Preis der Nationalgalerie 2013 - Berlin

Wer soll's sein?

Längst ist der Preis der Nationalgalerie für junge Kunst so etwas wie der deutsche Turner-Preis geworden. Wieder gehen vier Kandiaten für den Wettbewerb ins Rennen. Der Publikumspreis 2013 wird präsentiert von art. Unter den Teilnehmern der Abstimmung verlosen wir hochwertige Preise, darunter Reisen (in Kooperation mit BMW), Jahresabonnements von art – das Kunstmagazin und Fotobücher.

Vier junge Künstlerinnen und Künstler sind im Rennen um den begehrten Preis der Nationalgalerie 2013. Wir stellen Sie Ihnen vor:

Mariana Castillo Deball

Kennen Sie Epiphyten? Nein? Und wie steht es mit der Coatlicue-Statue? Noch nie gehört? Dann wissen Sie aber sicher, was der Codex Tudela ist. Nun ja. Aber keine Sorge: Wenn Sie sich mit Mariana Castillo Deball beschäftigen, sind Sie bald schlauer.

Zwischen Modellen exotischer Flora, folkloristischen Kostümen und raumgreifenden Repliken präkolonialer Gebilde fühlen sich ihre Ausstellungen an wie der Gang durch ein Völkerkundemuseum. Geboren 1975, holt die Mexikanerin nicht nur Wissensbereiche in die Kunst, die uns meistens völlig fremd sind, sondern sie fragt auch danach, was mit diesem Wissen passiert – wie es entsteht, zerstört, wiederentdeckt und weitergegeben wird. Zum Beispiel die Coatlicue-Statue: eine monströse Azteken-Gottheit, die spanische Einwanderer 1790 entdeckten und vor Schreck gleich wieder einbuddelten – allein schon, um bei der indigenen Bevölkerung keine heidnischen Regungen zu wecken. 1803 durfte aber Alexander von Humboldt einen Blick darauf werfen und 20 Jahre später der Engländer William Bullock. Es entstanden Zeichnungen und Abgüsse, die heute in Museen stehen.

"No solid form can contain you", lautet der klangvolle Titel der Arbeit, die Deball in Form einer zerlegten Kopie aus Fiberglas daraus gemacht hat. Mit der Methode, anthropologische Phänomene aufzuspüren und in neuer Tonlage zu wiederholen, lenkt sie den Blick auf unser kulturelles Gedächtnis. Es geht um Wahrnehmungsverschiebungen zwischen Zeit und Raum, um Auslegungen von Geschichte und die Verschränkung von Wissenschaften – was auch schon mal in Folklore abdriften kann: Bizarre Motive aus dem Codex Tudela, einer etwa 500-jährigen Schrift aus dem präkolonialen Mexiko, ließ sie in Karnevalskostüme einarbeiten, wie sie einst dem Spott der Einwanderer dienten. Klar, dass Deball, die auf der letzten documenta ausstellte und den Zurich Art Prize gewann, auf ihren Reisen nicht nur mit Ethno- und Archäologen, sondern auch mit Botanikern spricht. Also was sind nun Epiphyten? Aufsitzerpflanzen, die sich in Bäumen einnisten, ohne sie zu zerstören. Bei ihr heißen sie "Uncomfortable Objects" – und baumeln als verdrehte Pappmaché-Mobiles von der Decke.

Simon Denny

Eines ist klar: Für Simon Denny ist das Medium Fernsehen noch längst nicht erledigt. Es wird nur immer flacher – und zwar buchstäblich: Als er in diesem Winter den Münchner Kunstverein in ein Leitsystem aus Leinwänden verwandelte, waren darauf Screenshots von einer Webseite abgedruckt, die Szenen aus der Münchner DLD (Digital-Life-Design)-Konferenz vom Vorjahr zeigten. Schlagworte wie "Start-up Nation" oder "Sharing Economy" waren darauf zu lesen und genau darum geht es Denny: Wie zirkuliert Kommunikation? Wer verdient an ihr? Wie werden Daten konsumiert, und wer bestimmt ihre Distribution? Die Idee, sich bei einjährigen Visionen zu bedienen – was im digitalen Business an Lichtjahre grenzt – und die auch noch auf klassische Keilrahmen zu ziehen, führt ins Herz von Dennys Prinzip, der die Tools des virtuellen Zeitalters gerne auf ihre Halbwertszeit prüft. Bekannt wurde der Neuseeländer, geboren 1982 in Auckland, vor etwa fünf Jahren mit alten Röhrenfernsehern, denen er Aquariumspanoramen auf die Bildschirme klebte und sie auf wackelige Bürostühle hob, was aussah, als hätte man sie aus dem ungelüfteten Zimmer eines Seriennerds in die Galerie transportiert.

