Candice Breitz - Temporäre Kunsthalle Berlin

Werden Sie unsere Fans!

Heute eröffnet die Temporäre Kunsthalle Berlin mit einer Einzelausstellung der südafrikanischen Videokünstlerin Candice Breitz – die Initiatoren sind stolz und die Erwartungen hoch.
"Werden Sie unsere Fans!":zur Eröffnung der Temporären Kunsthalle Berlin

Temporäre Kunsthalle Berlin im Oktober 2008

"Werden Sie unsere Fans!", rief die Kunsthallen-Initiatorin und Co-Geschäftsführerin Constanze Kleiner am Ende der gestrigen Pressekonferenz in die versammelte Runde der Journalisten. Auch wenn der Satz einen kleinen Tick zu hölzern klang, um spontan zu wirken – unter den Organisatorenteam des privaten Ausstellungshauses auf dem Schlossplatz ist große Erleichterung und auch Stolz zu spüren, dass es nach einjähriger Vorbereitung und fünfmonatiger Bauphase nun endlich mit dem regulären Betrieb losgehen kann.

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Strecken Teaser

Schon seit ein paar Wochen erregt der blaue Kubus nach Entwürfen des Architekten Adolf Krischanitz in direkter Nachbarschaft zum Berliner Dom und dem Deutschen Historischen Museum wegen seiner seiner markanten Außenhautgestaltung von Gerwald Rockenschaub große Aufmerksamkeit im Stadtbild. Heute abend wird mit einer Einzelausstellung der südafrikanischen Videokünstlerin Candice Breitz Eröffnung gefeiert.

Dass die Wahl ausgerechnet auf die 1972 in Johannesburg geborene Künstlerin (art 10/2006) fiel, deren technisch ausgefeilte Videoarbeiten vor allem von gelebter Fankultur sowie die Erzählstrukturen des Hollywood-Kinos handeln, darf als der große Glücksgriff des Kurators Gerald Matt gelten. Der Direktor der Wiener Kunsthalle und neben Katja Blomberg, Julian Heynen und Dirk Luckow Mitglied des künstlerischen Beirates der Berliner Unternehmung, machte anlässlich der Premiere noch einmal deutlich, dass es an diesem zentralen Berliner Ort nicht darum gehen könne, für "Distinktionsgewinne bei den Happy Few" zu sorgen. Statt dessen forderte Matt die Verwirklichung eines populären wie anspruchsvollen Ausstellungsprogramms, das die Kraft haben müsse, auch Neugierige außerhalb der eingeschworenen Kunstszene anzusprechen.

Die wahren Stars sind die Fans

Dieses selbst gesteckte Ziel erreicht die Auftaktschau mit drei großen Videoarbeiten der Südafrikanerin ohne Zweifel. Wie eine geschlossene Trilogie wirken die nun erstmals – zumindest in Berlin – präsentierten Werke, die zwischen 2005 und 2006 im Hauptstadt-Atelier von Breitz entstanden. Auch wenn die Titel "Working Class Hero (A Portrait of John Lennon)", "King (A Portrait of Michael Jackson)" oder "Queen (A Portrait of Madonna)" anderes vermuten lassen: Breitz interessiert sich nicht nicht im mindesten für die Inszenierungen der Superstars, sondern für jene, ohne die ein Star ein Niemand ist – die Fans. Deshalb bat die Künstlerin in England, Deutschland und Italien Bewunderer von Madonna, Lennon und Jackson, klassische Alben ihrer Idole im Karaoke-Verfahren allein und vor der Kamera komplett nachzusingen. Während die Akteure über kleine Knöpfe im Ohr die Hits ihrer Idole zum synchronen Mitsingen eingespielt bekamen, nahm das Mikrofon der Künstlerin nur den Gesang der Menschen, ihr Atmen, Räuspern oder Lachen auf.

Das Ergebnis, arrangiert in synchronen Chorgalerien von 25 Flachbildmonitoren (Lennon) oder ganzen Bildschirmwänden (Madonna) fasziniert und berührt auf eine ganz eigentümliche Weise. Denn weil im Fan-Sein sowohl intimes Begehren als auch kollektive, öffentliche Rituale in eins fallen, zeigen Breitz' Videos einerseits Zeitgenossen, die lauthals und zuweilen extrovertiert mitsingen und gestikulieren, zugleich aber ganz versunken scheinen in ihrer ganz eigenen Welt.

Andächtiges Schweigen der Ausstellungsbesucher

Durch den gelungenen Ausstellungsaufbau offenbart sich sogar eine weitere Lesart inmitten der schnörkellosen Krischanitz-Architektur: denn nahezu sakral mutet das strenge Arrangement der Bildschirme besonders der Lennon-Arbeit im offenen Halbdunkel der 11 Meter hohen Halle an. Fast zwingend fügen sich das flackernde Licht der Screens, die zum Chor vereinten Einzelstimmen und das andächtige Schweigen der Ausstellungsbesucher zu einer Trauermesse, die wohl gut zur diffusen Abschiedstimmung passen mag, die jeden Beatles-Fan in der Ära der Klingeltonmusik mutmaßlich befallen muss. So entsteht tatsächlich ein Portrait John Lennons als kultisch verehrter Repräsentant einer längst untergegangenen Massenkultur.

Solch trauriges Ende vor Augen, möchte man sich also davor hüten, sich allzu leichtfertig in die zukünftige Fanmasse der neuen Berliner Kunsthalle einzureihen: Schließlich soll die Box schon in zwei Jahren wieder verschwinden, um der Baustelle des Humboldt-Forums nicht im Wege zu sein.

"Candice Breitz / Inner + Outer Space"

Termin: ab 29. Oktober, täglich von 11 bis 18 Uhr, montags bis 22 Uhr geöffnet
http://www.kunsthalle-berlin.com/

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