HGB Leipzig - Diplomschau

Die "Leipziger Schule" ist tot

Der aktuelle Rundgang an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) zeigt schwächelnde Malerei und starke Zeichner, Grafiker und Medienkünstler. Die Fachklasse für Intermedia ging sogar ins Exil und bespielt das Landgericht mit bissigen Kommentaren zum Bösen in der Welt. Der Hype um die "Neue Leipziger Schule" ist definitiv vorbei. Aber ist das nun die Chance für eine Kunstakademie, die sich jenseits von Rampenlicht und Erwartungshaltungen neu erfinden möchte?
Die "Leipziger Schule" ist tot:Leipziger Hochschule will sich neu erfinden

Es raucht hinter den Kulissen: Blutleere Nachhut der lange gefeierten Leipziger Gemäldewerkstatt. Installation von Julius Hofmann: "Meine kleinen Freunde", 2009. Gemälde l.n.r.: Christian Fabian: "Liebe die nicht ist", 2008; Julius Hoffmann: "Plan", 2008; Carolin Wendel: "Mit bestem Dank zurück", 2009

Eine Menschenmenge drängt sich ungeduldig vor einem gewaltigen Gittertor. Davor steht ein ängstlich blickender Wachmann. Was passiert da in Leipzig? Steht einer der größten Gefängnisausbrüche der deutschen Geschichte bevor? Wird Sachsen bald von einer unkalkulierbaren Masse von Kriminellen beherrscht? Wird das Böse die Regie zumindest im Kunstbetrieb übernehmen?

Weit gefehlt, der Andrang gilt der alljährlichen Tombola der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB), wo anlässlich des Rundgangs wieder einmal 500 kleinformatige Originalkunstwerke zum Lospreis von 30 Euro angeboten werden sollten. Alle 500 Lehrkräfte und Studenten waren zur Teilnahme aufgefordert, allerdings kamen dem Ruf diesmal nur 135 nach – erheblich weniger als in den Vorjahren. Die Hoffnung auf ein Schnäppchen mit Wertzuwachs ist bei den hektischen Loskäufern jedoch ungebrochen. Kriminell ist das nicht, und auch Hamsterkäufe sind ausgeschlossen, da pro Person nur fünf Lose vergeben werden.

Endlich öffnet sich das Tor, und Kunstliebhaber rücken an. Der kultivierte Losverkäufer mit seiner roten Fliege und mit schnuckeliger Assistentin Carolin sorgen dafür, dass nach halben Stunde nur noch klägliche Reste an der Wand hängen. Die Menge hat sich zerstreut, und auch die eingesperrte Kunst ist wieder in Freiheit. Es lebe die Freiheit! Ein paar Gehminuten weiter, im nahen Landgericht, sieht man das eigentlich genauso. Doch dort treten täglich straffällige Existenzen, die für Kunst bislang nur kaum empfänglich waren, ihren Weg in die Haft an. Strenge Richter, in der Mehrzahl ebenso kunstfern wie die Delinquenten, fällen unliebsame Entscheidungen. Der Leipziger Hochschulprofessorin für Intermedia, Alba d'Urbano, ist es nun mit einem gewitzten Coup gelungen, beide Welten zu vereinen. Zeitgleich zum Rundgang zeigen sie, ihre Studenten und ausgewählte Gastkünstler auf den Fluren des düsteren Bauwerkes ihre Ausstellung "Das Böse ist ein Eichhörnchen".

Falsche Sprengkörper und Nazi-Parodien

Während sich nebenan im Hochschulgebäude die Produkte von Kunst-Azubis, Diplomanden und Meisterschülern, gern auch in St. Petersburger-Hängung, in Klassenräumen und auf den Gängen drängen, haben d'Urbano und ihre Getreuen den Elfenbeinturm verlassen und zeigen, wie Kunst im wahren Leben ankommt. Im Vergleich mit der eher blutleeren Nachhut der lange gefeierten Leipziger Gemäldewerkstatt kommen die bösen Mädels und Buben im Landgericht wirklich besser weg. Vielleicht auch, weil sie sich bewusst dem Rundgangsrummel entzogen haben und ihre eigene unartige Party feiern. Schon im Eingangsbereich spielen ein Faustschlagautomat von Christian Schnurer und ein pseudo-islamistisches Terrorgemälde mit den gängigen Klischees von Bedrohung.