Heute ist der ehemalige Städel-Schüler bereits auf der Biennale von Venedig vertreten. Alte Fernseher und Festplatten hat er dort ins Malereiformat gequetscht, im Raum aufgereiht und dahinter geschmolzene TV-Torsi platziert: Zivilisationskritik á la John Chamberlain, nur dass hier keine Autos, sondern die frühen Ikonen der Postmoderne plattgemacht werden. Neuerdings nimmt Dennys aalglatte Ästhetik auch anekdotische Züge an: Im Wiener mumok dreht sich alles um den Internettycoon Kim Dotcom, dessen populäre Plattform Filehoster Megaupload von einem US-Gericht vom Netz genommen wurde – sie hatte unkontrolliert Daten in Umlauf gebracht und angeblich einen Schaden von 500 Millionen Dollar verursacht. Dotcoms Eigentum wurde kurzerhand beschlagnahmt und löste eine weltweite Debatte aus: Wem gehören eigentlich Daten? Ist Überwachung besser als Diebstahl? Denny stellt Repliken der konfiszierten Objekte aus: Motorräder, Kitschkunst und – was sonst – gigantische Flatscreens.

Kerstin Brätsch

Seit rund sechs Jahren befeuert Kerstin Brätsch den Kunstbetrieb mit einer überbordenden Produktpalette, in der immer wieder ähnliche Muster, Worte, Zeichen und Bilder auftauchen. Abstrakt-bunt bemalte Papierbögen, die die Gesten der expressiven Malerei aufs Korn nehmen, pinnt sie provisorisch an Wände. Ähnlich designte Plastikfolien hängen, wie frisch vom Fließband geglitten, im Raum. Publikationen im selben Gestus liegen auf Regalen zum Durchblättern bereit. Gut möglich, dass nun noch jemand mit einem Hemd voller wilder Pinselschwünge um die Ecke kommt. Egal, ob als Mode, skulpturales Accessoire oder soziales Projekt: Malerei fischt bei Brätsch in fremden Gewässern wie eine Fluggesellschaft, die plötzlich auch Hotels und Mietwagen anbietet. "Mich interessiert die Entmystifizierung von Malerei, gleichzeitig möchte ich, dass das (Quasi-)Bild eine hexenhafte Komik entwickeln kann", sagt Brätsch, die 1979 in Hamburg geboren wurde. "Der Gedanke dahinter ist eine Dekonstruktion des Bildes, aber auch ein Bild, das sich immer wieder verändern kann; eine Kippfigur."

Aufgewachsen im Zeitalter von Konsum, Internet und Ironie, treibt sie den all-gemeinen Wahrhaftigkeitsverlust per Wiederholung und Warenweltästhetik auf die Spitze. Entsprechend cool lauten die Titel ihrer Arbeiten "Heavy Mädel" oder "Mein Leben als Frau Kuh wird Dir zeigen wie das auf dem Feld Übriggebliebene Gras zu kauen ist". Doch von Girlie-Pop ist Brätsch, die 2011 im Kölnischen Kunstverein und auf der Biennale von Venedig ausstellte, weit entfernt. Im Gegenteil – wenn sie hinter einem ihrer Kollektive wie DAS INSTITUT verschwindet, das sie mit ihrer Kollegin Adele Röder betreibt, ist das der konsequente Schritt weg vom egozentrischen Künstlerinnenmodell hin zur Corporate Identity. Abstrakte Malereistile werden dort nicht beflissen als Referenzquellen behandelt, sondern wie eine Datenbank, aus der man beliebig Material ziehen und verwerten kann: Das Betriebs- wird zum Vertriebssystem Kunst. In Berlin will sie ihre "Psychic Series" mit neuen Glasarbeiten kombinieren – "und die Malerei einem Stresstest aussetzen".

