Paul Graham - Interview

Ein Bild von etwas Interessantem macht noch kein interressantes Bild

Paul Graham, der sich in den frühen Achtzigern mit sozialdokumentarischen Projekten einen Namen machte, entwickelte sich über die Jahre zu einem der anerkanntesten Vertreter der künstlerischen Fotografie. Er hatte große Einzelausstellungen in der Londoner Tate, im Fotomuseum Winterthur und im New Yorker MoMA. Aktuell widmen ihm die Hamburger Deichtorhallen eine Retrospektive. In Berlin eröffnet außerdem eine Schau in der Galerie Carlier Gebauer. Im Interview mit art erklärt der britische Fotograf den Unterschied zwischen guter und schlechter Kunst und warum er lieber mit Stanley Kubrick als mit David Bowie verglichen werden möchte.
Hä? Wow!:Der britische Fotograf Paul Graham über den Unterschied

Der britische Fotograf Paul Graham im Gespräch

Herr Graham, haben Sie heute schon ein Foto gemacht?

Nein, heute noch nicht. Ich bin letzte Nacht aus London zurückgekehrt. Dort habe ich in meinem Hotelzimmer einen billigen Plastikkronleuchter fotografiert.

Jürgen Teller beschrieb neulich in seiner wöchentlichen Kolumne im "Zeit-Magazin", wie er zur Fotografie kam. In dem Moment nämlich, als er das erste Mal durch einen Kamerasucher blickte, wusste er, dass er Fotograf werden müsste. Wie sind Sie dazu gekommen? Gab es einen ähnlich leidenschaftlichen Moment?

Ich stieß in einem Magazin namens "Creative Camera" auf großartige Fotografie. Das war Mitte der siebziger Jahre. Und da habe ich instinktiv gemerkt, dass das genau mein Ding ist. Ich habe gemerkt, dass ich verstand, was diese Fotos bedeuteten. Und ehrlich gesagt, hatte ich das Gefühl, ich könnte das auch. Ich bin sehr glücklich, dass es diesen Moment in meinem Leben gab, und ich wünsche jedem Menschen, dass er so etwas erleben darf.

Hat sich Ihre Einstellung zur Fotografie mit den Jahren geändert? War sie zum Beispiel anfangs emotionaler oder rationaler als heute?

Das ist eine interessante Frage, der ich bislang noch nicht nachgegangen bin. Vielleicht könnte man sagen, dass mein Interesse, Fotos "über" etwas zu machen, immer geringer geworden ist. Ich habe immer weniger das Bedürfnis nach einem offensichtlichen Subjekt vor der Kamera. Viel zu viele Fotografen denken, dass sie, wenn sie ein Bild von etwas Interessantem machen, automatisch auch ein interessantes Foto haben. Aber so ist es nicht.
Ed Ruscha hat das ziemlich gut ausgedrückt, als er mal sagte, eine Reaktion auf schlechte Kunst ginge so: "Wow! Hä?". Auf gute Kunst dagegen: "Hä? Wow!"

In den meisten Ihrer Projekte stehen Menschen im Mittelpunkt. Sie entziehen sie allerdings nie ihrer Umgebung: Die Personen sind in Gedanken versunken, starren auf den Fernseher oder spazieren weiter die Straße entlang. Es scheint fast, als wenn Sie als Fotograf dabei unsichtbar wären. Ist das Teil Ihres Konzepts: Fotos zu machen, ohne die jeweilige Situation zu beeinflussen?

Das Problem ist: Sobald sich Leute einverstanden erklären, fangen sie an zu posen und verändern damit die ganze Situation. Und dann kann einfach nicht mehr das Bild entstehen, das ich ursprünglich machen wollte. Ich fotografiere sie einfach und lächle und unterhalte mich danach mit ihnen, wenn sie das möchten. Andererseits bewundere ich Kollegen wie Rineke Dijkstra, die für ihre Fotos mit den Porträtierten sehr erfolgreich zusammenarbeitet.


Also sind Sie nicht einfach zu schüchtern, um direkt auf die Leute zuzugehen?

Es ist nicht so, dass ich Angst hätte, die Leute direkt anzusprechen. Ich versuche mit meinen Fotos das festzuhalten, was ich sehe. Leider muss ich dafür eine Kamera benutzen. Manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich, sobald ich eine Kamera in der Hand halte, diesen Unsichtbarkeitsmantel von Harry Potter. Vielleicht entspricht das nicht ganz der Wahrheit, aber pssst, bitte den Zauber nicht brechen!

Ich habe gelesen, dass Sie für das Projekt "Beyond Caring", bei dem Sie Wartende auf Sozial- und Arbeitsämtern fotografierten, geheim arbeiten mussten. Stimmt das?

Nein, das stimmt so nicht. Bewusst geheim gehalten habe ich das nur vor den Behörden, nicht aber gegenüber den fotografierten Personen. Ich habe damals mit einer Mittelformatkamera gearbeitet. Die machte so viel Lärm, dass man gar nicht diskret arbeiten konnte. Meistens wussten die Leute also Bescheid, auch wenn ich nicht rumgelaufen bin und Pressemitteilungen verteilt habe.

