Dresden - Galerien

Galerienrundgang in der sächsischen Metropole

Klein aber fein ist der Galerienrundgang in Dresden: Sechs Galeristen zeigen Arbeiten von Kerstin Schaefer, Eckehard Fuchs, Thomas Bachler, Martin Mannig, Rob Osborne, Cha Kea Nam, H. G. Griese und Paula Lauenstein
Sechs Dresdener Galerien luden zur Vernissage:ein Ausstellungsrundgang

Rob Osborne, "o.T." (Collage), 2007, Galerie Art Academy

Auch in Dresden luden Anfang September Galerien zum herbstlichen Vernissagentag: Ein überschaubares Vergnügen, an dem sich in der Elbestadt lediglich sechs Galerien beteiligen. Eine davon, der junge Projektraum „bautzner 69“, öffnete seine Türen nur noch einmal zur Finissage des Fotografen Thomas Bachler (*1961) mit fiktiven Tatortfotos aus der Lochkamera. Zudem verzichtete die wohl bekannteste Dresdner „Galerie Gebrüder Lehmann“ auf eine neue Ausstellung und zeigte statt dessen die verlängerte Schau des Malers Martin Mannig (*1974). Unter dem Titel „Perlicke, Perlacke“ waren Mannigs comicähnliche Märcheninterpretationen bereits seit Ende Juni zu sehen. Für eine aktuelle Dresdner Präsentation fehlten den Galeristen Frank und Ralf Lehmann vermutlich die Zeit, nahmen sie doch zeitgleich an der ersten Auflage der Kunstmesse in Shanghai, der ShContemporary, teil. Außerdem öffnet das Dresdner Brüderpaar in Kürze eine Dependance auf der Berliner Lindenstraße - fast zwanzig Jahre nach ihrem Start als DDR-Untergrundgalerie sind die beiden wohl auf der Suche nach neuen Herausforderungen.

Das quantitativ dünne Galerienangebot in Dresden hat jedoch entschiedene Vorteile – umso mehr Aufmerksamkeit bekommen die restlichen vier Teilnehmer des Parcours, von denen drei auf der Neustädter Flussseite in Laufdistanz angesiedelt sind. Das „büro für kunst“ präsentierte mit der ersten Soloausstellung von Kerstin Schaefer (*1972) die spannendste und experimentellste Position. Die heute in Stuttgart lebende Absolventin der Dresdner Kunsthochschule überraschte mit einem dichten Mosaik aus kleinformatigen Malereien, arrangiert in einer „Petersburger Hängung“ auf schwarzem Grund. Schaefer produziert fast obsessiv Tafeln mit wilden, trashigen Signets und Sprüchen. Ihr Zugriff erinnert an Street Art und splittert dem Betrachter in poetischer Fülle gleichsam entgegen. „Im Endeffekt ist es eine totale Überdosis“, sagt die Künstlerin selbst von ihren wuchernden Bildwerken, die rücksichtslos auf Perfektion verzichten. Wie um ihre gekonnte Respektlosigkeit vor dem Medium Malerei noch zu bekräftigen, versah Kerstin Schaefer den Fußboden der Galerie mit einem ungelenken Gemälde in Schwarzweiß; ein Teppich, auf dem die Besucher ihrer Schwellenangst vor den packenden Pinseleien abstreifen.

Ein paar Häuserblocks weiter, in der „galerie baer. Raum für aktuelle kunst“ eröffnete mit Eckehard Fuchs (*1975) ein weiterer Absolvent der hiesigen Hochschule. Als Kontrastprogramm zu Kerstin Schaefer zeigt Fuchs weitaus kalkuliertere Gemälde, die aber ähnlich wie die seiner einstigen Kommilitonin, nicht vor starken Emotionen zurückschrecken. „casa parallela“, die parallele Behausung, erzählt von den logistischen und mentalen Zerreißproben, denen sich ein nomadisierender Künstler heutzutage ausgesetzt fühlt. Immer wieder tauchen von Bandagen gefesselte Figuren auf, die in diversen Zwangslagen klemmen. Fuchs versucht die Gratwanderung zwischen flächigen, fast architektonischen Kompositionen und menschlichen Handlungsträgern. Dabei bedient er sich entschlossen am Figurenpersonal romanischer Skulptur, bei Beckmann und Bacon. Am besten gelingt der Spagat in kleinformatigen Zeichnungen und Bleistiftskizzen; große Leinwände wirken vom Motiv bisweilen etwas überfordert. Als spannend erweist sich Eckehard Fuchs’ Ausflug in die digitale Animation. Als biografisches „Second Life“ verbindet seine diversen Arbeits- und Lebensräume zwischen Rom und Dresden zu einem einzigen Ort, möbliert mit eigenen Werken und Lebensrequisiten. Diese virtuelle „casa parallela“ funktioniert wie ein heimlicher Sehnsuchtsort des Künstlers.

