Albert Oehlen - Interview

Ich mag die Vorstellung vom Malerfürsten

Der ehemalige "Junge Wilde" Albert Oehlen, 1954 in Krefeld geboren, gilt als einer der wichtigsten Maler seiner Generation. In der Berliner Galerie Max Hetzler präsentiert Oehlen noch bis zum 20. Dezember neue Arbeiten. Zu diesem Anlass sprach "Spex"-Chefredakteur Max Dax mit ihm über seine Werbecollagen, mit Willkür herrschende Malerfürsten – und die Popband Scooter.
Das große Interview mit Albert Oehlen:"Ich mag die Vorstellung vom Malerfürsten"

Albert Oehlen: "12", 2008; Öl und Papier auf Leinwand, 210 x 270 cm

Albert Oehlen, Ihre neuen großformatigen Arbeiten bestehen aus übermalten spanischen Werbeplakaten. Was will uns der Künstler damit sagen?

Albert Oehlen: Ich wollte Emotionen! Ich musste mir irgendwann eingestehen, dass mein Denken in Bezug auf Kunst ziemlich nüchtern ist. Ich analysiere vor mir selbst sehr genau, was ich tue. Was ich nicht brauche, lasse ich außen vor. Ich plane meine Schritte. Ich bin, was die Kunst anbetrifft, sehr unemotional.

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Aber irgendwann faszinierten mich diese Aktbilder von Francis Picabia: Mir hat jemand erzählt, dass es ihm einfach große Freude bereitet habe, diese Frauen zu malen. Ich dachte: "Schade, so habe ich nie gearbeitet. Etwas, das ich ganz ernsthaft toll finde, einfach abzubilden." Gleichzeitig wollte ich immer Popkunst machen, große, farbige Sachen, die einen unmittelbar ansprechen. Über Jahre habe ich mich dann in Schritten dem Pop zu nähern versucht – in dem Sinne, dass ich Eigenschaften wie Farbigkeit, Direktheit und Heiterkeit anstrebte, die man gemeinhin dem Pop zumisst. Ich bin bei diesen Annäherungsversuchen mit einer ganzen Menge Bilder gegen die Wand gelaufen. Diese Arbeiten habe ich anschließend vernichtet. Aber dann habe ich doch noch einen Zugang gefunden. Der Schlüssel hierfür war eine Erinnerung aus meiner Jugend, also jener Zeit, in der man noch so ganz frisch und unbedarft den Konsumterror kritisiert hat. In meinen neuen Arbeiten klebte ich also Plakate auf Leinwand und schmierte dann Farbe darauf. Das klingt ganz einfach, aber als malerisches Projekt entpuppte es sich als ziemlich schwierig. Mein Anliegen war eine abstrakte Malerei, die durch penetrante Werbeelemente eine genervte Stimmung hat. Ich wollte die Bilder unbedingt als Malerei deklarieren können – im Unterschied zur Collage. Es ergeben sich gelegentlich Witze aus dem Zusammenspiel zweier Plakate. Aber da ist keine inhaltliche Aussage zu suchen, der Inhalt implodiert.

Die neuen Bilder sind der zweite Teil einer größer angelegten Serie.

Einen ersten Schub Bilder malte ich 2007 für eine Ausstellung in London. Die allerersten Versuche bestanden darin, Werbeanzeigen von Schlecker abzumalen, also niedrigstes Niveau – Werbung für Bau- oder Drogeriemärkte. Das ist aber nichts geworden.

Was spezifisch hat Sie an dieser Werbung fasziniert?

Es gibt neuerdings wieder Werbung, die alles andere als "sophisticated" ist: Werbung, die einen nur anschreit; Werbung, die üble Gelb-Rot-Kontraste nach vorne holt und bei der weiße Blockschrift mit schwarzen Schlagschatten versehen wird. Marktschreierische Anhäufungen von irgendwelchen Konsumartikeln. Ich habe also angefangen Werbematerialien dieser Art zu collagieren, sie zu übermalen, mit ihnen zu experimentieren. Indem ich die Aufteilung dieser Anzeigen übernahm, schuf ich mir die Möglichkeit, auf meinen Bildern mehrere Motive nebeneinander abbilden zu können, ohne notwendigerweise einen Sinnzusammenhang herstellen zu müssen. So gab es in der Londoner Ausstellung Bilder, in denen Waschmittelwerbung oder Werbung für Bratwürstchen und Deutschlandfahnen bezugslos nebeneinander standen. Irgendwie war diese erste Serie perverser konstruiert als die Arbeiten heute. Entsprechend war der Tenor in der Londoner Presse: Man wisse zwar nicht, ob man das jetzt gut finden solle, aber definitiv sei es eindringlich und verunsichernd gewesen.

