Wir nennen es Hamburg - Hamburg

Ein bisschen "Rumble in the Jungle

Etwa 300 Künstler beteiligen sich am interdisziplinären Festival, das der Hamburger Kunstverein und die Theaterfabrik Kampnagel ausrichten. Bis zum 4. Januar 2009 wird ein Programm geboten, in dem sich bildende Kunst, Theater, Musik, Film und Tanz auf überraschende Weise miteinander verbinden.
"Rumble in the Jungle":ein interdisziplinäres Festival für Hamburg

Detailansicht: Daniel Richter: "who's afraid", 2008, verschiedene Materialien. Diese Arbeit fertigte Richter ursprünglich für die Kulisse bei den Salzburger Festspielen an

"Wir nennen es Hamburg" – der provokante, betont sperrige, selbstbewusst und unbeholfen zugleich klingende Titel des am Wochenende eröffneten Festivals wirft Fragen auf. Denn: Wer ist hier eigentlich mit "Wir" gemeint?

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Sind es die beiden initiierenden Institutionen aus unterschiedlichen Kunstfeldern – Hamburger Kunstverein und Kampnagel Theater – mit ihren sechs verantwortlichen Organisatoren? Oder sind es die bildenden und performativen Künstler, deren Positionen und kulturellen Beiträge im Rahmen des intermedialen Konzepts ihren Ausdruck finden? Aber eine Antwort soll gar nicht klar definiert werden, zumindest keine, die nicht alle möglichen Antworten miteinander verknüpft.

Die Idee, die dem interdisziplinären Festival zugrunde liegt, ist die Zusammenführung verschiedener künstlerischer Positionen und Ausdrucksmöglichkeiten mit dem Ziel, einen Einblick in den Prozess der Kunst- und Kulturproduktion Hamburgs zu vermitteln. Bildende Künstler, Musiker, Choreografen, Regisseure, Theaterschauspieler und Tänzer treten in Interaktion. Während der Hamburger Kunstverein seine Räumlichkeiten für die Ausstellung verschiedener Werke der bildenden Kunst zur Verfügung stellt, finden bis zum 4. Januar auf Kampnagel Konzerte, Filmpremieren, Theateraufführungen und Tanzdarbietungen statt.

"Ich bin doch nicht blöd"

Die etwa 300 teilnehmenden Künstler wurden im Vorfeld aufgefordert, jeweils zwei Originale im DIN-A4-Format anzufertigen und gratis zur Verfügung zu stellen, von denen eine in der Ausstellung präsentiert wird. Die zweite Arbeit kann von den Besuchern zusammen mit dem Katalog für 60 Euro erworben werden, wobei eine Art "Schatzkiste" verhüllt, um welches Werk es sich handelt.

Bereits vor der Ausstellung waren unter Hamburger Künstlern einige kritische Stimmen laut geworden. Manch ein Kunstschaffender fühlte sich übergangen, ausgenutzt und nicht angemessen in das interdisziplinäre, eigentlich als besonders künstlerfreundlich propagierte Kuratorenkonzept integriert. Aufschluss darüber geben die subtilen, teilweise auch subversiven Botschaften, die die DIN-A4-Arbeiten in der Ausstellung im Kunstverein enthalten. Zum Beispiel untermauerte Rolf Bergmeier seinen Standpunkt, indem er ein weißes Blatt abgesehen von Signatur und Datum mit nichts anderem beschriftete als dem Satz: "Mach es dir selbst.". Simon Starke funktionierte ganz nach dem künstlerischen Prinzip des Displacements eine Media-Markt-Plastiktüte zu einer kleinen Wandflagge um, so dass der bekannte Slogan "Ich bin doch nicht blöd." hier eine ebenso klare Botschaft vermittelt – Simplizität, die einer gewissen Sparsamkeit in jeglicher Hinsicht gerecht wurde.

