Interview Shirin Neshat - Women without Men

Irgendwann werden wir alle zu Aktivisten

Auf dem Filmfest in Venedig gewann Shirin Neshat mit dem Kinodebüt "Women without Men" 2009 den "Silbernen Löwen" für die beste Regie. Jetzt kommt die hochaktuelle politische Parabel der iranischen Künstlerin in die deutschen Kinos.
"Irgendwann werden wir alle zu Aktivisten":Kinodebüt der Künstlerin Neshat

Aus Shirin Neshats Film "Women Without Men": Zarin (Orsi Tóth) außerhalb des verwunschenen Gartens

Vier Frauen, ein magischer Garten und ein brutaler Putsch – das sind die Zutaten zu Shirin Neshats fulminantem ersten Spielfilm "Women without Men". Die Geschichte spielt im Sommer 1953 in Teheran, als das Militär mit Unterstützung der USA und Großbritanniens den demokratisch gewählten Premierminister Mohammed Mossadegh stürzte und den Schah an die Macht brachte. Vor diesem Hintergrund verwebt Neshat in altmeisterlich komponierten Bildern die Schicksale einer frustrierten Politikergattin, einer Prostituierten, einer aufmüpfigen, politisch aktiven Studentin und ihrer naiven Freundin. In den Wirren des Putsches finden die vier vorübergehend Schutz in einem verwunschenen Garten außerhalb Teherans – für Neshat eine Metapher für das Leben im Exil.

Die im Iran geborene Künstlerin lebt selbst seit 1979 in New York im Exil. Bekannt wurde sie durch Fotoserien wie "Women of Allah" und Videoinstallationen, die sich mit der Rolle der Frau im Islam und in der westlichen Gesellschaft auseinandersetzen. Zu ihrem Debüt als Kinoregisseurin wurde Neshat inspiriert von dem gleichnamigen Roman der Exil-Iranerin Shahrnush Parsipur, die in dem Film sogar die Nebenrolle der Bordellbetreiberin übernahm. Gedreht wurde der Film in Marokko. Als Stadtkulisse Teherans der fünfziger Jahre musste Casablanca herhalten, weil Neshat im Iran nach wie vor nicht erwünscht ist. Das Filmprojekt, zu dem die Künstlerin parallel auch eine Serie von Videoinstallationen produziert hat, zog sich über sechs Jahre hin. Im Sommer 2009, kurz vor Fertigstellung des Films, kam es in Teheran erneut zu Protesten der Bürgerrechtsbewegung. Auf dem Filmfest in Venedig wurde "Women without Men" dann als Manifest der neuen "Grünen Bewegung" gefeiert. Auch deshalb darf der Film im Iran offiziell nicht gezeigt werden. Doch im Untergrund wird er seit Monaten vertrieben und genießt ebenso wie seine Regisseurin längst Kultstatus.

Frau Neshat, Sie sind bekannt für konzeptuelle Fotos und Videoinstallationen. Warum sind Sie jetzt ins Kinofach gewechselt?

Shirin Neshat: Ich war immer nomadisch, wenn es um die Wahl meiner Medien ging. Es liegt in meiner Natur, mich zu häuten, auch wenn das in der Kunstwelt nicht gern gesehen wird. Außerdem war ich frustriert von den vielen Biennale-Teilnahmen. Ich hatte das Gefühl, jetzt gehöre ich zu dem Kreis von Leuten, die Ware für eine sehr exklusive Kunstweltelite produziert. Am Kino mag ich, dass es demokratischer ist. Man findet ein total anderes Publikum, das niemals in eine Kunstgalerie oder ein Museum gehen würde.

Wie unterscheidet sich die jetztige Filmarbeit von früheren Werken?

Als bildender Künstler arbeitet man zunächst immer mit Konzepten, während man als Filmemacher Geschichten erzählt. In meinen früheren Arbeiten hatten die Figuren keine Identität, sondern waren Sinnbilder der Kultur oder Skulpturen, die sich bewegen. Deshalb war für mich die größte Herausforderung, ob ich mich überhaupt in die Figuren hineindenken und eine Geschichte erzählen kann, die die Zuschauer über 90 Minuten in ihren Sitzen hält.

Ihr Film handelt vom Militärputsch gegen die demokratische Regierung im Iran 1953, eine wahre Geschichte also. Sie erzählen sie jedoch wie ein Märchen. Warum?

