Takashi Murakami - MMK Frankfurt

Kinder verstehen meine Kunst

Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst präsentiert eine umfangreiche Ausstellung des japanischen Künstlers Takashi Murakami. art traf den Marketing-Künstler zum Interview in New York – und besuchte seine "Factory" Kaikai Kiki.
"Kinder verstehen meine Kunst":Studiobesuch und Interview mit Takashi Murakami

Takashi Murakami, "Tan Tan Bo Puking a.k.a. Gero Tan", 2002; Acryl auf Leinwand auf Holzplatte montiert, 360 x 719,9 x 6 cm

Mr. Pointy sitzt auf einem riesigen weißen Frosch, der es sich wiederum auf einer Lotusblüte bequem gemacht hat. Mr. Pointy ist sieben Meter groß, hat 18 Arme und einen gigan–tischen Schwellkopf, aus dem ein spitzes Horn ragt. "Tongarikun" (Mr. Pointy) ist ein typisches Skulpturenensemble von Takashi Murakami und sitzt in der zentralen Halle des Museums für Moderne Kunst.

"Seine kurvenreichen Designs und seine kräftigen Farben lassen an eine Fusion von Surrealismus, Art Nouveau und japanischen Kimonos denken", schrieb die "New York Times" als das Werk kürzlich im Brooklyn Museum in der bisher umfangreichsten Murakami-Schau gezeigt wurde, die jetzt – in veränderter Form – in Frankfurt am Main zu sehen ist.
Doch damit ist der Facettenreichtum von Murakamis kitschig-verspielten Horrorszenarien keineswegs erschöpft. Schließlich ist der Künstler Japaner und lässt als solcher auch spirituelle Symbole und die dort übliche Manga- und Anime-Bildsprache in seine Bilder, Skulpturen, Videos und Objekte einfließen. Niedlichkeit, Grusel und abstrus überzeichnete Erotik gehen bei dem selbst ernannten Marketingkünstler, der 1962 in Tokio geboren wurde, Hand in Hand.

Und während die einen noch grübeln, ob seine perfekt vermarkteten T-Shirts, Schlüsselanhänger und Spielzeuge Kunst sind, kürte ihn das "Time Magazine" unlängst zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Wobei man sich durch–aus darüber wundern könnte, dass der Japaner in der Kategorie "Künstler und Entertainer" gelandet ist und nicht als "Geschäftsmann" firmiert.

20 künstlerische Assistenten helfen bei der Produktion

Spätestens seit seiner Kooperation mit Taschenhersteller Louis Vuitton 2000 kennt man seine schrill-bunten Motive auch in der Schickeria, und mit dem Design für die CD-Hüllen des Rappers Kanye West 2007 hat er sich auch unter Musikfreunden einen Namen gemacht. In Frank–furt wurde nun für den konsum–orientiertesten Popkulturkünstler seit Andy Warhol das gesamte Museum frei geräumt. Mehr als 130 Werke sind zu sehen, darunter die neuesten Designs für Vuitton und ein Museumsshop mit Produkten seiner Firma "Kaikai Kiki".

Im April lud Murakami art zum Studiobesuch ein. Sein Kunstunternehmen mit dem Namen "Kaikai Kiki", was übersetzt "elegant und bizarr" heißt, befindet sich im New Yorker Stadtteil Queens. Allein 35 Mitarbeiter kümmern sich hier um die Vermarktung seines Namens, um Presse, Finanzen und Planung. Bis zu 20 künstlerische Assistenten und Fachleute für Computeranimation helfen bei der Produktion der Arbeiten, die der Meister nur noch zum Teil selbst am Computer entwirft und komplett von seinen Mitabeitern ausführen lässt. Speziell geschulte Künstler legen mit Pinsel und Farbe letzte Hand bei den riesigen Siebdrucken an, um feinste Linien nachzuziehen. Murakami, der in New York vom Powerhouse Gagosian Gallery vertreten wird, reist alle zwei Monate in Queens an.

Das Interview mit Takashi Murakami

Herr Murakami, so farbenfroh und fröhlich Ihre Arbeiten auf der Oberfläche sind, sie wirken einsam und deprimierend. Wollen Sie diese Gefühle damit ausdrücken?

