Zhang Huan - China '08

Kunstmönch im Kapitalismus

Vom Schockperformer zum Unternehmer: Der unaufhaltsame Aufstieg von Zhang Huan, der mit spektakulären Großprojekten die Kunstwelt begeistert.
Kunstmönch im Kapitalismus:Zhang Huan – vom Schockperformer zum Unternehmer

Bei der Aktion "My New York" lief Zhang 2002 mit Fleisch bepackt durch die Stadt

Beim Betreten der Hofanlage von Zhang Huans Atelierkomplex in einem Gewerbegebiet im Südwesten von Schanghai glaubt man zunächst, man habe sich in der Pforte geirrt. An einem Betonzuber im Schatten eines zweigeschossigen Lagerhauses waschen Frauen in Blümchenpyjamas und Flipflops Wäsche, ein Altstoffsammler dreht mit einem Lastfahrrad seine Runde, zwei Köche bereiten hinter einer offenen Tür an massiven Woks das Mittagessen vor, während eine tibetische Dogge in der Vormittagshitze döst.

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Strecken Teaser

Nicht Zhang selbst, sondern drei Assistenten, zwei Chinesen und ein Amerikaner, bilden schließlich das Begrüßungskomitee inmitten der fast dörflichen Idylle, eingefasst von schmuckloser Nutzarchitektur. Die ehemalige Textilfabrik, deren Hallen sich parallel zur Straße hin aneinanderreihen, seien nur ein Teil des Ateliers, erklärt das jugendliche Assistententrio, während man durch die großräumige, menschenleere Druckwerkstatt geführt wird. Rund 100 Handwerker und Künstler haben auf insgesamt zirka 7000 Quadratmetern an unterschiedlichen Standorten an der Umsetzung von Zhangs Ideen gearbeitet. Es fällt nicht schwer, dies zu glauben – angesichts der dicken Stapel von Holzschnitten im XXLFormat, die auf dem Boden der Druckerei palettenweise lagern. Hier, im sogenannten "Ostatelier", befinden sich neben der Druckerei noch die Holzschnittwerkstatt und ein Raum für die Anfertigung von Ölgemälden. Ein Teil der Handwerker und Künstler aus den Provinzen schläft sogar auf dem Gelände.

An diesem Maitag ist es vor allem die Holzwerkstatt, die mit dem dumpfen Klopfen von vielen Hämmern die Geräuschkulisse auf dem Hof bestimmt. Ein Dutzend Holzschnitzer arbeiten allein oder zu zweit an Reliefschnitzereien aus der Serie "Memory Door", die Zhang seit 2006 produziert. In den Objekten vereinen sich drei Dinge: die Materialität antiker Portale aus der Provinz Shanxi, aufgerasterte Propagandafotografien aus der Mao-Ära und die traditionelle Holzschnitzerkunst aus der Stadt Dongyang in der chinesischen Provinz Zhejiang. Teilweise werden die Motive der Fotografien kunstvoll in das alte Holz gegraben, teilweise wird die fotografische Oberfläche stehengelassen, was die Betrachter daran hindert, das Motiv auf den ersten Blick zu erfassen.

Zhang sorgte als masochistischer Punkperformer für Aufruhr

Auch für die Bilder, die Kunststudenten im nahen "Westatelier" mit Pinseln und der Asche aus buddhistischen Tempeln behutsam auf die Leinwände stäuben, greift Zhang auf fotografische Vorlagen aus der Zeit der Kulturrevolution zurück – junge Volksarmisten, Schülerinnen mit Pionierhalstuch, eine Beratung von Militärs oder ein Arbeitskollektiv im strammen Marsch zur Feldarbeit. Es sind jedoch gerade die verwendeten Materialien, die das Werk vor Retroseligkeit schützen, indem sie auf das verweisen, was die maoistischen Eiferer in ihrem kulturrevolutionären Furor einst auszulöschen versuchten: Geschichte und Religion.

"Die Asche ist spirituelles Material", sagt Zhang, als er schließlich in seinem kleinen Büro zum Interview bittet. "Wie ein Speicher enthält sie alle möglichen Träume und Segen, Hoffnungen und Wünsche." Der 43jährige Mann mit dem kahl rasierten Schädel, den asketischen Gesichtszügen und der schmucklosen Kleidung könnte dabei glatt selbst als buddhistischer Mönch durchgehen, wären da nicht der stechende Blick und die ultraslimmen Zigaretten, von denen er sich öfters eine anzündet.

