Peter Piller - Interview

Kunst entsteht überall

Wanderungen im großstädtischen Randgebiet, gesammelte Fotografien aus Regionalzeitungen und tragisch-komische Bürozeichnungen: Hinter den grotesken und irritierenden Arbeiten des Künstlers Peter Piller, 1968 im nordhessischen Fritzlar geboren, lauert stets die Absurdität unserer alltäglichen Wirklichkeit. Im Bonner Kunstmuseum läuft derzeit seine Ausstellung "Peripheriewanderung Bonn". art sprach mit Piller über Bauerwartungsflächen, Bürokratie und Nicht-Kunst.

Herr Piller, Sie sind in Leipzig Professor für "Fotografie im Feld der zeitgenössischen Kunst". Ich habe gehört, dass Ihre Studenten in drei knappen Sätzen erzählen müssen, was sie tun oder in drei interessanten Sätzen die Auskunft verweigern sollen. Wie lauten Ihre drei Sätze?

Peter Piller: Ich bin ja kein Student mehr.

Das ist nur ein Satz.

Bei mir ist das einfach. Ich kann sagen, dass ich mich 15 Jahre mit Regionalzeitungsfotografie beschäftigt habe, und vier Jahre lang mit einem Luftbildarchiv, außerdem zeichne ich seit 30 Jahren. Aber Studenten müssen etwas Griffiges und Erinnerbares finden. Man muss sich klar machen, was man eigentlich tut und worin man sich unterscheidet. Bei mir hieß es immer: "Das ist der Kerl mit den Zeitungsfotos". Das war enorm hilfreich. Es gab noch nicht so viele, die sich mit schwarzweißen Regionalfotos beschäftigt hatten.

Die Gefahr ist, dass man dann immer der "Kerl mit den Zeitungsfotos" bleibt.

Klar, man wird schnell auf eine Schiene festgelegt. Aber wenn man anfängt, kann man froh sein, dass man überhaupt erst einmal auf irgendeiner Schiene fährt.

Was wollen Sie Ihren Studenten vermitteln?

Ich würde gerne Aufmerksamkeit lehren. Man muss nicht nach Indien reisen, um eine Reportage zu fotografieren, oder 24 Stunden am Tag eine anstrengende Performance durchführen. Es gibt vielleicht etwas in der unmittelbaren Umgebung, mit dem man sich auseinandersetzen kann. Als ich vor 15 Jahren in dieser Agentur saß und einen Brotjob hatte, habe ich auch erst nach zwei Jahren gemerkt, dass ich mit dem Material etwas anfangen kann.

Sie haben jahrelang bei einer Mediagentur gearbeitet und dort Regionalanzeigen archiviert.

Meine Aufgabe war, falsch geschaltete Anzeigen zu identifizieren. Das war mehr eine detektivische Arbeit. In diesen Bergen von Zeitungen entdeckte ich die Bauerwartungsflächen. Da wurden Fotografen losgeschickt, um eine Stelle zu fotografieren, an der demnächst gebaut werden soll. Und der Fotograf stand dann auf dem Acker und fotografierte auch nur den Acker – denn sonst gab es ja noch nichts zu sehen. Diese Bilder fand ich gut. Und das war die erste Gruppe, die ich dann gesammelt habe. Und so ging es weiter. Das hat sich im Lauf von zehn Jahren entwickelt. Später kam das Luftbildarchiv hinzu, Bilder aus dem Internet und die Schadensfotos einer Schweizer Versicherung.

Als Professor sind Sie jetzt sächsischer Beamter. Angeblich wollten Sie schon als Kind Beamter werden. Und Ihre Tätigkeit als sammelnder und katalogisierender Künstler hat ja auch etwas sehr Bürokratisches.

Haben Sie mit meiner Mutter gesprochen? Es stimmt, ich soll das bereits als Kind gesagt haben. Aber da wusste ich natürlich nicht, was es bedeutet. Ich dachte wahrscheinlich: Beamter klingt gut. Und gegen diese Etikettierung habe ich mich nie gewehrt. Das Systematisieren und Katalogisieren ist größtenteils auch eine stumpfsinnige und langweilige Tätigkeit. Das ist nicht so prickelnd wie Performancekunst. Aber es gibt auch freudige Momente: Wenn man etwas wegsortiert hat, ist es wegsortiert.

Insgesamt gibt es mehr Arbeiten von Ihnen, die aus diesem "Found Footage" entstanden sind, als eigene Fotografien.

Ich habe mich auch viel länger mit gefundenen Fotografien beschäftigt. Aber ich habe das nie gegeneinander gestellt. Ich glaube, es schließt sich nicht aus, Bilder zu sammeln und selber zu fotografieren. Ich wende mich nicht gegen das Herstellen neuer Fotografien, weil es schon zuviele gibt.

Was fasziniert Sie denn an diesen banalen Bildern aus Regionalzeitungen?

