Dominique Gonzalez-Foerster - Tate Modern

Das Ende aller Utopien und Fiktionen

Damit hat keiner gerechnet: Dominique Gonzalez-Foerster, die sonst mit eher bescheidenen Mitteln atmosphärisch aufgeladene Interieurs baut, verwandelt die Turbinenhalle in der Londoner Tate Modern in einen monströsen Jurassic Park unserer bereits untergegangenen Zivilisation. Zum neunten Mal greift im Rahmen der "Unilever Series" zeitgenössische Kunst inszenatorisch in die imposante Halle ein.

London im Jahre 2058. Die Themse ist angsterregend über die Ufer in die Stadt geschwappt, das Land droht weiter unter dem gestiegenen Meeresspiegel zu verschwinden. Und es regnet in einem fort, seit Tagen, ja Wochen. Wer sich aus dem Morast noch retten kann, findet eventuell in der Turbinenhalle der Tate Modern Zuflucht und ein Lager – ein hartes allerdings.

200 metallene Stockbetten in Blau und Gelb sind in das Hinterteil des ehemaligen Kraftwerks postiert. Zwischen den minimalistischen Bettstätten spreizen zu monströsem Format aufgeblasene, aus der Kunst des letzten Jahrhunderts vertraute Skulpturen ihre Glieder in den Raum: die Replik einer Bronzespinne von Louise Bourgeois, der feuerrote "Flamingo" von Alexander Calder und als einziges Original das Dinosaurier-Gerippe von "Felix the Cat" des italienischen Künstlers Maurizio Cattelan. Zur Ablenkung von dem auf das Dach eintrommelnden Regen überwältigt auf einer Großleinwand der "letzte" aller Filme aus aneinandergeschnittenen Szenen von Michelangelo Antonioni, Jean-Luc Godard, François Truffaut und anderen. Es ist, als sei man das lebende Inventar in einer Filmkulisse von Fritz Lang, dessen Untergangsszenario um ein Auffanglager der in die Zukunft verlegten Nachkriegsära kreist.

Dominique Gonzalez-Foerster simuliert in der Tate Modern spukhaft die Arche Noah aus literarischen, filmischen und skulpturalen Versatzstücken zu einer verblassten Kultur. Vielen Besuchern stand nicht von ungefähr am Eröffnungsabend das leise Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Nach all den katastrophischen Finanzkrisenmeldungen auch das noch: Man konnte erstmals vielleicht leibhaftig erfahren, wie es sich anfühlen mag, wenn das Ende aller Utopien und Fiktionen mit den Auswirkungen der Klimakatastrophe zusammenfällt. Statt einer animierenden Sonne von Olafur Eliasson oder einer spaßigen Endlosrutsche von Carsten Höller empfängt die Besucher der diesjährigen Folge der "Unilever Series" nun ein Schutzraum von düsterer Aussichtslosigkeit. Die 1965 in Strasburg geborene Künstlerin scheint bei der Vorbereitung ihrer Installation "TH.2058" fast visionär die Depression dieser Tage geahnt zu haben.

"Die Leute lieben oder hassen diese Arbeit"

Sicher hat Dominique Gonzalez-Foerster auch diesmal keine neue Bildsprache erfunden. Sie hält ohnehin nicht viel von künstlerischen Autorenschaft, will räumliche Atmosphäre über Erinnerungen oder Projektionen schaffen. "Die Leute lieben oder hassen diese Arbeit", fasste eine Kuratorin die Reaktionen am Eröffnungsabend zusammen. Ein größeres Kompliment kann man der Künstlerin vielleicht kaum machen. Wider Erwarten hat Gonzalez-Foerster, die letztes Jahr in Münster Skulpturen von Kollegen auf Modellformat einschrumpfte, den schwierigen Raum phänomenal in den Griff bekommen.

Filmisches überschneidet sich immer wieder überraschend mit den bizarren Silhouetten der Skulpturen. Ob die Besucher allerdings, wie von der Künstlerin gewünscht. die tristen Stockbetten in Beschlag nehmen, und in den dort ausgelegten Science-Fiction-Romanen schmökern, bleibt fraglich. Wer möchte schon länger als eine halbe Stunde Teil eines beängstigenden Jurassic Parks sein? Dominique Gonzalez-Foerster dazu: "Die Arbeit hat zweifelsohne eine dunkle Seite, aber ich hoffe, dass man nach einer Weile in dem Raum auch ein anderes Gefühl bekommt."

"Dominique Gonzalez-Foerster: TH.2058"

Termin: bis 13. April 2009, Tate Modern, London
http://www.tate.org.uk/