen an, im gleichen Atemzug mit dem Wunsch nach angemessenem Honorar und einer "älteren Villa" für ihn vor Ort.

In den Vitrinen liegen noch andere Dokumente, die Tübke so widerspenstig und schroff zeigen, wie er zeitlebens auftrat. Selbst zu den Quellen für seine eigenwillige Interpretation der Geschichte verweigerte er jede Auskunft. In der Zusammenschau mit Leipzig könnte man sich so einiges erschließen über den Künstler und politischen Taktierer Tübke, aber die Gelegenheit wurde vergeben, das Werk vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund auszubreiten. Leipzig bietet einen Katalog an, der aber bleibt hinter dem Forschungsstand zurück. Seine Anhänger huldigen ihm, zigfach wiederholte Standpunkte kehren wieder, Meisterschüler ergehen sich in Dankesreden. Es gibt kein Wort zu den Exponaten, und das ist schon deshalb ein ärgerliches Versagen, weil der Schwerpunkt auf dem Frühwerk liegt.

Wo die Thematik die Fesseln der Ideologie abstreift

Bilder und Zyklen der fünfziger und frühen sechziger Jahre, sonst selten gezeigt, begleiten den Betrachter durch die Phasen jener selbstbewusst eigensinnigen "Erbeaneignung", mit der Tübke den Sozialistischen Realismus jäh alt aussehen ließ. Der geborene Kolorist mit der altmeisterlichen Ader lud seine Bilder mit Personal, Stimmung und Anleihen auf, die aus einer viel größeren Bandbreite kunsthistorischer Quellen entlehnt waren als bis dato "erlaubt". Tübke allerdings, und das macht ihn zum Phänomen, ignoriert die Klassische Moderne, zu der die Progressiven seiner Kollegen aufschließen, und hält sich statt dessen an das Spektrum der Renaissance beiderseits der Alpen, mit Anklängen allenfalls an den Surrealismus.

Der Preis ist freilich ein sichtlich gequältes Lavieren durch die Erfordernisse der Parteilichkeit. Die Gegenüberstellungen von Gut (Sozialismus) und Böse (Kapitalismus), die er in den Diptychen der "Fünf Kontinente" durchexerziert, sind zu platt im Verhältnis zu seiner virtuosen Pinselführung, und die Fahnen- und Redenschwinger auf den Triptychen "zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" wirken seltsam starr und verloren in einem bruegelschen Menschengewirr vor altflämischer Staffage. Ein Unikum von greller Absonderlichkeit ist aber die "Sozialistische Jugendbrigade" von 1964, die hyperrealistisch gezeichneten Nachwuchskader in schlecht sitzenden Anzügen in eine breit geschilderte Bankettszene im Stil Veroneses einmontiert. Umso deutlicher wird der Quantensprung in den vielfach durchgespielten Varianten der "Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze", wo die Thematik des Antifaschismus die Fesseln der Ideologie abstreift und der verrätselt-flirrende Bildaufbau des reifen Tübke zum Vorschein kommt.

Schiere Last des kulturgeschichtlichen Gepäcks

In seinem Beitrag zum Kunstprogramm des Palasts der Republik sieht man ihn noch einmal gegen aufgepfropfte Bildprogramme anrennen. Der sozialistischen Familie kommt er mit den Mitteln Michelangelos bei. Der "Mensch als Maß aller Dinge" führt Tübke zum Manierismus mit seinen hoch artifiziellen Figuren und ausbalancierten Gruppierungen. Doch in der elf Jahre währenden Versenkung in die Thematik des Bauernkriegs entwickelt er aus dem Bildfundus der Renaissance seine allegorische Bildsprache. Koloristische Virtuosität geht Hand in Hand mit dem Erfinden einer Ikonografie, die aus längst abgelegten historischen Ursprüngen heraus neue Blüten treibt. Wo diese Kraft anhält, gibt sie auch seinem Werk der Nachwendezeit Kraft, doch es ist bezeichnend, dass in Leipzig davon weniger zu sehen ist, als in anderen Ausstellungen der jüngeren Vergangenheit.

Das Panoramamuseum will dem Publikum noch einmal den titanischen Kraftakt vor Augen führen, mit dem Tübke 120 laufende Meter haushoher Leinwand mit seiner üppig bebilderten Allegorie auf den "Sieg in der Niederlage" füllte. Da geht es nicht zuletzt um den Beitrag einer kleinen Schar von Gehilfen. "Probeleinwände" in der Größe der Endfassung sollten zeigen, wie sie Tübkes Stil verinnerlichten. Die sklavische Selbstverleugnung hielten die wenigsten durch. Leider erfährt man nichts über deren Werdegang. Nur einer, Eberhard Lenk, blieb eisern dabei, und der hat sich bis heute nicht aus dem Bann seines Vorbilds gelöst.

Noch immer karren täglich Busse ihre überwiegend ergrauten Insassen zum Schlachtberg hinauf. Zwar ist der Andrang seit Tübkes Tod um gut ein Fünftel auf rund 80 000 Besucher pro Jahr gesunken. Doch der Maler kann zufrieden sein. In ergriffener Stille lauscht man den Erklärungen der Führer im Nachhall des dämmrigen Saals. Es ist ein aussichtsloses Bemühen angesichts der schieren Last des kulturgeschichtlichen Gepäcks. Natürlich hat das schon seine Auftraggeber überfordert. Doch sie konnten hoffen, dass der Glanz des Werks auf den Staat zurückfallen würde. Jetzt, da es darum nicht mehr geht, hält sich umso lebendiger der Mythos, den Tübke selbst um sein Werk webte – als der genialische Schöpfungsakt eines der Gegenwart entrückten Künstlers.

"Werner Tübke"

Termine: bis 13. September, Museum für bildende Künste Leipzig; Di, Do–So 10–18, Mi 12–20 Uhr; Panorama-Museum Bad Frankenhausen, bis 11. Oktober, Di–So 10–18 Uhr, im Juli und August auch Mo 13–18 Uhr. Katalog: Leipzig 28 Euro.
http://www.tuebke.org/

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