Biennale Moskau - Russland

Freiheit durch Provokation

Die Biennale in Moskau präsentiert entblößte Geschlechtsteile und Leichen-Fotos nicht identifizierter Obdachloser. Ein erneuter Versuch mit der sowjetisch gegeprägten Kunstwahrnehmung zu brechen?
Freiheit durch Provokation:Freiheit durch Provokation

Yinka Shonibare: "How to Blow up Two Heads at Once (Gentleman)", 2006

In der russischen Hauptstadt präsentiert sich bis 25. Oktober die 3. Moskauer Internationale Kunstbiennale, die einmal mehr keine Provokation scheut. Tiere in Pelzmänteln und entblößte Geschlechtsteile, aber auch Fotos von Leichen nicht identifizierter Obdachloser in Haute Couture sind nur einige Exponate, die im oft noch sowjetisch geprägten Kunstverständnis bewusst auf die Kraft des Schockierens setzen. Unter den etwa 80 Künstlern aus 25 Ländern zeigt auch der Berliner Fotokünstler Wolfgang Tillmans seine Auseinandersetzung mit Homosexualität – ein Tabu in der russisch-orthodox geprägten Gesellschaft.

Der französische Kunst-Ethnologe und Kurator Jean-Hubert Martin hat für die Hauptschau unter den etwa 100 Ausstellungen den Titel "Against Exclusion" – gegen Ausschluss – gewählt. Damit erinnert er nicht nur an den vielfachen Druck russischer Behörden auf politisch arbeitende Künstler, an Zensurversuche und an Verfahren gegen
Wissenschaftler, die sich für die Freiheit der Kunst einsetzen. Der langjährige Direktor des Museums Kunstpalast in Düsseldorf will mit der Schau in der Moskauer Art Garage vor allem der oft geächteten russischen Avantgarde ein Forum geben.

Vertreten sind unter den 13 Russen etwa der Konzeptkünstler Juri Albert, der Bildhauer Waleri Koschljakow, die Performance-Künstlerin Maria Abramowitsch, aber auch die umstrittene sibirische Gruppe "Blue Noses". Martin, der sich schon zu tiefsten Sowjetzeiten mit moderner russischer Kunst befasste und diese als Direktor im Pariser Centre
Pompidou ausstellte, sieht sie bis heute zu Unrecht an den Rand des überhitzten Marktes gedrängt. Der Ausstellungstitel soll deshalb auch den Westen wachrütteln, seinen europäischen und amerikanischen Zentrismus aufzugeben.

Für eine freie Kunst

In Europas größter Stadt zeigt der 1944 geborene Martin außerdem reichlich Kunst aus Afrika, Asien und Ozeanien. Auf Teppichen aus Afghanistan erinnern eingewebte Panzer- und Flugzeugmotive an den Einmarsch sowjetischer Truppen vor 30 Jahren. "Wir stellen Künstler vor aus Ländern, die nicht auf den Landkarten der zeitgenössischen Kunst stehen", sagt Martin. Trotzdem kommen Videoinstallationen und andere Arbeiten arrivierter Vertreter der westlichen Kunstwelt nicht zu kurz – unter ihnen Tony Gragg und Anish Kapoor sowie aus Deutschland der Farblicht-Spezialist Heinz Mack und der junge Medienkünstler Julius Popp.

Die Initiatoren der Biennale hoffen nicht zuletzt darauf, mit dieser Kunstmesse auch einen Beitrag zur Demokratisierung Russlands zu leisten. Westliche Kunstexperten sehen zwar bei immer mehr jungen Menschen die Bereitschaft, sich mit Neuen auseinanderzusetzen. Doch waren ähnliche Kunstwerke in jüngster Vergangenheit auch immer wieder von orthodoxen Christen und Nationalisten zerstört worden. Einer, der das selbst erlebte, ist der Kunstexperte Andrej Jerofejew, der als Chefkurator für moderne Kunst in der staatlichen Tretjakow-Galerie seinen Hut nehmen musste – und wegen seiner provokanten Ausstellungen sogar Morddrohungen ausgesetzt war.

Kritiker lobten den Mut von Martin, der in Moskau bis heute gepflegten "offiziellen Kunst" etwa von Surab Zereteli oder Ilja Glasunow, die ihre eigenen Museen haben, etwas entgegenzusetzen. Die Biennale biete Unerwartetes mit vielen ungewöhnlichen Sprachen, meinte Jerofejew. Das sei ein neuer Versuch, mit der bei vielen Menschen noch sowjetisch geprägten Kunstwahrnehmung zu brechen. Er empfahl noch, die vielen sonstigen Ausstellungen der Biennale mit
anderen provokanten Arbeiten etwa im Zentralen Haus des Künstlers und im alternativen Galerienviertel Winsawod nicht zu verpassen. Ulf Mauder, dpa

"3. Moskauer Kunstbiennale"

Termin: 25. September bis 25. Oktober 2009, Moskau
http://www.3rd.moscowbiennale.ru/en/