Mit dem Thema künstlerischer Paralleluniversen setzt sich auch die Galerie „Art Academy“ auseinander und verkuppelt beherzt Positionen aus drei unterschiedlichen Kulturkreisen - ein wohltuendes Abweichen vom reinen Dresdner Lokalbezug. Der junge Brite Rob Osborne verwandelt coole Werbefotos aus Hochglanzmagazinen in abenteuerliche Collagen und die abgebildeten Modells in traurige Clowns: eine vielversprechende Entdeckung. Osbornes zweite Werkgruppe allerdings will nicht mehr so recht ins Bild passen: Sie besteht aus völlig abstrakten Bildkonstruktionen, die eine kreative Persönlichkeitsspaltung des erst 25 Jährigen nahe legen. Formal passen die Abstraktionen allerdings dann wieder gut zu den minimalistischen Skulpturen und Materialbildern von Cha Kea Nam. Die Koreanerin orientiert sich augenscheinlich an der sparsamen Ästhetik des Zen und bleibt mit ihren schwarzen Sisalstrukturen, die wie kleine japanische Kiesgärten anmuten, auch farblich sehr zurückhaltend. Neben so viel Eleganz wirken die fast lebensgroßen Bleistiftzeichnungen von H. G. Griese (*1964) dann fast wie ein Kulturschock. Griese, der sein Dresdner Diplom bereits 1994 in der Fachrichtung Bühnenbild erhielt, setzt auf theatralische Inszenierungen und stellt seltsam versehrt und antiquiert wirkende Heldenfiguren vor. Und als vertraute er deren künstlerischer Tragfähigkeit nicht völlig, stellt er ihnen abstrakte, rhythmische Farbvariationen zur Seite. Derlei beherzte Kollisionen von höchst gegensätzlichen Stimmen wird man bei „Art Academy“ wohl zum letzten Mal zu sehen bekommen - zum nächsten Vernissagentag in Dresden bezieht Galerist Stefan Franz Maier neue, kleinere Räume und bietet dann nur noch Einzelausstellungen an. Mit dem neuen Standort schließt er dann auch räumlich zu seinen Kollegen im Neustädter Stadtviertel auf.

Auf so viel Nähe verzichtet nach wie vor die „Galerie Döbele“, die in einer denkmalgeschützten Villa im feinen Quartier Blasewitz residiert und sich traditionell den Altmeistern der sächsischen Kunst verschrieben hat. Ihre aktuelle Ausstellung betont dieses Profil und stellt ungehobene Schätze aus dem Galeriefundus vor, unter dem Titel „Von Innen nach Außen“. Auf diese Weise entstand ein nobles Gemischtwarenangebot, aus dem heraus Sammlern Schnäppchen zwischen Karl Schmidt-Rottluff und Max Uhlig gelingen und sogar Museen mit geringem Budget Sammlungslücken schließen könnten. Zu den Highlights gehören eine Collage von Hermann Glöckner von 1957, ein Frauenakt von Sascha Schneider von 1920 genauso wie Grafiken von Otto Dix und Oskar Kokoschka. Empfehlenswert ist auch ein Blick auf Werke der Malerin Paula Lauenstein. Galeristin Hedwig Döbele gibt mit schwäbischen Charme Besuchern einen kenntnisreichen Schnellkurs in regionaler Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts und verspricht eine erfreuliche Stippvisite auf der linken Elbseite.