Einige der Fotos in "Beyond Caring" sind schief, wie aus dem Lot. Man kann das als Metapher für ein Leben lesen, das aus dem Gleichgewicht geraten ist. War das so beabsichtigt?

Nein, geplant war das gar nicht. Aber ich fand es großartig, als ich bemerkte, was da passiert. Wenn man absichtlich schiefe oder unscharfe Bilder macht, wirkt das oft sehr künstlich.

Aber man muss unbedingt Fehler und Missgeschicke in seine Arbeit einbeziehen. Nur so offenbaren sich die eigenen, unbewussten Strategien. Übrigens war ein solcher Fehler auch der Ausgangspunkt für die weißen, überbelichteten Motive in "American Night".


In Ihrem aktuellsten Projekt "A Shimmer of Possibility" arbeiten Sie mit Bildsequenzen. Welchen Wert und welche Bedeutung hat für Sie da noch das einzelne Bild?

Gute Fotografie hat in der Regel zwei Seiten. Zum einen geht es um die Welt, zum anderen um Fotografie. Genau das versuche ich auch mit der Arbeit "A Shimmer of Possibility". Aber ich werde jetzt weder die eine noch die andere Seite erklären. Das müssen sich die Leute schon selber anschauen.

"A Shimmer of Possibility" sind momenthafte Ausschnitte von alltäglichen Situation. Sie zeigen einen Blick zurück, einen Blick zur Seite. Mal fokussieren Sie den Vordergrund, dann gleich wieder den Hintergrund. Sie gehen jemandem hinterher und bleiben plötzlich stehen. Ist das eine Arbeit über Ihre persönliche visuelle Wahrnehmung, über Ihre Art des Sehens?

Ich glaube, dass das eher ein natürlicher Ausdruck dessen ist, wie wir auf die Welt schauen. Wir lassen uns treiben, geraten in Stromschnellen. "A Shimmer of Possibility" war ganz klar der Versuch, das auszudrücken. Ich erkläre eigentlich ungern meine Arbeiten, aber der Titel ist eine sehr deutliche Anspielung. Schimmern bedeutet ja, dass etwas flüssig ist, sich bewegt und verändert, etwas, das ständig im Fluss ist, Lichtreflexe aussendet, Wiederspiegelungen einer anderen Möglichkeit, eines anderen Bewusstseins. Ich finde, das ist ein ziemlich deutlicher Wink.

Ich habe gelesen, dass die Idee für das Projekt nach der Lektüre von Tschechows Kurzgeschichten entstanden ist. Wie kam es dazu?

Tschechows Kurzgeschichten sind von wundervoller Schlichtheit. Er beschreibt die alltäglichsten, profansten Momente seiner Zeit, ohne besonderes Drama oder Endgültigkeit. Das ist eine interessante Lektion, die man unbedingt auf die Fotografie übertragen sollte: dass alles interessant ist und nichts ausgeschlossen werden muss.

Es scheint, dass Sie viele Ihrer Projekte in Hinblick auf eine Buchveröffentlichung realisieren. Sehen Sie die als angemessene Präsentationsform Ihrer Arbeiten?

Beides, Bücher und Ausstellungen sind wichtig. Es ist einfach großartig, dass es beides gibt. Das Buch ist ein inniger und persönlicher Dialog mit dem Leser. Ich will auf keinen Fall, dass das Buch ein reiner Katalog dessen ist, was an der Wand hängt. Das wäre eine vergebene Gelegenheit. Eine Ausstellung hingegen nimmt Raum ein, hat ihre eigene Präsenz und ändert sich mit jeder Station, jedem Ausstellungsort. Das ist schrecklich aufregend, allerdings auch sehr vergänglich.

Besonders in Ihren neueren Arbeiten, zum Beispiel mit den Sequenzen in "A Shimmer of Possibility", scheinen Sie sich an den begrenzten Möglichkeiten des Mediums Fotografie zu stoßen. Wieso filmen Sie nicht einfach?

Weil ich die Fotografie liebe!

Die Bandbreite Ihrer Arbeiten reicht von Dokumentarfotografie über Konzept- und experimentelle Fotografie bis hin zur Landschaftsfotografie. Wären Sie beleidigt, wenn man sie als den David Bowie, das Chamäleon der Fotografie bezeichnen würde?

Na ja, das ist ganz lustig. Ein besserer Vergleich wäre allerdings vielleicht der mit Stanley Kubrick, der in seiner Karriere ganz strategisch jedes erdenkliche Filmgenre ausprobiert hat: mit "Dr. Strangelove" eine Schwarze Komödie, mit "Barry Lyndon" einen Historienfilm, mit "The Shining" einen Thriller, mit "2001" einen Science-Fiction-Film und so weiter. Jeder von ihnen durchdrungen vom Geist des Abenteuers des Filmemachens, gepaart mit tieferen, dunkleren Ideen. Wenn ich nur zehn Prozent dieser Leistungen erbringen würde, könnte ich glücklich sterben.

Paul Graham: Fotografien

Termin: bis 9. Januar 2011 in den Deichtorhallen Hamburg; sowie "Beyond Caring", 30. Oktober bis 4. Dezember in der Galerie Carlier Gebauer, Berlin
http://www.deichtorhallen.de/

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