The Long Weekend - Tate Modern London

Do it yourself

Klettern, krabbeln, schreien und skaten: die Londoner Tate Modern wird zur Spielwiese, und Mitmachen ist Pflicht. Am langen Maiwochenende feierte das Museum am Ufer der Themse das Erbe von Arte Povera und Post-Minimalismus – und zeigt wie aus körperlicher Aktivität politischer Aktionismus werden kann.
Klettern, krabbeln, schreien und skaten:Politischer Aktionismus in der Tate

Paola Pivis Performance "1000": 1000 Menschen verleihen ihrem persönlichen Protest Ausdruck und bringen die Turbinenhalle der Tate zum Beben

Die Regeln sind eindeutig: keine hohen Hacken, keine Kinder ohne Begleitung Erwachsener, Einfluss von Drogen und Alkohol unerwünscht. Kunst wird zum Abenteuer, und dabei kann man sich schon mal die Knochen brechen. So hat es sich jedenfalls 1971 zugetragen, als Robert Morris´ Installation "Bodyspacemotionthings" in den großen Hallen der Tate Britain am gegenüberliegenden Flussufer Premiere feierte.

Die Ansammlung von Holzgebilden, die zum Rutschen, Wippen, Kugeln, Klettern und Balancieren einluden, löste bei den Londonern ungeahnte kreative Energien aus. So musste die Ausstellung wegen zahlreicher Verletzungen und auf Grund des "überschwänglichen Verhaltens der Besucher" schon fünf Tage nach der Eröffnung wieder geschlossen werden. Das Museumspublikum begriff wohl eher als die Verantwortlichen der Tate, worum es Morris ging: Kunst am eigenen Körper erlebbar zu machen, und nicht bloß den Künstler nachempfinden. 38 Jahre später nimmt die Tate einen neuen Anlauf und gestattet – wenn auch unter strenger Aufsicht – Kunst als Abenteuer, was nicht nur eine ganze Horde Kinder, sondern auch jede Menge Erwachsener begeistert. Im Rückblick wird vieles klarer – und so auch, dass diese Installation nicht nur Spaß und Spiel bedeutete, sondern den Betrachter zu einer neuen und zur damaligen Zeit radikalen Bezugnahme zum Werk herausforderte: Anstatt Schauen ist Aktionismus gefragt, sowohl auf körperlicher, als auch auf gedanklicher Ebene, denn gemeinsames Handeln verbindet.

Dementsprechend wiederholte der italienische Künstler Michelangelo Pistoletto seine Performance "Walking Sculpture", bei der er zusammen mit seiner Frau Maria eine zwei Meter dicke Kugel aus Zeitungspapier von der Tate über Norman Fosters Millenium Bridge durch London rollt. Seit er 1966 diese Performance erstmals in Turin zeigte, gilt er als Schlüsselfigur der "Arte Povera", einer Kunstrichtung die mehrheitlich von einer Gruppe italienischer Künstler in den sechziger Jahren durch Verwendung alltäglicher, natürlicher und nicht industriell produzierter Materialien als Antwort auf Pop Art, Massenkonsum und Kapitalismus geprägt wurde. Ob 1966 oder 2009, ob italienische oder englische Zeitungen, der Blätterball verkörpert nicht nur soziale und politische Meinungsvielfalt, sondern steht auch für Kritik an der ständig wachsenden Informationsflut im Nachrichtenwesen. Nur schade ist, dass symbolisch für Facebook, Twitter und die unzählbaren Online-Blogs heute nicht Handys und Computer über die Themse rollen konnten.

Ein leichter Anarchismus liegt in der Museumsluft

So spiegelte am letzten Wochenende die Tate nicht nur ihre eigene Geschichte mit der Wiederholung einmaliger Aktionen wie der von Morris oder Pistoletto wider, sondern präsentierte ihre Sammlung im neuen Licht unter dem Motto "Energy und Process". Die Neuhängung zeigt Werke rund um Arte Povera, aber auch großformatige Arbeiten von Eva Hesse, Anselm Kiefer, Richard Serra und Günther Uecker. Groß angelegt waren auch zwei neue Performances wesentlich jüngerer Künstler, die wie ihre Vorgänger einen experimentellen Umgang mit Materialien, Medien und deren Verfremdung pflegen. Die Filme der Amerikanerin Jennifer West paaren Man Ray mit Popkultur. Womit ihr Landsmann gut 85 Jahre vorher experimentierte, ist bei West Methode: Vor der Aufnahme bearbeitet die Künstlerin ihre Filmrollen mit Nägeln, Farbe, Säure oder ähnlichem. Während ihrer speziell für die große Empfangshalle der Tate Modern entwickelte Performance ließ sie ein paar hippe, junge Londoner Skater über die am Boden befestigten Filmrollen sausen und ihre Moves zeigen: den Ollie, den Kick Flip oder den Bunny Hop. Ihre Spuren verewigten sich auf den Filmrollen, und so entstand Skate the Sky, ein 35mm Film, der einen Tag darauf in der Tate erstaufgeführt wurde. Ein Fest an Farben flimmert über die Leinwand, betört das Auge und ruft die eleganten Bewegungen der Skater mit all ihrer Lässigkeit in Erinnerung: Kunst ist Lifestyle – und alle mischen mit.

Ein leichter Anarchismus liegt in der Museumsluft, und kleine Revoluzzerfunken springen von Künstlern auf Besucher, vom Einzelnen auf die Gemeinschaft über. Besonders bei der Performance der italienischen Künstlerin Paola Pivi, die in ihrem Gesamtkunstwerk "1000" die Protesthaltung Pistolettos mit Morris’ Forderung nach Partizipation vereint: Aus vollem Halse schreien 1000 Freiwillige und bringen die heiligen Hallen zum Beben. Der ohrenbetäubende Lärm befremdet und fasziniert zugleich. Von einer Sekunde zur anderen verwandeln sich die Dissonanzen in überraschende Harmonien. Wofür oder wogegen jeder Einzelne seine Stimmgewalt richtet, bleibt unergründlich: gegen den Arbeitgeber, gegen die Krise, gegen den Staat samt seiner lokalen und internationalen Politik? Pivi selbst spezifizierte ihre Botschaft nicht, rekrutierte aber viele Freiwillige aus politisch oder sozial motivierten Vereinen wie zum Beispiel Free Tibet. Wie es auch sei – eine befreiende Wirkung stellt sich auf jeden Fall ein. Genauso wie beim Klettern, Krabbeln und Toben im Museum.

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