Takashi Murakami: Roberta Smith, die Kritikerin der "New York Times", sagte, ich sei verletzt und wütend auf die Gesellschaft und auf mich selbst. Kinder sind große Fans meiner Arbeit. Sie verstehen meine Kunst, denn sie erkennen die Wahrheit darin. Kinder lieben Star Wars – aber die Serie ist nicht fröhlich, sondern handelt von dunklen Geschichten. Kinder sehen ihre Eltern, wie sie miteinander streiten und wie sie sich wieder umarmen. Das ist die Realität, unsere Welt ist ein komplizierter Ort. Deshalb lachen meine Gesichter nicht wirklich. Das Lächeln meiner Figuren ist nur ein Muskel, der sich bewegt.

Die Subkultur der Otaku, japanische Jugendliche, die sich in die Welt der Mangas zurückziehen, die auf Erotik-Comics und Animationsfilme stehen, war lange Zeit Ihr Thema. Haben Sie Otaku hinter sich gelassen?

In bin wieder sehr involviert, in den nächsten zwei, drei Jahren werde ich neue Arbeiten dazu produzieren. Früher hatte ich kein Vertrauen in die Kultur der Otaku, inzwischen wird sie wie die Gothic-Szene von der Gesellschaft als Stil angesehen. Otaku ist ein großer Markt geworden.

Gefällt es Ihnen, als Nachfolger von Andy Warhol bezeichnet zu werden?

Wie alt ist Andy Warhol geworden? Ich glaube 58 Jahre. Wenn ich so alt oder älter sein werde, sagt das vielleicht niemand mehr von mir.

Haben Sie denn etwas von Warhol gelernt?

Sehr viel. Als Warhol noch am Leben war, hassten ihn die Menschen. Nach seinem Tod verstanden sie seine Kunst und was Kunst ist. Künstler wie er und Marcel Duchamp führten eine Revolution. Ich bin sehr stolz darauf, Japans Andy Warhol genannt zu werden. Es bedeutet, dass die Menschen verstehen, dass ich zur Evolution der Kunst beitrage. Das ist großartig.

In Ihrer Heimat verehren Sie viele als Held, als Pionier für zeitgenössische Kunst aus Japan.

Die Kuratoren in Japan mögen mich nicht. Die Museen besitzen nichts von mir. Ein Privatmuseum hat drei Arbeiten von mir in der Sammlung – das war es. Es wäre nicht möglich gewesen, in Japan eine solche Ausstellung zu gestalten. Die Japaner glauben nicht an Kunst. Das war vor dem Zweiten Weltkrieg so, deshalb haben wir solche Spannungen.

Sie haben beklagt, dass es in Japan keine ernsthaften Sammler gibt.

Die Bedingungen sind nicht gut. Kunst wird nicht wie in den USA oder Europa als Teil der Wirtschaft verstanden. Das Steuersystem ist schuld daran. Die Steuern auf Kunst sind extrem hoch. Was es schwieriger für Museen und Sammler macht. Sie behalten ihre Arbeiten lieber. Ich habe mit einem chinesischen Künstler gesprochen, der mich nach Peking einladen wollte. Der sagte mir: "Takashi, mach dir keine Sorgen. Ich kenne Politiker an der richtigen Stelle – du musst keine Steuern zahlen." Keine Ahnung, ob das stimmt. Aber der Markt in China ist riesig. In Europa zahlen die Sammler vielleicht mal bar und wollen keinen Beleg dafür haben. Das ist die Realität des Marktes. In Japan muss alles der machtvollen Steuerbehörde gemeldet werden. Deshalb sehen die Städte so schön aus: das Steuergeld muss ausgeben werden.

Hängt künstlerischer Erfolg mit der Gabe, sich vermarkten zu können, zusammen?

Das stimmt und dann auch wieder nicht. Picasso war gut im Marketing, Dalí ebenfalls. Van Gogh wiederum nicht. Heutzutage verstehen sich Richard Prince, Damien Hirst und Jeff Koons im Marketing. Aber es gibt auch Künstler, die nur für sich arbeiten, und erfolgreich sind.

Und wie sieht es bei Ihnen aus?

Ich bin ein Marketing-Künstler.

"© Murakami"

Termin: 27. September bis 4. Januar 2009, MMK Frankfurt. Katalog: Rizzoli Verlag, in Englisch mit deutscher Übersetzung, zirka 50 Euro
http://www.mmk-frankfurt.de/

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