Jeremy Deller - Berlin

Revolution Acid Brass

1997 pfiff Jeremy Deller auf seine alte Kunst und fing an zu blasen. Mit seinen Acid Brass Klängen gelingt es ihm Vergangenes und Neues zu vereinen.

Herr Deller, im Rahmen des Festivals Foreign Affairs der Berliner Festspiele werden Sie die Blasmusik-Kapelle “The Fairey Band” Acid House aus den Achtzigern spielen lassen. Als sie dieses musikalische Projekt 1997 unter dem Titel “Acid Brass” erstmals vorstellten, sagten Sie, Blasmusik habe Sie befreit. Was war das für eine Befreiung?

“Acid Brass” war eine künstlerische Befreiung. Es war das erste Projekt, in dem ich kein Objekt oder Produkt machen musste, ich habe einfach nur ein Event organisiert. Das war so einfach und erfreulich. Plötzlich merkte ich, dass ich Kunst auf eine andere Art machen konnte, die ich weiterführen wollte: kollaborative Projekte oder Performances.

Sie verbinden bei Acid Brass die Blasmusikkapellen mit dem historischen Ereignis des Miners Strike. Dieser einjährige britische Bergarbeiterstreik der Jahre 1984/1985 war ein bedeutender Arbeitskampf, der aber die Macht der englischen Gewerkschaften langfristig verringerte. Das hat dann in seiner politischen Symbolik nicht mehr viel mit Befreiung zu tun.

Zunächst sind Blaskapellen für mich mit Industrie verbunden. Die Instrumente selbst sehen schon aus wie Produkte der Schwerindustrie, sie sind Metallfabrikate, Röhren. Blaskapellen wiederum sind aus der Arbeiterkultur entstanden. Fabriken, Minen oder Werften hatten ihre eigenen Kapellen, um die Arbeiter auch in ihrer Freizeit zu beschäftigen. Das ist das, was die Menschen in Großbritannien sehen: Blaskapellen sind eng mit der Arbeit in der Schwerindustrie verbunden. The Fairey Band zum Beispiel, wird noch von einer Fabrik gesponsort, was mittlerweile selten ist.

Der Streik selbst aber steht in Verbindung mit Gewerkschaften, die wiederum mit der Industrie verbunden sind. Der Gewerkschaftsstreik in den Achtzigern dauerte ein Jahr, eine lange Zeit. Er hatte einen großen Einfluss auf die britische Gesellschaft. Er spaltete sie, er war ein Erfolg für die Regierung und eine Niederlage für die Arbeiter. Vielleicht hat er einige Menschen befreit, Frauen zum Beispiel, aber die meisten wurden zu einem Leben ohne Arbeit und in Armut verurteilt. Nein, mit den Miner’s Strike verbinde ich keine Befreiung.

Nun covert Ihre Blaskapelle The Fairey Band Tracks des Acid House, einer frühen Form elektronischer Clubmusik. Was bedeutet das musikalische Cover für Sie?

Grundsätzlich mag ich Coverversionen. Ich mag die Reinterpretation von Musik. Etwas Bekanntes, das man für sicher hält, wird in etwas Neues, Unerwartetes umgewandelt. Coverversionen zeigen auch, wie sich die Dinge kulturell und sozial geändert haben. Die Veränderungen in der Musik spiegeln immer auch die Veränderungen in der Gesellschaft wieder.

Eine Blaskapelle, die Acid-House spielt, zeigt eine Geschichte von Großbritannien auf. Ich habe in meiner Arbeit “The History of the World”, die sozusagen das konzeptionelle Rückgrat von Acid Brass ist, ein Diagramm über 100 Jahre Sozialgeschichte Großbritanniens angelegt, von der Industrialisierung zur Deindustrialisierung, musikhistorisch von Brass Bands zu Acid House. In diesen Coverversionen wird immer eine Geschichte erzählt.

Acid Brass ist nicht das einzige Projekt, in dem Sie Bands oder Orchester mit analogen Instrumenten britische Popmusik elektronischen Anleihen covern lassen. Bei Ihrem Projekt “Steel Harmony” von 2009 ließen Sie ein Metal Drum Orchester Songs von Joy Division instrumental reinterpretieren.

Erst einmal bietet sich diese Musik sehr gut an, ohne Gesang gecovert zu werden. Es geht bei diesen Songs oder Tracks eher um den Beat. Sobald Leute singen, wird es kitschig oder lächerlich. Die Musik soll auch Spass machen, jemand, der gerne Acid House hört, das ja ohnehin kaum Gesang hat, soll auch gerne Acid Brass hören wollen und umgekehrt.

Bei Joy Division hätte ich eigentlich gerne Gesang, nur sind Steel Bands in der Regel nicht mit Gesang begleitet. Vielleicht mal in der Zukunft.

Geht es aber nicht auch darum, eine Musik, die von elektronischen Sounds geprägt ist, analog neu interpretieren zu lassen?

Auf jeden Fall. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Alle Instrumente, die Steel Drums oder die Blasinstrumente, sind total analog, industriell, prä-digital. In diesen Musikprojekten werden die industrielle Gesellschaft und die postindustriellen Gesellschaft einander gegenübergestellt.
Die Steel Drums sind wirkliche Industrieerzeugnisse im wortwörtlichen Sinn. In Trinidad wandelten Tonnen der Ölindustrie zu Instrumenten um. “Steel Harmony” handelt schließlich auch vom British Empire und seiner kolonialen Vergangenheit.

Zurück zu den Arbeiterstreiks der Achtziger: Ihr Film "The Battle of Orgreave” von 2001, der auch am Samstag bei Foreign Affairs vorgestellt wird, zeigt ein Reenactment des blutigen Bergarbeiterstreiks von 1984. Reenactment, Coverversion: Gibt es da eine Parallele für Sie?

Ja, beides ist eine Revision von etwas, ob es nun ein Song ist oder ein historischer Moment. Es wird jeweils neu interpretiert.

In Großbritannien gibt es eine große Reenactment-Bewegung. Alle möglichen Ereignisse der Geschichte werden über Reenactments neu aufgelegt. In meinem Film ließ ich die tatsächlichen Reenacter einige von ihnen waren sogar am originalen Kampf beteiligt – spielen. Die Schlacht von Orgreave ist superpolitisch. Es wurde zwar niemand getötet, aber trotzdem war es eine brutale Auseinanderetzung zwischen Polizei und Arbeitern. Als Erzählung ist die Schlacht von Orgreave universal. Es ist eine Geschichte über den Staat und wie er sich gegen seine Bevölkerung verhalten kann. Auch hier geht es um die Deindustrialisierung, ob sie nun gewalttätig forciert wird oder sich langsam vollzieht.

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