Trotz der vielen DIN-A4-Arbeiten wirkt die Ausstellung im Kunstverein in Anbetracht der wenigen Werke, vorwiegend Installationen, eher minimalistisch. Die Erwartungen, sehr zahlreichen (mitunter weniger bekannten) Hamburger Künstlern zu begegnen, wurden somit eher enttäuscht. Vielleicht hat der große Name Daniel Richters im Erdgeschoss auch zu viel Raum eingenommen, den man mit mehreren unbekannten Positionen hätte füllen können. Nichtsdestotrotz passte die Arbeit sicherlich gut in das interdisziplinäre Konzept; schließlich diente die bunte Hütte, die zusätzlich für die Ausstellung mit ausgestopften Hasen bereichert wurde, ursprünglich als Teil der Kulisse für Johan Simons Inszenierung Béla Bartóks "Herzog Blaubarts Burg" bei den Salzburger Festspielen.

Selbstreflexion über seine eigene Rolle

Jede einzelne künstlerische Darstellung verfolgt demnach den Anspruch, mehrere Kunstformen miteinander zu verbinden. Gleich im Foyer des Hamburger Kunstvereins wird der Blick auf eine Leinwand freigegeben, auf die ein Video projiziert ist, das Martin Krützfeld während eines Konzerts in Manchester mit seiner Handykamera aufgenommen hat. Die Lichtreflexe, die sich durch die minderwertige Qualität zu abstrakten Farbflächen formieren und einen Kontrast zum dunklen Raum bilden, erinnern an einen postmodernen malerischen Duktus. Dazu ertönen die diffusen Bassklänge des Konzertmitschnitts.

Mit ganz einfachen Mitteln wird hier eine Verbindung zwischen Film, Malerei und Musik geschaffen. Eine ähnliche Verbindung manifestiert sich in der gegenüber angebrachten Videoinstallation von Christian Naujoks, die den Künstler selbst bei einer musikalischen Performance vor Publikum zeigt. Naujoks erklärt, das Videomaterial sei ursprünglich nicht als Kunstfilm beabsichtigt gewesen. Das Dokumentationsmaterial habe den Musiker jedoch zur Selbstreflexion über seine eigene Rolle als Künstler angeregt und eine Art Verweigerung nach sich gezogen – gegenüber einer Entscheidung, sich nur einer, entweder der Musik oder der bildenden bzw. Videokunst verpflichtet und zugehörig zu fühlen.

"Community-Bildung" statt Absolutheitsanspruch

Die Kuratoren betonen im Katalog, es sei wichtig, ausgewählten Künstlern eine Plattform und Anlass für eine "Community-Bildung" zu geben, um in neuen Konstellationen arbeiten zu können. Dabei sollte kein Absolutheitsanspruch erhoben werden, eher erfolgte die Organisation als Rechercheprozess, bei dem das Aufspüren der Schätze, die Hamburgs Kulturlandschaft birgt, zum Gegenstand wurde. Die Organisatoren geben sich bescheiden und stellen die Machthierarchie des Kunstgewerbes in Frage, wollen die Künstler selbst entscheiden und gestalten lassen und eine freie Kunstszene stärken, die von Abhängigkeiten bedroht wird. Kooperation, Diskussion und Auseinandersetzung sind Schlagworte des kuratorischen Konzepts, das als zukunftsweisend betrachtet werden soll und dazu auffordert, Gegebenes zu hinterfragen und sich mit seinem eigenen Umfeld auseinander zu setzen.

"Wir nennen es Hamburg" ist das Ergebnis der Reflektionen über eine Stadt, die kulturell zu stagnieren scheint, betont Kampnagel-Dramaturgin Nadine Jessen, jedoch liegt der Grund dafür nicht in der fehlenden künstlerischen Produktion, gerade Hamburgs Intermedialität sei ein besonderes Charakteristikum, das die Stadt gegenüber anderen auszeichne, sondern im Mangel der finanziellen Unterstützung. Ein stetiger Kampf um Sponsoren sei für viele Ausstellungsmacher und Organisatoren der Kulturbranche ermüdend. Umso wichtiger sei es, dass jemand beherzt um die Ecke komme und sagt: "Jetzt mal ein bisschen 'rumble in the jungle'!"

"Wir nennen es Hamburg"

Termin: bis 4. Januar 2009. Orte: Kampnagel, Jarrestraße 20 und Hamburger Kunstverein, Klosterwall 23, Hamburg
http://www.kampnagel.de

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