Rosemarie Trockel - Zürich

Die Alchemistin

Ausstellungen von Rosemarie Trockel sind weit mehr als die Summe der Werke. Erst vor Ort fügt sie Dinge und Materialien zu einer höheren Ordnung: verwirrend, beziehungsreich, rätselhaft und schön. Wir trafen die medienscheue Künstlerin beim Aufbau ihrer Zürcher Schau, wo sie ihre neuen Keramiken mit dem ganzen Kosmos ihres Werks kombiniert.

Es ist, als sei man in dem mysteriös be­setzten Behandlungsraum eines Seelendoktors gelandet. Drei modernistische Sofas in Weiß hat Rose­marie Trockel wie für eine Gruppentherapie zueinander postiert. Andere Indizien sprechen wiederum dafür, dass sich hier zuvor ein weibliches Wesen entkleidet haben könnte. Immerhin findet sich kokett ein Paar Stiefel unter eine Couch geschleudert, ebenso gekonnt beiläufig ist eine hauchdünne, gesmokte Bluse über die Lehne gestreift.

Auf einem der gepolsterten Sitzmöbel abgestellt wurde ein Bild, aus dessen verglastem Innern uns die Comicversion eines schnurrbärtigen Südländers wie unter eine Gallertmasse entgegengrinst. Aber sind das nicht alles Sehfallen? Angesichts der Hybridgeschöpfe der Künstlerin Rosemarie Trockel entpuppt sich nahezu jeder erste Eindruck als raffiniert irregeleitete Projektion unseres Unbewussten. Es würde sich jedenfalls nicht empfehlen, auf den entfernten Nachfahren von Mies van der Rohes "Barcelona-Couch" Platz zu nehmen. Nicht nur, weil es sich hier um absolut unantastbare Stücke eines Ausstellungsraums handelt, sondern weil sie steinhart sind. Aus glasierter Keramik sowie Acrylharz hat Trockel ihre naturgetreu imitierenden Sitzmöbel modelliert.

Ausstellungsaufbau in der Kunsthalle Zürich, wo die viel umworbene Kölner Künstlerin gerade ihre große Einzelschau hat. Rosemarie Trockel lacht: "Man soll sich ja nicht selbst loben. Aber was bei dem Schnurrbart-Bildnis so erstaunt, ist der Eindruck, als ob der Mann hinter Glas tatsächlich leben würde." Stimmt, der glutäugige Kerl auf dem Sofa verfolgt einen mit seiner unheimlichen Existenz bei jeder Bewegung. Rosemarie Trockel umrundet wie unter Hochspannung den ersten fertigen Raum. Alle anderen Ausstellungsräume im obersten Geschoss des Löwenbräu-Areals warten noch auf ihr Finish, denn Trockel hat viel mehr Kunst und Objets trouvés im Gepäck, als dass alles an den Wänden oder in den Vitrinen Platz finden könnte. Die inszenierungslustige Raumbildnerin Trockel entscheidet vor Ort, welche surreale Liaison die Bilder und Gegenstände miteinander eingehen sollen. "Ich finde auch die Objekte für meine Installationen meist per Zufall!"

Philosophische und ironische Exkurse

Das transparente Ding von Bluse hat sie etwa erst einen Tag zuvor für zwei Euro in einem Ramschladen erstanden. Dafür ist der Stiefel unter der Couch reinste Haute Couture, ein Exemplar aus der letzten Winterkollektion von Alexander McQueen, das Trockel nicht nur wegen des gestrickten Schafts in Norwegermustern ihrer Kunst einverleibt hat: "Alexander McQueen war für mich seit langem – eigentlich seit es ihn gab – der inspirierendste Designer."

