Subversion - Essay

Vorsicht: Parasiten!

Subversive Kunst ist Revolution auf Samtpfoten: Sie schleicht sich leise aus dem Hinterhalt an, um dann mit List, Leidenschaft und viel Humor die Symbole der Macht zu attackieren. Ein Report über die neue Politkunst jenseits verbrauchter Ideologien.
Vorsicht: Parasiten!:Subversive Kunst ist Revolution auf Samtpfoten

Die Yes Men geben sich als Vertreter globaler Konzerne aus und betreiben "Identitätskorrekturen". 2006 stellten sie im Namen des Militärdienstleisters Halliburton den "SurvivaBall" vor, der Manager vor dem Klimawandel schützen soll.

Die Schöpfungsgeschichte der Moderne ist eine Geschichte radikaler Kulturkämpfer und kriegerischer Rhetorik. Auch die subversive Kunst hat sich ihre Taktiken von Guerillakriegen abgeschaut: Es geht um Überraschungseffekte, Täuschungsmanöver und Desinformation, um Sabotage, Zweckentfremdung und Überidentifikation.

Aus Mangel an Guerillakriegen, Repression und Zensur ist Subversion aber heute in Europa zu einer einfachen Kommunikationsmethode geworden – mit variabler Botschaft. Die Industrie betreibt Guerillamarketing, indem sie Street-Artists engagiert, um ihre Slogans illegal zu sprühen, und selbst Rechtsradikale zelebrieren den subversiven Schick mit Hitler-Hommage-Shirts wie "My boss is an austrian painter". Subversion ist Selbstinzenierung, Zeitgeistphänomen – und vor allem der Kassenschlager der Kunstgeschichte. Künstler stilisierten sich schon immer gerne zu Rebellen, und Galeristen nutzten das Etikett zur Vermarktung, weil auch Sammler sich einen Hauch von revolutionärem Schick ins Wohnzimmer hängen wollten.

Heute ist Subversion ein Luxus, den sich liberale Gesellschaften leisten. Und Künstler haben dabei die Rolle des Hofnarren übernommen. Sie haben die absolute Freiheit, nur den König werden sie trotzdem niemals stürzen. Der Kapitalismus hat die Künstlerkritik vollständig absorbiert und integriert. Und die Hoffnung der Avantgarde, die Welt zu verändern, hat sich zu einem selbstbezogenen Versteckspiel gewandelt: Künstler zitieren sich selbst, torpedieren den Kunstbetrieb oder verulken andere Künstler. Aber noch immer versprüht die Subversion den subtilen Charme der Avantgarde. Und die unbändige Sehnsucht junger Künstler nach Subversion zeigt, dass der Kapitalismus die Sehnsucht nach Rebellion nicht aus­zulöschen vermag. Der Wunsch nach mehr Authentizität und In­tensität ist ungebrochen. Künstler fordern wieder eine "höhere Qualität der Leiden­schaft" (Guy Debord), ertragen das Spektakel der Massenmedien und des Kunstbetriebs nicht mehr, versuchen Konventionen zu entfliehen und außergewöhnliche Augenblicke zur Normalität werden zu lassen.

"Subversion erhöht den Sauerstoffanteil in der Luft"

Und da bleibt die Subversion eine effekti­ve konzeptionelle Steinschleuder. Und genau in dieser Narrenfreiheit liegt auch die historische Chance. Die Grenzen zwischen po­litisch-revolutionärer und künstlerisch-avantgardistischer Subversion sind heute fließend: Die Front Deutscher Äpfel parodiert die nationalsozialistische Ästhetik, um die Identifikationsmerkmale der rechten Szene zu zerstören, die Yes Men geben sich als Re­präsentanten internationaler Konzerne aus und betreiben mittels übertriebener Forderungen eine "Identitätskorrektur", und das Netzkunst-Duo Ubermorgen.com führt "Experimente in globalen Kommunikationsräumen" durch, lotet dabei Schwachstellen aus und infiltriert virtuelle Unternehmen. Rup­pe Koselleck platziert seine eigenen Foto­grafien direkt im Möbelhaus, und Antoine Le­jolivet und Paul Souviron bleiben gleich im Baumarkt, nutzen die Waren als Rohstoff und re­alisieren damit vor Ort temporäre Installationen.

Hinter diesen Projekten steckt mehr als nur subversiver Schalk und Kunstklamauk. Die Künstler verhalten sich wie Pa­ra­siten, die wissen, dass sie den Wirt nicht tö­ten können, aber trotzdem mit Leidenschaft den Organismus attackieren, um ein wenig Chaos in die Ordnung zu bringen: Sie prangern prekäre Arbeitsbedingungen an, wenden sich gegen Fetische der Kunstproduktion, tor­pe­dieren den Personenkult in der Kunst und kritisieren elitäre Ausstellungspolitik. Aber eben ohne den moralisierenden Zeigefinger frü­herer Politkunst. "Man darf dem ernsthaften Grauen nicht mit grauenhaftem Ernst begegnen", erklärt der Künstler Ruppe Kosel­leck. "Subversion erhöht den Sauerstoffanteil in der Luft. Sie ist eine für die Veränderung erstarrter Systeme notwendige Energie. Und in der Kunst stellt sie eine Sub-Version dar, also eine andere, mögliche Version oder Vision von Wirklichkeit. Subversion ist damit künstlerische Utopie." Und die Utopie war schon immer das Merkmal der Avantgarde. Es gibt also endlich wieder Künstler, die nicht nur die Gegenwart reflektieren, sondern auch für eine andere Zukunft kämpfen.

"Subversive Praktiken. Kunst unter Bedingungen politischer Repression"

Termin: bis 2. August 2009, Württembergischer Kunstverein Stuttgart. Literatur: Thomas Ernst (u.a.): Subversionen: Zum Verhältnis von Politik und Ästhetik in der Gegenwart, Transcript Verlag, 2008; Alessandro Ludovico (Hrsg.): Ubermorgen.com: Media Hacking vs. Conceptual Art, Christoph Merian Verlag, 2009; The Yes Men – Streich für Streich die Welt verändern, DVD-Dokumentation, Indigo, 2009.
http://www.wkv-stuttgart.de/programm/2009/ausstellungen/subversive/