Es gibt diese Grundstimmung: Das ist Deutschland auf dem Land. Und wenn mal nicht ein Flugzeug auf den Acker kracht, dann passiert dort auch jedes Jahr dasselbe. Dabei hat mich diese semiprofessionelle Fotografie fasziniert: Der Redakteur, der den Artikel schreibt, hat eben auch eine Knipse dabei. So schleichen sich Bilder ein, die kleine Störsignale senden und sonst rausfliegen würden. Und dabei kommen Dinge ins Bild, die gar nicht gemeint sind. Wenn man die Bilder dann von ihrem Kontext löst, kommt es zu Bedeutungsverschiebungen. Und da ich die Bilder kombiniere, fangen sie an miteinander zu kommunizieren und man liest sie in diesem Nachbarschaftsverhältnis ganz anders.

Peter Piller über Glück und Nicht-Kunst

Aber wie entsteht nun aus Nicht-Kunst Kunst?

Kunst entsteht wahrscheinlich überall und an ganz vielen Orten, an denen man es nicht vermutet. Im Ausnahmefall wird es entdeckt und so benannt. Und ob es dann Kunst ist, entscheidet ein gesellschaftlicher Konsens über die Anerkennung von Institutionen. Was ich da betrieben habe, hätte ich locker noch 50 Jahre lang völlig unbeachtet weiter machen können. Kein Mensch wäre je auf die Idee gekommen, es Kunst zu nennen. Ich wäre halt einfach ein Spinner gewesen. Und dann fristet es ein Schattendasein und wird von der nächsten Generation stillschweigend entsorgt. Miroslav Tichý ist so ein Beispiel. Da wird ein spleeniger alter Herr ausgebuddelt und für ein paar Jahre als Kunst diskutiert. Es hätte gut sein können, dass er nie beachtet wird und sein Sohn den ganzen Kram irgendwann auf den Müll wirft. Mich interessiert dabei, ob eine Sache auch ohne Kalkül trägt. Ob jemand etwas macht, weil er wirklich daran glaubt. Unabhängig davon, ob er beachtet wird.

Um als Künstler entdeckt zu werden, braucht man also vor allem Glück?

Ja, und ich hatte extrem viel Glück. Ich hatte einen hervorragenden Hochschullehrer, Franz Erhard Walter, und einen guten Dialog mit meinen Mitstudierenden. Ich habe einen Namen, den man sich gut merken kann. Auch das ist Glücksache. Als Hans Maier hätte ich es sicher schwerer gehabt. Und ich habe schon früh beim Hamburger Hochschulverlag publiziert. Eines dieser Bücher lag dann zufälligerweise in einer Kölner Galerie, zu der ich gar keinen Kontakt hatte, und dort hat das Buch ein Sammler entdeckt und mich zu meiner ersten größeren Ausstellung eingeladen. Und es war auch ein Glücksfall, dass ich nicht zusammengebrochen bin. Die ersten Jahre waren nämlich verdammt anstrengend.

Im Kunstmuseum Bonn wird nun Ihre "Peripheriewanderung" gezeigt. Wie entstand diese Idee?

Die Hamburger Peripheriewanderung war 1993 eine meiner ersten Studienarbeiten. Ich war neu in Hamburg und merkte, dass ich nur Miniausschnitte der Stadt registrierte. So begann ich mich für die unbekannte Peripherie zu interessieren. Und ich wollte dieses großstädtische Randgebiet umwandern, körperlich erfahren. Mein damaliger Professor meinte, dass eine Wanderung sehr wohl eine skulpturale Tätigkeit sein kann, wenn man dabei eine Stadtgrenze selbst bestimmt. 1996 habe ich dann das Ruhrgebiet umwandert und 2006 Bonn. Bonn reizte mich als ehemalige Bundeshauptstadt und als ziemlich provinzielle Ansammlung von kleinen Dörfern. Bonn ist ja unglaublich viel kleiner, als man es sich vorstellt. Je näher man Bonn kommt, desto mehr schrumpft es.

Und planen Sie bereits neue Projekte?

Ich habe so viel publiziert und ausgestellt – und habe mir jetzt einfach mal eine Auszeit gegönnt. Ich muss nicht mehr wie früher jedes halbe Jahr ein neues Projekt präsentieren. Ich knipse so vor mich hin und freue mich, dass ich noch am Leben bin. Ich muss auch nicht viel berühmter werden. Was habe ich denn davon? Ich bin dann noch weniger anonym, Geld macht sowieso nicht glücklich, und man hat noch mehr Druck. Der Moment etwas zu beginnen, ohne gleich daran zu denken, was daraus wird, ist kostbar. Wenn man etwas zeichnet, sollte man sich nicht gleich fragen, wie es wohl gerahmt aussieht oder wieviel man dafür verlangen kann. Ich tue Dinge, auf die ich Lust habe. Es interessiert mich nicht, ob es später mal etwas wert ist oder direkt auf dem Müll landet. Das ist eine tolle Freiheit. Und ich habe jetzt die Freiheit, Deutschlands erfolglosester Künstler zu werden.

"Peter Piller – Peripheriewanderung Bonn"

Termin: bis 1. März 2009, Kunstmuseum Bonn
http://kunstmuseum.bonn.de/aktuelles/tageskalender/index.htm