Philosophische oder auch ironische Exkurse in die Mode, das Design, die Musik, überhaupt die Fetischwelt unserer Kultur zeichnen gerade ihre Installationen und Collagen aus. Wobei Rosemarie Trockel anders als die Pop-Artisten immer unter die Oberfläche geht, das Verletzliche und Fragile hinter der Hülle wie mit dem Seziermesser hervorholt. Je länger man sich etwa das weiße Acrystalsofa ansieht, um so schmuddeliger erscheint es, um so mehr Wunden kehrt es hervor. An einer Fehlstelle quillt Verbandsmaterial, einige Kanten sind aufgeplatzt und wirken wie angerostet. Das ach so jungfräuliche Sofa entpuppt sich als ein von seinem lädierten Inneren heraus angefressener Körper. "Die Arbeit hat tatsächlich etwas Kerbenartiges bekommen", erläutert Trockel. "Sie changiert zwischen Zartheit und Brutalität." An der Wand sind zwei von Trockels neueren phänomenalen Keramiken fixiert. Zentnerschwere, farbig glasierte Wandskulpturen, die wie wollüstige Schwämme weiter zu wuchern drohen. Einer der organischen Keramikfladen ist annähernd rechteckig geformt, unterteilt in Segmente und strotzt vor saftigem Rot. "Das sind Fleischstücke, und sie haben alle eine Bedeutung", befindet Rosemarie Trockel lakonisch. Das Organische und Minimalistische ist eines der widerstreitenden Paare, die Trockel in ihrem Œuvre gegeneinander ausspielt. Seit zehn Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit Keramik. "Aus einem mir unbekannten Grund heraus", behauptet sie. Dennoch ist es der wichtigste Werkstoff in der Zürcher Ausstellung. "Es interessiert mich auch jetzt nicht richtig, wie man Keramik handwerklich korrekt herstellt. Das mag vielleicht das Berufsethos eines Keramikers auszeichnen. Ich arbeite eher gegen dieses Know-how, das liebe ich. Oft sind die interessantesten Dinge doch die Fehler." Tatsächlich weisen die handgeformten Keramiken Wundmale und vulkanische Risse auf.

"Ich möchte die Dinge wieder in Fluss bringen"

Niemand hat je beobachtet, wie sich Rosemarie Trockel am Ton förmlich abarbeitet. Weder ihre Assistenten noch ihre teils freundschaftlich verbundenen Studenten von der Düsseldorfer Kunstakademie wohnen den fast an Jackson Pollocks dramatische Entäußerungen erinnernden Aktionen im Atelier bei: "Ich schmeiße die Masse auf den Boden und manchmal forme ich sie mit einem schweren, feuchten Lappen oder drücke den Boden eines Eimers in die Oberfläche." Mehr wird vorerst nicht über den Entstehungsprozess verraten. Brennen lässt Trockel ihre Skulpturen wie der Kollege Thomas Schütte in der renommierten Kölner Keramikwerkstatt von Niels Dietrich. Am liebsten wartet sie neugierig vor Ort den Prozess ab, bis das gebrannte "Kind" wieder aus dem Ofen kommt – um es unter Umständen zu vernichten. Trockel empfindet ihre Wandkeramiken als hochgradig barock. Und tatsächlich haben die metallisch schimmernden Skulpturen etwas von katholischem Altarschmuck an sich. Die aus mehreren flachen Puzzleteilen zusammengesetzte Arbeit "Zum schwarzen Ferkel 4" (2006) etwa wirkt wie eine aus der Form geratene silberne Aureole. Trockel mischt der Glasur Platin bei, so dass die Oberfläche prätentiös zu reflektieren beginnt. "Eigentlich wird dieser Anschein des Kostbaren ja nur durch banale Spiegeleffekte, billige Fälschungen, Täuschungen erzeugt. Es ist doch nicht mehr als gebrannte Erde. Die Keramiken leben von diesem Zwiespalt."

Rosemarie Trockel, Deutschlands gleichzeitig berühmteste und verschwiegenste Künstlerin, gestattet sich mit ihrer Zürcher Ausstellung quasi eine Art Retrospektive unter subversiven Vorzeichen. Sie summiert Neues und Altes, Objets trouvés wie einen animalischen Wollzottelstuhl und originäre Kunst wie etwa ihre berühmten Herdplattenbilder zu einem absurden Arrangement. In zwei riesigen Vitrinen steht das Panoptikum zur Schau. Ein Frauenbein aus einer früheren Gipsskulptur hat Trockel amputiert. Die Schnittstelle wurde von ihr in Rosa mit weißen Flecken bemalt, so dass das makabre mit einem Nylonstrumpf umkleidete Körperglied nun an eine angeschnittene Mortadella erinnert. "Ich möchte die Dinge wieder in Fluss bringen", sagt die alchemistisch eingestellte, bisweilen auch zerstörerische Urheberin. Gut, dass der Kunstmarkt ihr die meisten Produkte in der Regel beizeiten entzieht. Trockel rangiert seit Jahren als eine der wenigen Frauen unter den 30 Topkünstlern der Weltrangliste.

