Jeremy Deller - New York

Nicht denken, sondern Krieg führen

Jeremy Deller zeigt im New Yorker New Museum keine Kunst, sondern will einen Dialog anzetteln. In seiner Ausstellung "It Is What It Is" geht es um den Irakkrieg, seine Opfer und die Folgen.

Die zweite Etage im New Museum ist so sparsam bestückt wie nie. Ganz im Sinne des Künstlers. Schließlich will Jeremy Deller keine Kunst ausstellen, sondern sie auf der schwarz bezogenen Sitzecke mitten im Raum passieren lassen. Das Thema des britischen Turner-Preisträgers ist der Irakkrieg. Mit der Invasion der US-Armee vor sechs Jahren und dem Sturz von Saddam Hussein sollte dem Land Frieden gebracht werden. Doch die Zahl der getöteten Zivilisten wird auf 100 000 bis eine Million geschätzt. Je nachdem, wen man fragt. 4000 amerikanische Soldaten ließen seit dem Einmarsch im Irak ihr Leben.

Deller hat Gast-Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen eingeladen, die sechs Wochen lang den Museumsbesuchern Rede und Antwort stehen werden. Darunter sind Soldaten, Journalisten, Ingenieure, Menschenrechtler, Ärzte, irakische Künstler, Flüchtlinge, der frühere Direktor des Iraktischen Nationalmuseums, Übersetzer, Menschen, die mit ansehen mussten, wie andere bei Bombenattentaten umkamen. Um die Konversation anzutreiben – sozusagen, um das Eis zu brechen – ließ Deller das unmenschliche Symbol dieses Krieges in das Museum schaffen: Die verrosteten Überreste eines Autos, das 2007 bei einem Bombenanschlag in Bagdads belebter Al-Mutanabbi Straße in die Luft flog. 38 Menschen starben.

An eine Wand malte der Künstler die grobe Landkarte Iraks. Ein Wandteppich mit dem Spruch "It Is What It Is" dominiert den kargen Raum, Fotos von der Al-Mutanabbi Straße vor und nach dem Attentat sind an die Wand gepinnt. Sergeant Jonathan Harvey, der Wirtschaft studiert hat und 2007 für ein Jahr im Irak diente, brachte makaber wirkende Illustrationen zur Verständigung mit der Bevölkerung aus Bagdad mit und Streichholzpackungen, auf die Bilder von gesuchten Männern gedruckt sind. Der junge Unteroffizier ist in Zivil erschienen, um den Krieg aus seinen Augen zu schildern. "Ich mache mit, weil das Projekt keine Partei einnimmt. Es ist nicht für oder gegen den Krieg", sagt Harvey. "Natürlich versuchen wir, neutral zu sein", meint der Künstler, "aber natürlich habe ich meine persönliche Meinung". Und das Autowrack spricht lauter als Worte.

Kunst ist an kein bestimmtes Format gebunden

Ende März wird sich Deller gemeinsam mit dem Soldaten Jonathan, einem Kurator und dem Künstler Esam Pasha auf einen Roadtrip begeben. Das Autowrack werden sie mitnehmen und in Staaten wie Virginia, Ohio, Texas, Tennessee und New Mexiko Halt machen, um das Gespräch mit den Menschen zu suchen. Bis das Projekt sie nach Kalifornien führt, wo es im Hammer Museum von Los Angeles zu Gast sein wird. Danach reist es weiter nach Chicago.

"Wir haben keine Ahnung, wie die Leute reagieren und was passieren wird", sagt Deller. Bei einem Testlauf mit Bankern am Vortag ging es bei den Unterhaltungen hoch her. "Es gehört zum Konzept unseres Museums, dass Kunst nicht an ein bestimmtes Format gebunden ist", so Kuratorin Laura Hoptman. Ob mit dem Projekt ein Krieg begreifbarer, fassbarer und damit noch grausamer gemacht wird. Ob er Menschen zusammenführen oder die Gräben tiefer graben wird, darüber ist sich keiner der Beteiligten sicher. "Irgendwann wird es ein Museum für den Irakkrieg geben", meint Jeremy Deller. Bis dahin ist es wichtig, ihn nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

"It Is What It is", der Titel des Projekts und die Redewendung auf dem Wandteppich, stammt aus der Militärsprache, erklärt Sergeant Harvey. "Es geht im Krieg nicht darum, was du denkst. Es geht darum, dass du deinen Job erledigst." Auch wenn er dir manchmal noch so irrsinnig erscheinen mag.

"Jeremy Deller: It Is What It Is"

Termin: bis 22. März, New Museum, 235 Bowery, New York
http://www.newmuseum.org