Warum die Deutschlandfahnen?

Mit ihnen wirkte die Werbung noch schrottiger. Tatsächlich war mir in einer Anzeige für Campingstühle eine Deutschlandfahne aufgefallen. "Wie sind Phänomene wie diese übersetzbar in Kunst?", fragte ich mich. Um das zu steigern, habe ich über diese Bilder Textfetzen der Band Scooter drübergemalt. Von Scooter war ich schon seit langem fasziniert.

Was fasziniert Sie an Scooter?

Dass es bei denen nur um eine Stimmung geht, und kein Inhalt mehr zu finden ist. Scooter sind nur noch Form.

Ihren neuen Bildern haben Sie abstrakte Arbeiten von 1991 gegenübergestellt. In welchem Zusammenhang stehen die beiden Zyklen?

Es gibt keinen Sinnzusammenhang. Was soll ich also dazu sagen? Es ist zugleich kein Zufall, dass es keinen Zusammenhang gibt. Die Gegenüberstellung der Arbeiten war von mir so gewollt.

Warum so ausweichend? Möchten Sie Ihr Konzept nicht demystifizieren?

Es gibt kein Konzept, das demystifiziert werden könnte. Für mich hat die Gegenüberstellung ihren eigenen Reiz. Die Arbeiten von 1991 sind damals im vierten Jahr meiner abstrakten Malerei entstanden. Ich halte das für ein besonders gutes Jahr. Übrigens sind die Arbeiten von 1991 in Spanien entstanden.

Wie die neuen Bilder also …

Genau, die sind im Baskenland entstanden.

Wenn man so will, hätte man also eine Verbindung zwischen den Zyklen.

Man muss nur lange genug suchen, schon stellt sich ein Kontext ein.

Das große Interview mit Albert Oehlen

Sie malen Bilder, die Emotionen auslösen wollen – zu einer Zeit, in der manche Gruppenausstellung mehrheitlich aus Multimediaarbeiten und Computerkunst besteht …

Man wird ja irgendwann zum Spezialisten. Man ist dann auch fasziniert und interessiert sich für seine Vorgänger, ob man es will oder nicht. Irgendwann ist man sehr froh über das, was man kann, und will es verfeinern. Man denkt dann nicht darüber nach, etwas anderes zu machen, nur weil andere etwas anderes machen.

Wer wären die Vorgänger?

Die Malereigeschichte. Die Lieblingsmaler gewinnen an Bedeutung.

Wer wären Ihre Lieblingsmaler?

Das ändert sich immer mal wieder. Aber derzeit wäre Willem de Kooning zu nennen, der spielt mal wieder eine große Rolle. Ich mag die abstrakten Expressionisten. Am liebsten mag ich die Leute, die auch über die Vorgehensweise und die Methodik nachgedacht haben und die neue Aspekte und Parameter in die Malerei eingebracht haben. Dalí zum Beispiel. Aber man kann auch nur erschlagen sein von der Qualität von jemandem, das kann auch jemand sein, der einem fremd ist.

Das Kunstwerk ist also doch autonom?

Ich weiß, worauf Sie anspielen. Ich habe das Wort vor Jahren einmal benutzt, und dafür bin ich von Rainald Goetz in einem langen Gespräch, das auch veröffentlicht wurde, zur Rechenschaft gezogen worden. Mir ist nach dieser Begegnung klargeworden: Ich bin nicht kompetent, solche Wörter zu benutzen. Aber ich will nicht leugnen, dass ich eigentlich schon eine heldenartige Vorstellung vom Künstler habe, der die Menschheit triezt mit seiner Kunst. Ich mag die Vorstellung vom Malerfürsten, der nicht bereit ist abzutreten, sondern über Jahrzehnte mit Willkür herrscht und Gefolgschaft einfordert.