Von Spiritualität waren Zhangs frühe Werke am Anfang der neunziger Jahre noch weniger durchdrungen. Stattdessen sorgte er als masochistischer Punkperformer für Aufruhr. Für die Aktion "12 Square Meters" setzte er sich im Sommer 1994 für eine Stunde nackt in eine schmutzige öffentliche Toilette am Stadtrand von Peking, um sich mit seinem mit Fischöl und Honig eingeriebenen Körper in eine lebendige Fliegenfalle zu verwandeln. Die Performance zählt längst zu den Klassikern der jüngsten chinesischen Kunstgeschichte. Sie fehlt in keiner Abhandlung über die Gegenwartskunst nach 1989 der Volksrepublik.

Schmerz, Schmutz, Intimität und Sexualität

Drei Jahre vor "12 Square Meters" war der Malereiabsolvent der HeNan-Universität in Kai Feng für ein Studium an der Pekinger Akademie für Bildende Kunst in die chinesische Hauptstadt gezogen und hatte sich anschließend gemeinsam mit anderen Neuankömmlingen in dem heruntergekommenen, zwischen dem dritten und vierten Autobahnring von Peking gelegenen Dorf Dashancun niedergelassen. Kurzerhand taufte man die Bretterbudensiedlung zu Pekings "East Village" um und schuf sich so ein eigenes Markenzeichen. "Gleich neben meinem Atelier befand sich ein riesiger Müllhaufen", erzählt Zhang heute über sein erstes Atelier in China.

"Zu dieser Zeit lebten die meisten Pekinger zwischen dem zweiten und dritten Autobahnring. Der Müll der Stadt wurde einfach jenseits des dritten Rings abgeworfen." Arbeiten wie "12 Square Meters" oder das wenig später durchgeführte "65 kg", in dem sich Zhang wie ein Engel von Barlach in drei Meter Höhe an die Decke seines Ateliers kettete, um wiederum für eine Stunde sein eigenes Blut zischend auf eine heiße Metallpfanne tropfen zu lassen, spiegelten das negative Lebensgefühl der Künstler in jener grimmigen Umgebung und die unterdrückte Wut über die Niederschlagung der chinesischen Reformbewegung im Juni 1989 wider.

Die hier versammelten Müll-Bohemiens lebten ihr Außenseitertum gleich dreifach: ignoriert durch die auf materielle Güter fixierte chinesische Gesellschaft, misstrauisch beobachtet von einem Staat mit Horror vor Selbstorganisation und in selbst gewählter Distanz zur Malerszene um die Künstlersiedlung Yuanmingyuan im Westen der Stadt, die Anfang der neunziger Jahre mit "zynischem Realismus" und Arbeiten mit maoistischen Agitprop und Kommerzsymbolen im Westen erste Erfolge feierte. Mit ihren düsteren Performances und Aktionen, die sich um Schmerz, Schmutz, Intimität und Sexualität drehten, erwarben sich die Aktivisten des so genannten Pekinger East Village – allen voran Zhang – schnell den Ruf einer radikalen Untergrund-Avantgarde.

Nackte Amerikaner bewerfen sich minutenlang mit Weißbrot

Doch sobald die East-Village-Kolonie populärer wurde, griff der Staat ein. Die Auflösung des Künstlerdorfes durch die Behörden erfolgte noch im Sommer 1994 und wirkte wie ein Kälteschock auf die Künstler. "Keiner kam auf die Idee, dass die Obrigkeit eingreifen würde", sagt Zhangs damaliger East-Village-Mitstreiter Ma Liuming, mit seiner androgynen Kunstfigur Fen Ma Liuming und Cross-Gender-Aktionen die zweite schillernde Figur aus dem East-Village-Kreis. "Gegenseitig versicherten wir uns über unseren Untergrundstatus, faktisch waren wir jedoch semiöffentlich."

Die Polizei verhaftete mehrere Protagonisten, durchsuchte und verwüstete die Ateliers und zwang die Künstler so zum Verlassen der Siedlung. Zhang vermutet heute, dass die Gruppe mit ihren verrückten Happenings den bäuerlichen Nachbarn wohl auch gewaltig auf die Nerven ging und sie deshalb bei der Polizei denunziert wurden: "Jedes Mal, wenn wir eine Veranstaltung organisierten, kamen sehr viele Leute. Das störte einfach."

