Cecily Brown - Porträt

Grande Dame im Lustsumpf

Die Engländerin Cecily Brown malt Sex wie einen Fiebertraum. Mit viel Öl und Erotik hat sie in den neunziger Jahren die New Yorker Kunstwelt erobert – für die sie mittlerweile allerdings nicht mehr viel übrighat.
Grande Dame im Lustsumpf:Cecily Brown malt Sex wie einen Fiebertraum

Cecily Brown in ihrem Atelier am Union Square, New York City

Wie der Beginn einer Lie­besaffäre ist jede neue Arbeit. Das Material zeigt sich in Höchstform, die frische Farbe erobert sich ihren Platz auf der Leinwand. Cecily Brown genießt das Tempo, die Bewegungen ihres Körpers beim Malen, die Erschöpfung nach ei­nem langen Tag im Atelier.

Anzufangen hat ihr nie Probleme berei­tet. Es ist die Phase in der Mitte, wenn sich die Beziehung eingefahren hat, die sie als mühevoll empfin­det. Später kämpft sie damit, den richti­gen Zeitpunkt für den Absprung zu finden. Sie löst sich nur schwer von ihren Bildern.

Und so lebt die Künstlerin in ihrem Atelier am Union Square mit 95-Prozentigem. Mehr als 30 überwiegend unfertige Werke lehnen an den Wänden, die kleineren unter ihnen hängen an den Säulen ihres Lofts, wurden aus Platzgründen gleich unter der hohen Decke platziert oder auf mobile Plastiktonnen montiert, damit Brown sie durch ihr Atelier schieben und spontan zu sich heranziehen kann. Farben und Pinsel befinden sich auf Wagen. Der große Spiegel, mit dem sie ihre Werke im Auge behält, lässt sich hin- und herrollen. Brown ist bei der Arbeit so viel in Bewegung, dass sie es sogar schon mit Rollschuhen versuchte. Sie arbeitet stets an 10 bis 20 Bildern zur gleichen Zeit. "Manchmal lasse ich mich von einem Bild verführen und habe vorschnell das Gefühl, dass es fertig ist", sagt die Künstlerin. Dann aber lässt sie es zurück in eine Ecke wandern, wo es sich ein paar Wochen später unter Beweis stellen muss oder Brown es vielleicht mit einem einzi­gen Pinselstrich vollendet.

"Bei Öl­far­be denkt man an Fleisch"

"Die Farbe soll die gleichen Gefüh­le vermitteln wie ein Körper. Bei Öl­far­be denkt man sehr leicht an körperli­che Flüssigkeiten und Fleisch", hat Brown einmal gesagt. Sie war Ende der neunziger Jahre angetreten, um es mit Machos wie Julian Schnabel aufzunehmen. Sex und sexuelle Macht waren da­mals so etwas wie das selbst erklärte Fachgebiet der Abstrakten und Neo-Expres­sionisten. "Mich hat immer irritiert, dass Malerei dieser exklusive Club von alten Männern war", meint sie.

Was nicht ausschließt, dass die 39-Jährige die Herren zutiefst verehrt. Brown macht bei ihren Arbeiten Anlei­hen bei Künstlern wie Philip Guston, Georg Baselitz, Francis Bacon oder Wil­lem de Kooning, von dem die Bemerkung über den fleischlichen Ursprung der Malerei ursprünglich stammt. Ihre Inspiration zieht Cecily Brown aus ihrer künstlerischen Top-50-Liste, die sie ständig aktualisiert. Im Moment ist Hieronymus Bosch ganz weit vorn. Jasper Johns ist mal wieder dabei, gefolgt von James Ensor, Francisco de Goya, dem Dauerbrenner Bacon oder auch Tizian, der es nach langer Pause wieder auf die Liste schaff­te.

Malerei hilft ihr, Gefühle zu verarbeiten

Dass ihr Atelier ungefähr viermal so viel Platz in Anspruch nimmt wie ihr Wohnraum, zeigt immerhin, dass sich die Prioritäten nach wie vor nicht verschoben haben. Wie früher verbringt die Künstlerin täglich 10 bis 15 Stunden mit ihrer Arbeit. Weil das Ras­ter der Stadt etwas Beruhigendes für sie hat, verlässt sie Manhattan nur ungern. Sobald sie nicht malt, fühlt sie sich körperlich unwohl und seelisch aus der Bahn geworfen. Die Malerei hilft ihr, Geschehnisse und Gefühle zu verarbeiten und einzuordnen.

Denn von ihrem glücklichen Privatleben und dem Erfolg einmal abgesehen, gibt es auch heute genügend Dinge, die ihr den Tag vermiesen können. Dass Frauen sich nicht längst stärker in der Kunst durchgesetzt haben, deprimiert sie. Mit ihren 39 Jahren erscheint sie wie die Grande Dame der New Yorker Kunstwelt, für die sie nichts mehr übrighat. "Es macht keinen Spaß mehr", meint Brown. "Die verrückten Auktionen, die Hedgefonds mit all ihrem Geld, die Messen, die außer Kontrolle geraten sind. Das alles fühlt sich gierig, gehetzt und überfüllt an. Eine Welt voller Parasiten, die sich überhaupt nicht für Kunst interessieren." Wie gut, dass sie ihre große Party längst gefeiert hat.

Gekürzte Fassung. Lesen Sie den ganzen Artikel in der aktuellen art-Ausgabe 10/2008.

"Cecily Brown"

Termin: 20. September bis 25. Oktober, Gagosian Gallery, New York. Außerdem: 10. April bis 30. August 2009, Deichtorhallen, Hamburg.
http://www.gagosian.com/exhibitions/24th-street-2008-09-cecily-brown/