Junge Kunst am Kap - Reisetagebuch Südafrika I

Klatschmohnrot mit Streublumen

Unsere Autorin Camilla Péus reist von Kapstadt nach Johannesburg und besucht, exklusiv für art, sieben Künstler, deren (exotische) Namen man sich merken sollte. Außerdem: Szenen aus dem neuen, spannenden Kunstkosmos mit Berichten über Ateliers, Galerien, Performance-Festivals und Ausstellungen.
Klatschmohnrot mit Streublumen:art erkundet die Kunstszene Südafrika

Gruppendynamik: Auf dem Thibault Platz in Kapstadt führt Performancekünstlerin Anthea Moys gemeinsam mit Tanzgruppen, Wachmännern und Puppenspielern das Stück "Quiet Emergency" vor

Performance-Spektakel: Anthea Moys und die Afro-Chic-Band Gazelle

Kapstadt Zentrum, 11.30 Uhr

Wolken verdampfen über dem Tafelberg. In der Long Street sitzen blonde Südafrikanerinnen auf den Terrassen der Restaurants und Coffeehshops. Surfbretter liegen auf Autodächern und Skateboarder lassen sich von den Villenvierteln in Hanglage ins Zentrum hinunter rollen. Wären da nicht der Township "Khayelitsha" (Xosa: "Unsere neue Heimat") mit über einer Million Einwohnern, an dem man vom Flughafen kommend vorbeirauscht, die schwarzen Zeitungsverkäufer an den roten Ampeln oder der ein oder andere schwarze Geschäftsmann, dann hätte man das Gefühl in einer sauber gefegten Hafenstadt irgendwo in Europa zu sein. Dazu passt, dass die deutschstämmige Südafrikanerin Helen Zille bis 2009 Bürgermeisterin von Kapstadt war.

Auf dem Thibault Square, überragt von Banken- und Versicherungshochhäusern, wickelt sich Anthea Moys ein rotes Tuch um den Kopf. Hinter der Performancekünstlerin beziehen 30 Tänzer Stellung: Ein Mann mit Dreadlocks versprüht orangefarbenen Feuerwerksnebel, eine Zulu-Frau mit breiten Hüften und ballongroßer Oberweite singt eine herzzerreißende Ballade. Anthea Moys dreht auf einem knallroten Dreirad zwei Runden über den Platz und ruft aus vollem Halse "Icecream" – oder "I scream!". "Quiet emergency" heißt der Titel des öffentlichen Spektakels, organisiert vom Kunstfestival "Infecting the City". "Wir symbolisieren die Energien, die sich in Gruppen entfalten und die Suche nach der eigenen Identität", sagt sie und lässt sich zur Erfrischung von einem Kollegen Wasser ins Gesicht sprühen. Noch nie ist die Performerin mit einem derartigen Großaufgebot an Tanz- und Theatertruppen aufgetreten. In einem Zwei-Tages-Crashcurs hat sie das Stück mit über 100 Darstellern einstudiert, mit der Lwandle Theatre group, der IKAPA Dance Company, Gummbootdancern (ohne Gummistiefel), den Central City Improvement District Street Sweepers, Puppenspielern und der Hanover Street Band. "Wir wollen den Mann an der Bushaltestelle ebenso wie den Kunstkritiker in den Bann ziehen", sagt sie. Und als wolle sie mögliche Bedenken entkräften, dass Ihre Performance vorhersehbar oder oberflächlich seien, ergänzt sie: "It’s alright to play. Südafrika hat so eine schwere Vergangenheit, ich möchte eine Alternativwelt erschaffen."

Anthea Moys ist eine Art Rotkäppchen der Kunstwelt. 2009 gewann sie den Everard Read Brait Award, verliehen von einer der renommiertesten Galerien des Landes. Besonders in Johannesburg, wo sie in den "Northern Suburbs", den Reichenviertel aufwuchs, erkennen sie mittlerweile viele auf der Straße. Ihr Markenzeichen ist das Kleid ihrer Großmutter – Klatschmohnrot mit Streublumen. "Weil Rot so eine aktive Farbe ist." Ihren bisher bekanntesten Auftritt hatte Anthea Moys während der Joburg ART Fair 2009. Sie parkte einen silbernen Airstreamer vor den Toren der Kunstmesse und verkaufte rasend schnell selbst gemachte Kunst: das Polaroid-Porträt eines prominenten Künstlers, den sie kurzerhand aus der Menge fischte oder die gefälschte Unterschrift von gefeierten Stars der südafrikanischen Kunstszene wie William Kentridge oder Penny Siopis. "Die Messe ist ein Ort konzentrierter Macht, eine Geldmaschine", sagt Anthea Moys und lacht bei der Erinnerung an das Ereignis laut auf. "Wir haben dem ganzen die Verbissenheit genommen."

"Die Kunstwelt kann erstickend wirken"

Anthea Moys bestellt Weißwein mit Eiswürfeln und verabschiedet sich in einem Straßencafe von ein paar Freunden. Morgen reist sie für ein zweimonatiges Stipendium nach Australien. Am liebsten konfrontiere ich mein Publikum allein", verrät sie dann. So wie bei der Performance "The world’s most dangerous ideas" in Kollaboration mit der Dray Walk Gallery aus London im November 2008. Damals verbrachte sie eine Nacht im Joubert-Park im Johannesburger Viertel Hillbrow, dem kriminellen Hotspot der Stadt. Sie schleppte ihr Bett in die Rosenrabatten, postierte vier Wächter rundherum und rückte so die lokalen Probleme ins Zentrum der Aufmerksamkeit. "Die Kunstwelt kann erstickend wirken", sagt sie und stützt den Kopf in beide Hände. Roter Nagellack blättert von den Fingerspitzen. "Ich bin eine Art Refresher."

Loop Street 20.30 Uhr

Die Teenagertrauben vor den Bars und Bistros erinnern an Freitagabende in London Soho. Die junge Kunstszene trifft sich vor der neuesten Galerie der Stadt namens "Young Black Man" – ein Projektraum, eröffnet von dem Künstler-Autoren-Duo Ed Young und Matthiew Blackman. Dort huscht ein schwarz-weiß-Video aus den achtziger Jahren mit Untertiteln in Afrikaans über die weißgepinselte Wand. Thema des Abends ist jedoch die Schau "Dada South?" in der Cape Town National Gallery. Hier haben die Kuratoren Roger van Wyk und Kathryn Smith neben Dada-Künstlern wie Hanna Höch, Hans Arp, Man Ray und George Grosz auch Werke der Top-Künstler Südafrikas wie Candice Breitz, Jane Alexander, Steven Cohen, dem Performer Athi-Patra Ruga und dem in Berlin lebenden Künstler Robin Rhode versammelt. In der groß angelegten Schau wird deutlich, dass auch die außereuropäischen Künstler von den Idealen der Dadaisten beeinflusst wurden und die absurd gewordenen Werte eines ehemals isolierten, zerrütteten Landes in Frage stellten.

Der Tag endet im Assembly-Club. Auf der Bühne mixt die Band und Performancecombo "Gazelle" alias Xander Ferreira und Nick Matthews Afro- und Elektrobeats, während draußen Fans vor dem Eisentor auf Einlass warten. Der Leadsänger Xander Ferreira, der außerdem ein angesehener Fotograf ist, sorgte 2009 auf der Art Basel für Aufmerksamkeit. Damals prangerten er und seine Entourage, gestylt in weißen Anzügen und Leopardenkappen, in Rap-Songs die korrupten Herrscher viele Entwicklungsländer und ihren maßlosen Lebensstil an.