An der Fortsetzung der Produktion konnte der Staat den Künstler dennoch nicht hindern. Ab Mitte der neunziger Jahre entwickelte Zhang immer größere, choreografierte Gruppenaktionen. Als Schlusspunkt unter die frühen Schmerzexzesse ist die Aktion "To Raise the Water Level in a Fishpond" zu verstehen. Gemeinsam mit Zhang stiegen rund 40 Wanderarbeiter an einem Augusttag 1997 in einen Fischteich bei Peking, um mit ihrer vereinten Verdrängungsmasse dessen Wasserstand zu erhöhen. Auf simple und poetische Weise wird die Frage nach der Wirksamkeit gemeinsamen Handelns gestellt. Ein Thema, das in China eine neue Dringlichkeit besitzt, seit die Hochgeschwindigkeitsmodernisierung das soziale Gefüge großen Belastungsproben aussetzt. Besonders die rechtlosen Wanderarbeiter, die auf den Baustellen und im Dienstleistungssektor der großen Städte millionenfach das Fundament des Wirtschaftsbooms sichern, sind oft monatelang von ihren Familien in der Provinz getrennt und spüren den Verlust des sozialen Zusammenhalts.

Für Zhang war "To Raise the Water Level in a Fishpond" die letzte große Arbeit, die er für mehrere Jahre in China ausführen sollte. Die Teilnahme an der großen amerikanischen Überblicksausstellung "Inside Out: New Chinese Art" am P.S.1 und der Asia Society 1998 nutzte der Künstler zur Übersiedlung nach New York, wo er die folgenden acht Jahre verbrachte und in Amerika und Europa immer ausgefeiltere Performances realisierte. So ließ er sich 1999 in Seattle anlässlich von "My America (Hard to Acclimatize)" von 60 nackten Amerikanern minutenlang mit Weißbrot bewerfen, marschierte mit einem massiven Bodybuilderkostüm aus rohem Fleisch durch New York ("My New York", 2002) oder sperrte sich im gleichen Jahr im Kunstverein in Hamburg mit einer Honig-Sonnenblumenkern-Kruste in eine Voliere mit 28 Tauben ("Seeds of Hamburg", 2002).

"Der erste Scheck, den ich von einem Galeristen bekam, war nicht gedeckt"

"Wenn man als chinesischer Künstler ins Ausland geht, dann bedeutet es vor allem die Erweiterung des eigenen Radius", sagt Zhang über seine acht Jahre in New York, die ihm auch wichtige Lektionen in Sachen Kunstbetrieb brachten. "Chinesische Künstler brauchten eine ganze Weile, um zu verstehen, wie das westliche Kunstsystem mit den Kunstsammlungen, Auktionen, Galerien und Museumsinstitutionen funktioniert."

Das Misstrauen, mit dem manche Chinesen auch heute noch dem internationalen Kunstmarkt begegnen, rühre von einer langen Tradition von Betrügereien westlicher Sammler, erklärt Zhang, der seinerseits eine gewisse Reputation für abrupte Galerienwechsel und Direktverkäufe aus dem Atelier hat. Wenn die Zusammenarbeit mit der Galerie nicht funktioniere, müsse man sie eben wechseln, sagt der Künstler, steckt sich eine neue Zigarette an, lehnt sich zurück und macht nicht den Eindruck, sich jemals die Butter vom Brot nehmen zu lassen. "Der erste Scheck überhaupt, den ich von einem Galeristen über 90 000 Dollar bekam, war nicht gedeckt."

Aus dem Performer, der einst nichts als seinen Körper zum Einsatz brachte, ist innerhalb kürzester Zeit ein Künstlerunternehmer geworden, der hinsichtlich der Produktionspower in der gleichen Liga wie Jeff Koons oder Olafur Eliasson operiert. Mit der Rückkehr nach China vor rund zwei Jahren hat Zhang ein weiteres Kapitel seiner erstaunlichen Karriere aufgeschlagen – und er ist entschlossen, sich nicht selbst zu zitieren.

Obwohl er längst nicht mehr der böse Junge aus der Toilette ist und die Regierung ihre Künstler mittlerweile als Imagefaktor für die Auslandswerbung anerkennt, hat Zhang in China selbst die Außenseiterrolle des Schockperformers noch immer nicht abgeschüttelt. Während er in Berlin, London und New York die Galerien und Museen bespielt, wurde erst Anfang dieses Jahres seine erste Einzelausstellung in Schanghai in letzter Minute abgesagt. "Es wird noch eine Weile dauern, bis wir hier dieselbe Akzeptanz und Anerkennung wie im Ausland erfahren", sagt Zhang gelassen. Ein neuer Anlauf für eine Museumsschau ist für das nächste Jahr in Peking geplant.

"Zhang Huan. Altered States"

Termin: bis 5. Oktober, Vancouver Art Gallery, Kanada. Literatur: Melissa Chiu (u. a.): Zhang Huan. Altered States. Edizioni Charta, 2007, englisch. Zhang Huan: Zeichnungen/Drawings. Schirmer/Mosel Verlag, 2007, deutsch/englisch.
http://www.zhanghuan.com/

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