Ich bin jemand, der sich mit Realismus schwer tut. Ich fand, wir sollten uns dem politischen Thema mit allegorischen Mitteln nähern. Ich wollte keine Geschichtslektion erteilen, sondern symbolhaft den Kampf eines Volkes zeigen, das sich über eine Diktatur erhebt.

Muss Kunst für Sie politisch sein?

Nein. Es gibt großartige Kunst, die nichts mit Politik zu tun hat. Doch Künstler wie ich, die aus politisch gestörten Ländern stammen, die keine Distanz zu den politischen Realitäten finden, haben oft keine andere Wahl. Ich frage mich jeden Tag, was passiert da im Iran, was geschieht mit meiner Familie, warum kann ich nicht nach Hause reisen. Das alles gibt einem das Gefühl, nichts anderes machen zu können.

Im Juni 2009 startete im Iran die "Grüne Revolution", eine Demokratiebewegung, die vom Regime blutig niedergeschlagen wurde, was Ihrem Film plötzlich ungeahnte Aktualität brachte. Hätten Sie sich das träumen lassen?

Was die Ironie des Timings und die Message des Films betrifft, hätte es keinen glücklicheren Zufall geben können. Selbst die Bilder glichen sich. Auffällig bei der "grünen Bewegung" war die Präsenz der Frauen unter den Demonstranten und die Courage der Menschen. Das war 1953 ganz ähnlich. Mir hat das Hoffnung gemacht. Das iranische Volk steht immer wieder auf, auch wenn es von Diktatoren unterdrückt wird.

Es gibt noch mehr Parallelen: In Ihrem Film stirbt am Ende eine junge Frau, die gegen den Putsch gekämpft hat. Bei den "grünen Demonstranten" wurde eine junge Frau, die erschossen wurde, zur Märtyrerin der Bewegung. Die Bilder der verblutenden Nedda gingen um die Welt.

Das zeigt die Macht der Bilder. Die Aufnahmen, die von ihr gemacht wurden, waren so engelshaft. Es war nicht nur ihre Schönheit, sondern die Unschuld und der Verlust der Unschuld, die Absurdität der Gewalt und der Ungerechtigkeit, die sich plötzlich in diesem schönen Körper zu einem Symbolbild vereinigten, zu dem man gar nichts anderes sagen kann als: Das ist absolut falsch! Jemand aus der Protestbewegung erzählte mir, innerhalb nur einer Stunde hatten sie Neddas Bild fotokopiert, laminiert und trugen es bei den Protestmärschen herum. Das wiederum sah Barack Obama als Video im Weißen Haus. Am nächsten Morgen hatte es die ganze Welt gesehen. Es geht dabei gar nicht mehr um den Iran und die "grüne Bewegung", es geht um die universalen Probleme von Gewalt, der die Menschheit ausgesetzt ist. Man begriff plötzlich, dass wir das stoppen müssen. Es betrifft uns alle.

Auf dem Filmfest in Venedig erschienen Sie und ihrer Darsteller in grünen Kleidern und grünen Schals und wurden gefeiert wie politische Helden. Sind Sie heute mehr Aktivistin als Künstlerin?

In der Kunstwelt ist es eigentlich tabu, ein Aktivist zu sein. Politische Kunst zu machen, ist problematisch, weil der Kunstmarkt den direkten Dialog mit den soziopolitischen Bedingungen nicht gerade schätzt Doch mit diesem Film, mit meiner Beschäftigung mit der Geschichte meines Landes und schließlich mit der "grünen Bewegung", war mir das plötzlich egal. Mit uns Iranern ist es so, irgenwann werden sie alle zu Aktivisten. Man kommt an einem bestimmten Punkt, wo man eine moralische Verantwortung übernimmt. Entweder ist man lautstark für die Leute, die für ihre Grundrechte eintreten, oder man schweigt – und damit ist man auf der Seite des Dämonen.

Kann Ihr Film im Iran gezeigt werden?

Offiziell nicht. Schon wegen des Buchs, auf dem der Film beruht, das ist im Iran verboten, die Autorin Shahrmush Parsipur war im Gefängnis. Auch ich stehe auf der schwarzen Liste. Und auch wegen der Nacktszenen würde er nie gezeigt werden. Doch er wird bereits seit einiger Zeit im Untergrund vertrieben. Jeder hat ihn gesehen. Es ist unglaublich. Noch bevor er Premiere in Los Angeles hatte, rief mich meine Schwester an und erzählte, dass man ihn in Teheran auf der Straße kaufen kann.

"Women Without Men"

Kinostart am: 1. Juli 2010
http://www.womenwithoutmenfilm.com/