Anfangs beschwerte sich eine Richterin über einen gefakten Sprengsatz, auch von Schnurer, der unter dem Titel "Mind Bomb" vor ihrem Büro liegt. Ob vor dem Büro des Gerichtspräsidenten, vor den Sitzungssälen oder im Treppenhaus – nirgendwo im Hause ist man mehr vor bissigen und berührenden Kommentaren zu Folter, Krieg, Verhetzung und Strafprozeduren sicher. Das reicht von der brachialen Nazi-Parodie der "Front Deutscher Äpfel" über die Porträts von Plastik-NVA-Soldaten (Sebastian Schröder) bis hin zu Meta Einvalds Arbeit mit drei auf Bewährung verurteilten Straftätern. Alba d'Urbano, die 2007 ähnlich treffsicher das Leipziger Opernhaus unter Kunst setzte, glaubt "an den Auftrag der Kunst, nach außen zu gehen" und will ihre Studenten auf diesem Weg mitnehmen.

Ein Rezept zur Frischlufttherapie, das der gesamten Hochschule derzeit gut täte. Besonders im Bereich der Malerei zeichnet sich eine gewisse stumpfe Orientierungslosigkeit ab, worüber auch ein paar hartnäckige Epigonen von Neo Rauch in dessen Klasse nicht hinwegtäuschen können. Vor zwei, drei Jahren vielleicht wäre ihnen ihre handwerklich gekonnte Flachware noch aus den Händen gerissen worden, heute wirken die großformatigen Gemälde eher hilflos. Meister Rauch hatte ja letztes Jahr seinen Rückzug für Februar verkündet, vertritt sich aber nun noch selbst bis zum Sommersemester, weil bislang kein passender Nachfolger zu finden war. Mit ihm und seinen Ruheständler-Kollegen Arno Rink und Sighard Gille geht eine Ära zuende. Die so genannte "Neue Leipziger Schule" der Malerei kann nun wahlweise der Verklärung oder dem Vergessen anheimfallen.

Höhepunkte abseits der großen Gesten

Die "Leipziger Schule" ist tot, es lebe die Leipziger Schule? Tatsächlich lassen sich abseits der großen Gesten, besonders im Bereich von Grafik und Zeichnung, Höhepunkte entdecken – darunter spannende Monotypien von Patrick Fauck, Hinterglasmalereien von Kathrin Henschler und Holzschnitte von Sebastian Speckmann. Für eine Akademie, die "Grafik" (und nicht Malerei) in ihrem Namen trägt, sollten derlei Qualitäten zur Kernkompetenz gehören. Vielleicht spricht das deutlich gewachsene Interesse an den unspektakulären grafischen Techniken auch dafür, dass die mächtige Malerei nicht mehr alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Auf diese Weise gerät man auch in die kleine Ausstellung der Zeichenklasse von Oliver Kossack, der übrigens sechs Jahre lang Assistant von Arno Rink war und Studenten wie Matthias Weischer, Tim Eitel oder David Schnell prägte. Kossack kümmert sich jetzt um Aspiranten von Buchkunst und Grafikdesign, was eigentlich langweilig klingt. Doch lockt er diese Newcomer aus der Reserve, lässt sie einen Starwars-Comic zerlegen und neu interpretieren, lässt sie liniensicher und respektlos skizzieren und hat eine erfrischende Ausstellung zusammengestellt, die zeigt, dass aus der Leipziger Malkunst vielleicht die Luft raus sein mag, aus der Zeichnung noch lange nicht. Also heißt es nun: Schön den Pinsel flach halten, zu Stift und Grabstichel greifen, das vom Hype unabgelenkte Arbeiten genießen und ansonsten der weiter erstarkenden Fotografie, Medien- und Buchkunst das Feld überlassen. Zumindest vorerst.

"Das Böse ist ein Eichhörnchen"

Termin: bis 13. Februar. Öffnungszeiten: Mo bis Do, 8 – 17 Uhr, Ausstellung im Landgericht Leipzig
http://www.hgb-leipzig.de/boese/