Marina Abramovic - MoMA New York

Die göttliche Marina

Marina Abramovics Performance "The Artist is Present" rührte viele Besucher des New Yorker Museum of Modern Art zu Tränen. Eine Bilanz der Ereignisse, die Abramovics Retrospektive vom 14. März bis zum 31. Mai begleiteten.

Ganze drei Sekunden verbringen Museumsbesucher im Durchschnitt mit einer Arbeit, wurde anhand von Studien ermittelt. Marina Abramovic gelang es, mit ihrer Performance "The Artist is Present" im Museum of Modern Art, den Begriff von Zeit zur Kunstform an sich zu erheben.

Das MoMA verwandelte sie in ihren persönlichen Tempel. Betrachter wurden zu Betrachteten, sie selbst zu einer göttlichen Statue, die ihrem Gegenüber mit unermüdlicher Güte in die Augen blickte.

Ganz genau waren es 1565 Augenpaare, die ihr vom 14. März bis zum 31. Mai gegenüber saßen, hat die Künstlerin errechnet. 736 Stunden und 30 Minuten dauerte die Performance an, bei der sie jeden Tag der Woche, bis auf dienstags, mit wächsernem Gesicht auf ihrem unbequemen Holzstuhl Platz nahm. Die Besucher warteten Stunden, um im Atrium unter grellem Scheinwerferlicht ihren Moment mit Marina zu teilen. Eine Bilanz der Ereignisse, die Abramovics Retrospektive begleiteten:

# Die VIP-Tickets: Prominenten wurde gesonderter Einlass ohne lästige Wartezeiten von bis zu acht Stunden gewährt. Doch dem Fotografen Marco Anelli, der alle Besucher mit Angabe ihrer "Sitz-Zeit" dokumentierte, konnten auch sie nicht entkommen. Zu den VIP-Gästen zählen neben Björk (vier Minuten), Matthew Barney (acht Minuten) und der gemeinsamen Tochter (drei Minuten) auch Schauspielerin Marisa Tomei, James Franco, Rufus Wainwright, Sharon Stone, CNN-Frau Christiane Amanpour, Isabella Rossellini, Lou Reed und natürlich Abramovics früherer Performance-Partner Ulay.

# Die Chef-Sitzung: Während manche Besucher Stunden mit Marina verbrachten, brachte es der MoMA-Direktor Glenn Lowry auf zehn Minuten Sitzzeit.

Tränen, Geheimnisse und eine Doppelgängerin

# Das Geheimnis: Es gab Spekulationen über Abramovics Schönheitsoperationen (Was genau hat sie denn nun machen lassen?) und die Tatsache, dass sie während ihrer mehr als neun Stunden andauernden Performances keine Pausen einlegte, um die Toilette aufzusuchen. Sie würde eine Windel tragen, vermuteten einige. Ihre voluminösen Kleider würden einen Katheder und einen Auffangbeutel verbergen, meinten andere. Tatsächlich befand sich eine Bettpfanne in Abramovics Stuhl. Sie wurde jedoch entfernt, weil der in das Kleid eingenähte Abzugsschacht sich nicht mit ihrer Haut vertrug. Um keine Pausen machen zu müssen, nahm die Künstlerin nur in der Nacht Flüssigkeit auf und hörte jeden Morgen ab acht Uhr auf zu trinken.

# Die Galerie der Tränen: Die Liste der Leute, die Abramovic zu Tränen rührte, ist lang. Was die 28-jährige Katie Notopoulos dazu veranlasste, die Fotos der weinenden Besucher auf der Website "Marina Abramovic Made Me Cry" festzuhalten: http://marinaabramovicmademecry.tumblr.com/

# Die Doppelgängerin: Ende März nahm eine junge Frau in blauer Kutte, die dunklen Haare wie Abramovic zum Zopf geflochten, für den kompletten Tag den Besucherstuhl ein. Es war die Brooklyner Performance-Künstlerin Anya Liftig, die ihrem Vorbild nacheiferte und mit ihr einen stummen Dialog geführt haben will.

# Der Unbekannte: Wer ist der Mann mit dem Schnurrbart der Abramovics Nähe an die 15 Mal suchte? Es handelt sich um den New Yorker Visagisten Paco Blancas. Die Künstlerin sei wie ein Magnet, von dessen Kraft er sich angezogen fühlt. Ein Katalysator, der Gefühle freisetzt, meinte Blancas. Mit einer 25 Minuten dauernden Session sagte Paco seiner Marina am 66. Tag unter Tränen Goodbye.

# Die Marina-Cam: Die Website des MoMA, auf der man die Performance live verfolgen konnte, zählte 800 000 Hits.

Störenfriede, Marina-Hysterie und der letzte Besucher

# Die Störfälle: Bis auf den Besucher, der sich wenig originell den Finger in den Hals steckte, um sich zu übergeben, und die Person, die Flyer vom oberen Geschoss segeln ließ, blieb es ruhig im MoMA.

# Die Camper: Gegen Ende der Ausstellung setzte eine Art Marina-Hysterie ein. Bereits in den frühen Morgenstunden bildeten sich Schlangen vor dem Museum. Besucher aus allen Teilen Amerikas campten mit Matratzen und Decken vor dem Gebäude. Das Ganze wirkte wie das Casting für eine neue Reality-Show.

# Der Nackt-Skandal: Am letzten Tag gab es dann endlich die lang erwartete Sensation: Die Filmemacherin Josephine Decker zog sich mit einer geschickten Handbewegung das sommerliche Kleid vom Körper. Splitternackt saß sie Abramovic gegenüber, die wie eine Sphinx keine Mine verzog. Sicherheitsbeamte warfen der weinenden, jungen Frau eine Decke über den Körper und geleiteten sie aus dem Museum. Doch die aufgelöste Decker hatte ihren Moment, als sie ein Kamerateam des Fernsehsenders HBO umringte, das eine Dokumentation über Abramovic drehte.

# Der letzte Gast: Wie zu erwarten nahm Kurator Klaus Biesenbach als letzter Gast der Künstlerin Platz. Er küsste sie zum Abschied. Anschließend ging Abramovic zu Boden, rappelte sich wieder auf und verabschiedete sich mit ein paar Drehungen von ihrem Publikum.

# Der Schlangen-Auftritt: Während die Künstlerin, die Mode und den dramatischen Auftritt liebt, ihre Kleiderwahl während der Performancezeit schlicht hielt (eine blaue Robe im März, Rot im April, Weiß im Mai) ließ sie sich für die Dinnerparty zum Abschluss (mit Gästen wie Michael Stipe, Patti Smith und Courtney Love) von Givenchy-Designer Riccardo Tisci ihr Outfit schneidern. Der ließ er sich von der früheren Schlangen-Performance der Künstlerin inspirieren. Die Jacke zum Kleid besteht aus der Haut von 101 Schlangen, die immerhin eines natürlichen Todes gestorben sein sollen. Die Gäste nahmen ein ungewöhnliches Souvenir mit nach Hause: Marina Abramovics in Schokolade gegossene und mit Blattgold belegte Lippen.

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