Instagram-Kunst - Social Media

Kunst an der Spaß-und-Gratis-Rampe?

Spätestens seit der Künstler Richard Prince 90 000 US-Dollar für einen großformatigen Ausdruck eines Instagram-Bildes verlangte, das ihre Urheber, die Gruppe "suicidegirls", in Reaktion darauf für schlappe 90 US-Dollar anboten, ist die Diskussion um die Frage, ob Instagram Kunst sein kann, eröffnet. Autorin Sabina Paries sucht Antworten.

Die großen Museen und Galerien der Welt stellen ihre Bilder aus: Stephen Shore und Ryan McGinley zählen zu den bedeutendsten zeitgenössischen Fotografen. Und beide haben einen Instagram-Account. Zwar möchte man meinen, dass kein Fotograf, der von seiner Arbeit lebt, seine Fotos bei Instagram zur Schau stellt und sie damit gratis einer Plattform überlässt, die zum Facebook-Konzern gehört. Weil aber Ignoranz und Verweigerung auch keine Lösung ist, sind selbst Künstler wie der der Kanadier Jeff Wall mittlerweile auf Instagram aktiv – ein Mann, der als Gegenentwurf zur zeitgenössischen Bilderverschwendung gelten kann: Wall nimmt sich sehr viel Zeit für sein jeweiliges Motiv; in bald 50 Berufsjahren hat er nur 166 Fotoarbeiten veröffentlicht.

Doch Jeff Wall bleibt skeptisch: Um das jeweilige Bild, sagt er, gehe es auf Instagram nicht. "Es geht ums Posten, um Aufmerksamkeit, nicht um Reflexion." Instagram erscheint vielen Künstler als Versuchung, weniger als Versprechen: Man macht mit, schaut erstmal, was passiert und deklariert es vorsichtig, wie Stephen Shore, als bloße "Unterhaltung mit alten Freunden".

"Ich gebe zu", sagte Jürgen Teller in einem Interview, "dieser ganze digitale Scheiß verunsichert mich schon ein bisschen." Das war vor zwei Jahren. Heute rufen Accounts wie thisaintartschool ihre Follower im Rahmen kleiner Wettbewerbe auf, sich von Fotokünstlern wie Teller inspirieren zu lassen. Die Ergebnisse erscheinen dann selbstverständlich bei Instagram. Aber lässt sich Kunst dort überhaupt angemessen präsentieren? Kann sie es dort wirklich mit der Massenware Bild aufnehmen oder benötigt sie nicht doch die Autorität physischen Materials?

"Das gedruckte Bild ist heute wieder etwas besonderes"

Das Beklagen von Entmaterialisierung und einer damit einhergehenden Entwertung der Bilder gleicht ja zuweilen dem Mantra vom Verlust der guten alten Zeit. Doch Anna Gripp, Chefredakteurin des Hamburger Fachblatts "Photonews", erkennt bereits einen Gegentrend: "Von massenhaft digital verbreiteten Bildern bleibt ein flüchtiger Eindruck – das gedruckte Bild ist heute wieder etwas Besonderes." Ja, findet sie, es schade der "Aura" eines Kunstwerks sehr wohl, wenn seine Reproduktion überall sichtbar sei. "Gerade bei Werken, die kaum jemand im Original gesehen hat. Man glaubt dann, eine Arbeit schon zu kennen, wenn man einmal kurz drüber gescrollt hat." Deshalb warnt Gripp: "Fotokünstler, die eine Langzeit-Doku planen, sollten sich gut überlegen, wann sie ihre Arbeit in welchem Umfang zeigen."

"Auf die Intention kommt es an"

Sehr viel pragmatischer sieht man das naturgemäß bei der Berliner Foto-App EyeEm, die Instagram Konkurrenz machen will. Fotos funktionierten abhängig vom Medium, sagt Community-Manager Severin Matusek. Natürlich eigne sich ein zwei mal fünf Meter großer Fotodruck von Andreas Gursky kaum fürs Smartphone. "Entscheidend ist doch die Intention: Will ich mich als Künstler profilieren oder meinen Freunden mitteilen, dass ich gerade auf einem großartigen Konzert bin? Wenn man Fotos, die wir online teilen, nur nach ästhetischen Kriterien beurteilt, wird man ihnen nicht gerecht."

Matusek plädiert für mehr Gelassenheit: "Wenn Jürgen Teller seine Füße am Pool fotografiert und Stephen Shore Blumen im Garten, ist das okay. Diese Fotos sind Kommunikation. Unser Zugang zur Fotografie wird dadurch lockerer, spontaner, vielfältiger." Übers Internet erreichten junge Talente mit Gespür ein Millionenpublikum, das sie mit Büchern und Ausstellungen nie erreichen würden, ohne dabei auf Verlage und Galerien angewiesen zu sein.

Aber wie verdient man damit Geld? Der Kölner Fotograf Rudolf Bonvie zeigt, wie es gehen kann: Bonvie – übrigens unterstützt von seiner Galeristin Priska Pasquer – reagierte auf die auffallend vielen "Likes" zu einem online gestellten Motiv, ließ 1000 Exemplare davon drucken und bot die Fotos unter dem Titel "From Virtuality to Reality" für wenig Geld an.

Professionalität sucht man nicht auf Instagram

Auf der letzten Messe Paris Photo, sagt Anna Gripp, war Instagram ein heißes Thema – gerade auch für Fotobuch-Verlage, die Online-Plattform als Werbefläche entdeckt haben. Während der Heidelberger Kehrer-Verlag seinen Account vor allem als Vertriebskanal nutzt, stellt Verleger Gerhard Steidl unter eigenem Namen Bilder online: Making of-Material, Fototagebuch. Aber keine Kunst.

Wozu auch? Wer sich professionell für Fotografie interessiert, sucht Fotokunst nicht an der Spaß-und-Gratis-Rampe. "Mir fehlt die Zeit, Fotografen via Instagram zu folgen", sagt Photonews-Chefredakteurin Anna Gripp. "Aber es ist interessant zu sehen, wie unterschiedlich die einzelnen Künstler auf das Medium reagieren. Jürgen Teller etwa umgeht die Instagram-Vorgaben. Anstatt Fotos im Einheits-Quadrat abzuliefern, lässt er lieber oben und unten, rechts und links Weißraum, um klar zu machen: Das ist ein Hochformat! Das ist ein Querformat!"

Und Stephen Shore? Anna Gripp: "Ich schwanke, ob ich ihn aufgrund seiner Lässigkeit und Souveränität bewundern soll oder angesichts der meist banalen Bilder in seinem Account an ihm zweifeln?" Dem Meister dürfte es egal sein. Sein 1982 erschienenes Hauptwerk trägt den Titel "Uncommon Places". Zu ungewöhnlichen Orten hat er seinerzeit gewöhnliche Parkplätze, geschlossene Autokinos und leere Swimmingpools erhoben. Der Instagram-Marktplatz erschien ihm offenbar gewöhnlich genug für eine Referenz.