Haris Epaminonda

Wer es bei der letzten documenta in das alte Bürogebäude hinter dem Hauptbahnhof schaffte, fand sich in einem Labyrinth voller Fundstücke wieder. "The End of Summer" hieß das imaginäre Museum, mit dem Haris Epaminonda den Staub der Geschichte von vergilbten Reisebuchfotografien, betagten Büchern und antiken Vasen pustete – die prompt um viele Zentner leichter schienen. Gemeinsam mit Daniel Gustav Cramer kreierte die 1980 geborene Zypriotin eine Stimmung, wie sie auch durch ihr eigenes Werk weht: Artefakte und Projektionen, im Raum verteilt mit einer so nostalgisch-poetischen Geste, als wären sie nur kurz zu Besuch. Dabei entstammen sie einem monumentalen Archiv, dessen Handhabe der Künstlerin schon mit 27 die Vertretung ihrer Heimat auf der Biennale von Venedig einbrachte. Epaminonda hortet ethnografische Trouvaillen und antiquarische Reisemagazine, naturwissenschaftliche Bildbände und vergessenes Filmmaterial. Jahrelang hatte sie in der Ferne selbst ihre Handkamera dabei und filmte Zivilisationsreste.

Für "Chronicles", 2011 in der Frankfurter Schirn und im Museum of Modern Art New York zu sehen, destillierte sie aus ihrer Bilderflut eine Videoinstallation heraus, in der sich Loops und Stills, schnelle Schnitte und Langzeitaufnahmen abwechselten: einsame Palmen, die Akropolis und Ausgrabungen vor farbigen Hintergründen – lose kombiniert mit Erinnerungsstücken und in einen weichen Soundtrack getaucht, kam das Ganze ohne die museumsüblichen Hinweisschilder aus. Geschichte entfaltet sich für Epaminonda nicht chronologisch, sondern als suggestive Bildfolge voller Assoziationen. Was zwischen den Jahrhunderten und Kontinenten passiert ist, verwandelt sie allein durch ästhetische Verknüpfung in atmosphärische Kontinuität – ganz im Geiste des französischen Philosophen Henri Bergson, der die Gegenwart allein aus der Perspektive der Vergangenheit begriff. Dass Epaminonda nicht nur im Cut-and-paste-Verfahren vorgeht, zeigt ihre neueste Videoinstallation "Chapters": In Zyperns karge Umgebung hat sie Darsteller postiert und die Kamera fixiert, so dass jeweils nur ein Bild entsteht – voller Anspielungen auf archaisch-mystische Rituale.



Der Publikumspreis 2013 wird präsentiert von art. Unter den Teilnehmern der Abstimmung verlosen wir in Kooperation mit BMW hochwertige Preise.




Und das sind die Preise:

1. Preis: Genießen Sie das Gallery Weekend in Berlin vom 2. bis 4. Mai 2014 mit Teilnahme am exklusiven Gala-Dinner und zwei Hotelübernachtungen im Waldorf Astoria

2. Preis: Zwei Karten zum Finale des BMW Jazz Awards am 3. Mai 2014 mit einer Übernachtung im Hotel Vier Jahreszeiten in München

3. Preis: Ein Wohlfühlwochenende im A-ROSA Hotel Scharmützelsee mit einem BMW-Wunschauto Ihrer Wahl (nach Verfügbarkeit)

4. bis 6. Preis: ein Jahresabonnement von art - das Kunstmagazin

7. bis 10. Preis: ein Exemplar des Buches "25/7", ein Fotoband von Carolin Saage über die legendäre Berliner Bar 25

Preis der Nationalgalerie

Die Ausstellung zum Publikumspreis findet vom 30. August 2013 bis zum 12. Januar 2014 im Hamburger Bahnhof in Berlin statt
http://www.hamburgerbahnhof.de/exhibition.php?id=39513&lang=de