Radar - Jens O. Brelle

Jens O. Brelle über Lena Schmidt

Für unsere Serie "Radar" fragen wir Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Jens O. Brelle, Rechtsanwalt und Chef der Kanzlei "Art Lawyer" über die Hamburger Künstlerin Lena Schmidt
Radar: Lena Schmidt:Jens O. Brelle über seinen Lieblingskünstler

Lena Schmidt: "Brandshofkreuzung", 2008

Die Arbeiten der Hamburger Künstlerin Lena Schmidt nennen sich "Brandshof Nr.1", "S-Bahn Hammerbrook", "Autobahn". Um nur ein paar Beispiele zu nennen. Lena Schmidt arbeitet mit vorgefundenen Materialien, echten "Fundstücken": von der Witterung zersetzten Holzteilen, angefrästen Werkstattplatten mit vielen Abnutzungsspuren. Ihre Motive entnimmt sie den städtebaulichen Situationen vor Ort, insbesondere der düsteren Architektur des Brandshof-Ensembles an den Hamburger Elbbrücken. Ihre Themen sind jedoch nicht nur lokal, manche Motive hat die
Künstlerin von langen Reisen "mitgebracht", so zum Beispiel das Motiv für ihre Arbeit "Autobahn": "Ich war besonders beeindruckt von den langen Autobahnfahrten, die wir durch leeres, wüstenartiges Gelände gemacht haben. Die Freiheit und den weiten Horizont fand ich wunderschön", so Lena Schmidt. Diese Eindrücke verarbeitet sie mit ihrer ganz eigenen Technik: dem Anbringen von Acrylfarbe beziehungsweise Edding auf Holz, um diese dann wieder mit dem Feinmesser herunterzukratzen. Dabei entstehen farblich wunderbar reduzierte Arbeiten. Durch die großen Formate wird das Geheimnisvolle und Unbestimmte ganz besonders eindrucksvoll.

Das Werk "Brandshofhalle" ist einerseits eine Zusammenfassung des Ortes, an dem die Künstlerin zu der Zeit gelebt und gearbeitet hatte (ein altes Speditionsgebäude von 1928, direkt an einem Hafenbecken gelegen und umgeben von den Elbbrücken), andererseits ein Fantasiegebilde, in dem die Künstlerin die Elemente frei zusammensetzte. Für "Brandshoferdeich" aus dem Jahr 2008 beobachtete Lena Schmidt die vorgefundene Arbeitsplatte bereits über ein Jahr lang: eine Platte, die durch die Witterung und Sonneneinstrahlung schon sehr stark ausgeblichen war, gräulich gefärbt und an manchen Punkten der Maserung silbern glänzte. Auch hier arbeitete die Künstlerin mit den vorhandenen Strukturen und Farben: nur mit Edding auf Holz, um Schatten zu setzen. Und nur an einigen wenigen Stellen mit einem Feinmesser in das Holz gekratzt, um das Leuchten zu verstärken.

Lena Schmidt erforscht mit diesen einzigartigen Techniken sehr intensiv die Ausdrucksmöglichkeiten von Struktur und Material. Dabei verzichtet sie weitgehend auf Farbe und stellt die meist hölzerne Materialität der Arbeitsfläche in den Vordergrund. "Es entstehen urbane Schattenwelten und sattgoldene Perspektiven. Nacht versus Tag in zeitlosen Räumen. Stadtlandschaft statt Landschaft. Die entfremdet organikfreien Paralleluniversen, vollkommen in Linie, Perspektive und Materialstruktur aufgehend, haben eine traumartige Subtilität und eine ganz eigene optische Tektonik. Ebenen verschieben sich, changieren, geheime Fenster werden leise geöffnet zu rätselhaften Dimensionen", lobt auch die Kuratorin Kristina von Bülow die Arbeiten.

Zur Vita: Lena Schmidt studiert seit 2004 Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Sie ist Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes und ist mit einer Arbeit in der Kunstsammlung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit vertreten. Ihre Werke wurden unter anderem bereits im Kunstverein Hannover, im Kunsthaus Hamburg, im Westwerk Hamburg und in der Galerie heliumcowboy artspace gezeigt. Dort habe ich die faszinierenden Arbeiten der Künstlerin entdeckt.