Als Feministin wird die 1952 geborene Rosemarie Trockel gerne ettikettiert, seit sie mit ihren maschinell gefertigten Strickbildern ihre subtile Häme über die Handarbeitsseligkeit der Frauenkunst in den Siebzigern ausbreitete. Ein Ruf, der den Zugang zu ihrem Werk mittlerweile eher verstellt, weil es materiell und philosophisch zu vielschichtig ist, als dass Trockels Größe an Klischees wie "weiblich" und "gesellschaftskritisch" festzumachen wäre.

Trockel unterzieht äußere Eindrücke einer Metamorphose

Logos wie Playboyhäschen zierten früher die Wollbilder. Von solchen Eindeutigkeiten ist sie heute weit entfernt. Die "Stricktrockel" ist in der Ausstellung zwar präsent, aber Signets sucht man meist vergeblich. Die Wollfäden verdichten sich mittlerweile in straff gezogenen Reihen zu monochromen Bildern, lassen hier und da den Grund durchscheinen, so als seien sie ein einziges fehlerhaftes Laufmaschenwerk. Damit nicht genug des Sakrilegs: Die Arbeiten sind handgemacht! "Verflüssigung der Mutter" hat Rosemarie Trockel ihre Zürcher Ausstellung betitelt und liefert eine etwas umständliche Erklärung: "Die Mutter steht für alle Einflüsse der Außenwelt, die den Körper infiltrieren und im Gewebe oder Gehirn gleichsam verflüssigt werden.

In allen künstlerischen Arbeiten werden diese Einflüsse dann dräniert – sie strömen einer Infusion gleich in die künstlerische Arbeitsweise ein und verfestigen sich im sichtbaren Werk." Das – mit Verlaub – kann nicht ihr voller Ernst sein und ließe sich auch als Persiflage auf das Wortpathos des Malerkollegen Neo Rauch verstehen. Schlichter ausgedrückt will Trockel sagen, dass sie äußere Eindrücke wie bestehende Dinge einer ständigen Metamorphose unterzieht, bis sich ein neues Kunstwerk manifestiert: "Der Titel läuft auf eine Zustandsbeschreibung heraus, wie ich funktioniere. Alles hängt irgendwie zusammen. Ich bin ständig in der Arbeit, fotografiere und manchmal suche ich konkret Materialien. Es gibt schon Zyklen, meist aber finde ich Dinge. Es setzt sich etwas fest und wird wieder flüssig."

Rosemaries Trockels große Kunst ist, dass sie die Widersprüche zwischen Abstraktion und Einfühlung, zwischen Konzept und Expressivem, zwischen Minimal Art und Surrealem nicht auflöst, sondern in einem produktiven Spannungsverhältnis belässt. "Mich interessiert die Unkontrollierbarkeit der Natur angesichts des Kontrollierbaren durch die Kultur." Der Humor, wie er sich vor allem auch in den parallel im Kunstmuseum Basel gezeigten, herrlich grotesken Zeichnungen niederschlägt, ist oft ein verbindendes Glied. Würde man übrigens eine der Zürcher Vitrinen öffnen, dann schlüge einem der scharfe Geruch von Whisky aus einem auf einer aalglatten Keramikarbeit in Schwarz abgestellten Glas entgegen. Trockel spricht mehr als nur einen Sinn an, und sie lässt auch zu, dass sich das Unheimliche auf verborgenen Wege in ihre Kunst einschleicht. Ob sie denn an Übersinnliches glaube? "Ich würde sagen nein, aber es gibt bestimmte Zeiten, wo man aus einer gewissen Übersensibilität Ungewöhnliches verschärft wahrnimmt. Ich glaube nicht an übersinnliche Mächte, aber sicher an Kräfte." Sie bleibt eine Sphinx, und dafür liebt man sie.

"Rosemarie Trockel - Verflüssigung der Mutter"

Termin: bis 15. August, Kunsthalle Zürich, bis 5. September, Kunstmuseum Basel. Katalog: (in Basel) Hatje Cantz Verlag, 39,80 Euro
http://www.kunsthallezurich.ch/akt_index.htm

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