Reykjavík Arts Festival

Island

Der alte Mann und das Pong
Kunst und Spektakel in Reykjavík: Monica Bonvicini in ihrem Werk (Foto: Clemens Bomsdorf)

DER ALTE MANN UND DAS PONG

Am vergangenen Wochenende wurde das diesjährige Reykjavík Arts Festival eröffnet. Zum zweiten Mal stand die bildende Kunst im Zentrum. Auf dem Programm Ausstellungen mit isländischen und internationalen Künstlern wie Ragnar Kjartansson, Emily Widell und Olafur Eliasson. Zu den Eröffnungstagen hatte der Schweizer Kurator Hans-Ulrich Obrist zusammen mit Eliasson zu einem experimentellen Kunstmarathon geladen, und alle sind gekommen: Carolee Schneeman, Jimmie Durham, Marina Abramovic, Monica Bonvicini, sowie Björk und Francesca von Habsburg. Der wahre Star der Veranstaltung jedoch war: Jonas Mekas.
// CLEMENS BOMSDORF, REYKJAVÍK

Ein ungleiches Paar, das da auf der Bühne steht: Rechts Olafur Eliasson, der so spricht, als würde er jedes Wort gegen eine Vielzahl von Alternativen abwägen und links Hans-Ulrich Obrist, der zwar auch nicht direkt den Eindruck erweckt Unüberlegtes zu sagen, aber aus dem es oft so schnell hervorsprudelt, dass es scheint, dieser Mann habe Angst die durchschnittliche Lebenserwartung reiche nicht aus, um all das zu sagen, was er sagen möchte – und deshalb ohne Punkt und Komma redet.

Die beiden erläutern auf dem Eröffnungsabend im Reykjavíker Kunstmuseum, was es mit diesem experimentellen Marathon auf sich hat, den sie geplant haben: Wissenschaftler und Künstler sollen reihenweise performen oder sprechen und sind dabei recht frei, worüber.

Die Rede der beiden ist ein einziges Name- und Locationdropping – Serpentine, London, Reykjavík, New York, Durham, Mekas, Abramovic und so weiter. Das Werbeplakat zur zweitägigen Veranstaltung gibt einen dezenten Hinweis, wer hier am wichtigsten ist: Während die Liste der teilnehmenden Künstler nur mit einer Lupe zu lesen ist, prangern die Namen von Obrist und Eliasson in riesigen Lettern und nehmen knapp die Hälfte des Platzes ein.

Man merkt: Das Duo ist ein eingespieltes Team, beide wechseln sich unablässig mit dem Sprechen ab. Spielerisch sozusagen. Und um dies auch noch einmal zu unterstreichen, beenden sie jeden Satz stets mit Ping oder Pong – quasi ein Ping-Pong-Spiel unter Freunden. Als die zwei Pings und Pongs überhand zu nehmen drohen, naht Rettung aus der ersten Zuschauerreihe. "Keep this Ping and Pong going" ruft Jonas Mekas, reckt seine Arme samt Weinglas in der Linken in die Höhe und erreicht damit genau das Gegenteil: Hans-Ulrich Obrist dankt ihm namentlich und alsbald hat der Ping-Pong-Spuck ein Ende, und die erste Ausstellung des Festivals kann besucht werden.

Wie bei Obrists legendären Interview-Marathons jagt eine Veranstaltung die nächste

Im Hafnarhus, einem ehemaligen Lager und jetzt Haupthaus des Reykjaviker Kunstmuseums, stellen einige der am Marathon teilnehmenden Künstler aus. Katrin Sigurdardottir zeigt ihre Hausskulpturen, auf LCD-Schirmen taucht immer wieder Jonas Mekas auf und Emily Wardill nimmt mit einem Film teil, der sich mit der Psyche eines problematischen Mannes befasst. Ihr Werk wird in einem wenig genutzten Raum im obersten Stockwerk gezeigt, leider zugleich eine Art Durchgangszimmer für die Organisatoren. Wardills Arbeit, die wie ihre Filme stets ohnehin viel vom Betrachter abverlangt, wird deshalb ständig vom Lärm vorbeipassierender Museumsmitarbeiter unterbrochen. Ein Problem, dass es glücklicherweise nur zur Eröffnung geben sollte. Danach lässt der Durchgangsverkehr nach.

Am nächsten Morgen der eigentliche Marathon: Wie bei Obrists legendären Interview-Marathons jagt eine Veranstaltung die nächste und meist sind die Protagonisten die Stars ihres Genres. Oder werden es danach. Denn durch die Teilnahme werden sie in den Obrist-Kanon aufgenommen und das ist ein unglaubliches Qualitätskriterium, wie ein Beobachter meint. Den Anfang machen die Wissenschaftler und überfordern sicher einen Großteil des Publikums mit ihren Ausführungen zu Hirnforschung, Energie oder Licht. Aber wie John Brockman am nächsten Tag verbreiten wird, soll man das Niveau nicht immer senken, nur damit sich niemand anstrengen muss. Manchmal aber scheint das Programm diffus bis abstrus, die Referenten – manche sprechen, andere machen eine Performance – werden marathonmäßig angetrieben (am Rande steht ein Mann, der die verbleibenden Minuten runterzählt bis der Redner vom Podium verschwinden muss) und Vermittlung ist nicht die Stärke von allen.

Gleichzeitig werden große Teile des Programms mit einer Ernsthaftigkeit durchgezogen, als handle es sich um Religion und nicht um Kunst. Aber wie gut, dass es Jonas Mekas gibt. Er erklimmt das Podium und statt über die Entwicklung des Experimentalfilms der vergangenen 40 Jahre zu reden, setzt sich der Filmemacher mit seinem Sohn und einem jungen Kollegen an den Tisch, holt Brot und Wein aus einer Plastiktüte, und die drei genießen das Leben, während im Hintergrund ein Filmloop gezeigt wird, in dem immer wieder ein verschmitzt lächelnder Mekas zu sehen ist, der sich den Zeigefinger vor den Mund hält. Ab und an saust im Video auch seine Faust auf den Tisch.

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