Sprechen Sie da von sich?

Auf mich bezogen heißt das: Ich bin nicht bereit, Schachfigur zu sein von Kunstmarkt, Theoretikern und Kuratoren.

Wenn Sie feststellen, dass die neuen Arbeiten emotional sind, liegt dieser Emotionalität trotzdem ein Konzept zugrunde?

Ehrlich gesagt geht es darum, schöne Bilder herzustellen. Das Kunststück besteht darin, dass es eine malerische Präsenz hat, dass es einen anguckt als abstraktes Ölgemälde. Man hat diese Werbeelemente, die in keinem Sinnzusammenhang stehen, und die nicht im Sinne eines Frage-Antwort-Spiels – Verneinung, Bestätigung, Verlängerung, nichts dergleichen! – mit den anderen Elementen des Bildes interagieren. Sie sind auf das Bild bezogen pure Form, rein formale Elemente. Und trotzdem haben diese nicht miteinander in Bezug stehenden Elemente einen Effekt auf unsere Seele. Eine Deutschlandfahne tut mir weh im Gemälde. Die ist ohnehin nicht schön, und sie ist zudem unmissverständlich. Eine andere Fahne könnte man, anders als die deutsche, als bunte Streifen wahrnehmen. Und genauso verhält es sich mit den Werbeplakaten, die in den neuen Arbeiten übermalt wurden: Die hochcodierten Einzelteile dieser Bilder schreien uns unmittelbar an, aber sie stehen trotzdem ohne neuen Sinn nebeneinander. "Emotionen" heißt in diesem Zusammenhang "Effekt" – und von daher sollte man keinen tieferen Sinn in den Emotionen suchen.

Haben Sie die neuen Arbeiten schon mal Ihrem Freund Julian Schnabel gezeigt?

Nein, die neuen Arbeiten hat er noch nicht gesehen. Trotzdem tauschen wir uns aus.

Wie wichtig ist Ihnen sein Urteil?

Ich mag ihn sehr, und sein Urteil bedeutet mir was, auf jeden Fall. Aber wenn er mein Studio betritt, dann geht er umher – und fängt hier und da an, ein Bild um 90° zu drehen oder ganz auf den Kopf zu stellen. "Now it’s much better!", sagt er dann, und ich empfinde es wie ein Spiel, bei dem er von mir erwartet, dass ich sage: "Oh, you are right, Julian! This should have been my idea." Das ist manchmal eine Zumutung, dann nämlich, wenn er weitermalen will an den Bildern, und ich ihn zurückhalten muss, damit er sie nicht überpinselt. Er greift immer ein. Das ist anstrengend. Aber es gab natürlich auch Fälle, in denen er Recht behielt.

Julian Schnabel ist das, was man gemeinhin als "Malerfürst" bezeichnet.

Ist er, auf jeden Fall.

Im Unterschied zu Ihnen oder Martin Kippenberger?

Keiner von uns musste oder muss sich einen Purpurmantel anziehen, um sich wie ein King zu fühlen. Andererseits finde ich die Auftritte von Schnabel und von Lüpertz wunderbar. Ich finde, dass denen ein solcher Auftritt auch zusteht, und das meine ich ganz und gar nicht ironisch. Das Modell Malerfürst ist ein Weg von vielen, allerdings einer mit großem Unterhaltungswert.

Das Interview von Max Dax erschien im Katalog "Albert Oehlen 1991 2008" (Holzwarth Publications, 2008, 35 Euro) zur Ausstellung in der Berliner Galerie Max Hetzler.

"Albert Oehlen"

Termin: bis 20. Dezember, Galerie Max Hetzler, OsramHöfe, Oudenarder Straße 16 – 20, Berlin.
http://www.maxhetzler.com/1036.0.html?&tx_hetzlergallery_pi1[exhibition_uid]=316&tx_hetzlergallery_pi1[modus]=overviewList&cHash=364aa04437