Manfred Pernice - Nürnberg

Die Geschwätzigkeit der Dose

Es ist die bislang umfassendste Einzelpräsentation, die der zu Dada-Nonsens-Späßen aufgelegte Berliner Bildhauer Manfred Pernice je hatte: Im Neuen Museum in Nürnberg richtet er eine heiter-lockere Zusammenkunft seiner aus Pressspanplatten und anderen Baumarktmaterialien gezimmerten Skulpturen ein.
Dada-Späße:Heitere Skulpturen von Manfred Pernice in Nürnberg

Blick in die Ausstellung "Que-Sah" im Neuen Museum Nürnberg (Treppenhaus). Für die Einzelschau setzte Manfred Pernice alte und neue Arbeiten in Korrespondenz.

Einmal mehr zeigt sich, dass Pernice einer der wichtigsten Bildhauer der Gegenwart ist. Ein genauer Beobachter der urbanen Umwelt, dessen scharfem Auge keine architektonische Missratenheit entgeht.

Allein der Titel ist schon eine phantastische Zumutung: "Que-Sah" prangt als Worträtsel auf den Plakaten zur neuen Ausstellung von Manfred Pernice im Neuen Museum in Nürnberg. Lautmalerisch fühlt man sich an den Song "Qué Será, Será" aus dem Film "Der Mann, der zu viel wusste" (1956) von Alfred Hitchcock erinnert. Aber was sollte der eher zum Konzeptualisten berufene Berliner Künstler Pernice mit der singenden Schauspielerin Doris Day zu tun haben?

Erst einmal natürlich nichts. Bekannt für seinen Hang zum Kalauer, hat Pernice den Titel zu seiner bislang umfangreichsten Einzelpräsentation einem Rücken eines Bandes der Brockhaus-Enzyklopädie entliehen. Ebenso unzusammenhängend, wie dort zwischen den Silbenkombinationen "Que" und Sah" inhaltlich beliebig Begriffe zusammengepfercht sind, versucht Pernice zufolge der Mensch, die ganze Welt nach eigentlich absurden Ordnungssystemen zurechtzulegen. Und damit sind wir schon im Kern von seiner bildhauerischer Philosophie, die bei aller liebenswerten Alltagsversponnenheit auch ein Stück pointierte Gesellschaftskritik birgt.

Pernice sieht die nahezu gesamte urbane Umgebung unter dem Filter des "Verdostseins". Und so hält er den architektonischen und anderen Unzulänglichkeiten unserer Lebenswelt einen Zerrspiegel vor, indem er selbst ziemlich unbrauchbare, aber konstruktivistisch sinnfällige "Dosen" und Container aus Pressspan zimmert.

Der Besucher im Unsinnszusammenhang

Der 1963 geborene Künstler erläutert sein Vorgehen so: "Der Besucher betritt einen Unsinnszusammenhang, eine unerträgliche Zumutung von Einzelaspekten, die nur als künstlerischer Entwurf akzeptabel ist und doch potenziell einen Typus alltäglicher Wahrnehmung." Bereits im Foyer stürzt man über eine aus Mobiliar und Skulpturalem zusammengestückelte "Sitzecke". Mit Genuss geißelt Pernice die allerorten im halböffentlichen Raum auftauchende Lounge, zugleich ist sein Ensemble ein plastisches Manifest ständiger Wartesituationen. Auf eine seltsame Drehtrommel sind aufgemalte Kacheln, die eher U-Bahn-Unwirtlichkeit als Kaffeeklatsch-Gemütlichkeit suggerieren. Im Obergeschoss des Museums hat Pernice schließlich den Ausstellungssaal mit seinen berühmten kannelierten Zylindern aus MDF-Platten, in sich gedrehten Vieleckssäulen und einer flohmarktsreifen Pseudo-Messekoje bestückt. Ein lichte Zusammenkunft von leicht verschiebbaren Architekturen, die sympathischerweise nicht für die Ewigkeit gebaut sind.

Dass Pernice, bei aller Beiläufigkeit, jedes Detail auf die Waagschale legt, teilt sich erst nach einer Weile mit: Sichtachsen, formale Leitmotive, minutiöse Assoziationsketten schließen sich auf. Der Charme des Provisorischen unterliegt der Präzisionsarbeit eines fanatischen Inspekteurs optischer Zusammenklänge. Als Novum hat Pernice ein Peilungssystem auf seinen höher aufragenden Skulpturen installiert. Wie archaische Cyborgs stellen die Zylinder und Turmaufbauten ihre Antennen aus – ein abstruser, in seiner Kindlichkeit geradezu rührender Ansatz für ein Kommunikationsnetz.

Den besten Überblick über das Pernice-Inventar hat man von einer besteigbaren, hohen Plattform, deren Skelettbauweise und Dachform sich auf das berühmte Fiatwerk in Turin beziehen. Von Deck aus sieht man hier und da an den Skulpturen Softeis-Farben aufblitzen. Wer bereits die zum Gallery Weekend in Berlin eröffnete, gleichfalls wunderbare Pernice-Ausstellung in der Galerie Neu bereits gesehen hat, wird sich kaum mehr über die Knallbonbons wundern. Nur noch ein Hauch von DDR-Fassaden-Tristesse umweht diese Präsentation Pernices. Jetzt scheint er zu den Fifties und ihrer Petticoat-Seligkeit vorzurücken. Vielleicht ist die Assoziation mit Doris Day doch nicht so weit hergeholt.

"Manfred Pernice: Que-Sah"

Termin: bis 6. Juli, Neues Museum, Nürnberg