Freedom of Speech - Hamburg

Brave Kritik

Die Hamburger Version der Doppelausstellung "Freedom of Speech" gibt sich wie ihr Berliner Pendant kämpferisch: Politische Kunst trifft auf gesellschaftliche Phänomene und die Rolle der Redefreiheit wird kritisch untersucht

Ein System aus Bauzäunen leitet den Besucher durch die Ausstellung, dazu geben an die Wände montierte Fragen inhaltliches Geleit: "Gibt es ethische und moralische Grenzen der Meinungsfreiheit?", "Was bringt die Meinungsfreiheit, wenn sie nicht an die Wahrheit gebunden ist?", "Ist alles, was nicht sanktioniert werden kann, erlaubt?" und zuletzt: "Die Kunst, der letzte Schutzraum der Äußerungsfreiheit?"

In dieses Raster fügen sich die Werke namhafter politischer Künstler brav ein: Zum Thema Rassismus werden etwa Blätter des "Kultusministers" der Black Panther Party, Emory Douglas, vorgeführt, zu Homophobie eine Arbeit der Aids-Aktivisten von Act Up. Das Verhältnis von Künstler und Institutionen beleuchten zum Beispiel Werke der Nonne und Pop-Art-Grafikerin Sister Corita Kent sowie des Fluxuskünstles George Maciunas. Zu Fragen von Presseberichterstattung und Meinungsfreiheit wird eine Arbeit des Plakatkünstlers Klaus Staeck gezeigt.

Zwar hilft die klare Gliederung dem Besucher, sich zurechtzufinden, aber es scheint doch fraglich, ob sie dem kritischen Anspruch der Ausstellung und der transgressiven Natur der Kunstwerke gerecht wird. Dadurch, dass man die Kunst schon aus der Ferne aber durch das Drahtgitter verstellt sieht, ergibt sich ein eigenartig distanziertes Betrachtungsgefühl. Die Werke wirken seltsam eingepfercht, nicht etwa, wie der wütende Mob der bei Demonstrationen im Zaum gehalten werden soll, sondern eher wie exotische Tiere im Zoo, die ihrer Freiheit beraubt vor sich hin dümpeln.

Beide Ausstellungen, die Hamburger Version im Kunstverein genau wie ihr Berliner Gegenstück, wurden von den Direktoren Marius Babias (Berlin) und Florian Waldvogel (Hamburg) gemeinsam kuratiert. In Zusammenarbeit mit dem Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) werden auch die Kunstwerke gemäß der Kritischen Diskursanalyse untersucht, einer kulturwissenschaftlichen Methode, um diskursive Phänomene zu verstehen. Als Ergebnis sind in der Ausstellung Kurzanalysen beispielhafter Kunstwerke zu lesen. Diese warten mit kritischem Hintergrundwissen zu den jeweiligen gesellschaftlichen Umständen auf. Leider sind die Beschriftungen der anderen Werke teilweise allzu gut versteckt, was die Besichtigung mühselig macht.

Höhepunkt der Hamburger Ausstellung ist die in Deutschland erstmals gezeigte Installation „State Britain“ des Turner Preisträgers Mark Wallinger. Er rekonstruiert über die gesamte Länge des Ausstellungsraums ein Protestcamp des Friedensaktivisten Brian Haw. 2001 errichtete Haw in unmittelbarer Nähe zum Britischen Parlament ein Lager, um gegen den Afghanistan-Krieg sowie die Sanktionen und den drohenden Angriff auf den Irak zu protestieren. In einer Polizeiaktion wurde es 2005 aufgelöst und seine Bestandteile konfisziert. Mit den inzwischen freigegebenen Gegenständen rekonstruierte Wallinger das Camp erstmals 2007 in der Tate Gallery. In der Installation werden die über 600 Spruchtafeln, Bilder und Objekte zu einem Wall des Widerstands, der die Protestkultur dem Kunstkontext bildgewaltig einverleibt.

Zwei besonders prägnante Exponate zu Fragen der Ausländerpolitik, sind Christoph Schlingensiefs Aktion "Ausländer Raus!", die 2000 im Rahmen der Wiener Festwochen als Kunst- und Filmprojekt nach dem Muster der TV-Show "Big Brother" stattfand, und Silke Wagners "bürgersteig", 2001-2002. Beide setzen sich subversiv mit der Ausländer- und Abschiebepolitik Österreichs bzw. Deutschlands auseinander. Wagners Arbeit besteht aus einer originalgetreuen Nachbildung eines VW-Bullys der Lufthansa mit der Aufschrift "Deportation-Class". Er verweist auf den imaginären Geschäftsbereich, der mit der staatlichen Abschiebung betraut ist. Den Geschäftsbereich gab es zwar nie, die Lufthansa schob aber tatsächlich Menschen im Auftrag der Bundesregierung ab. Den Wagen stellte Silke Wagner verschiedenen antifaschistischen und antirassistischen Gruppen für Aktionen zur Verfügung. Die Dokumentationen dieser Aktionen sind Teil des Kunstwerks und werden im Inneren des Wagens abgespielt.

Beispiele aus den Medien stehen gleichberechtigt neben den Kunstwerken und liefern zusätzliche Materialfülle: Cover deutscher und amerikanischer Zeitschriften wie Spiegel, Stern und Hustler, Filmaufnahmen und Zeitungsartikel geben einen Eindruck der gesellschaftlichen Diskurse jenseits des Kunstkontexts. An zentraler Stelle werden etwa die Mohammed-Karikaturen von 2005 und die als Reaktion dazu entstandenen Holocaust-Karikaturen gezeigt. Hier geht es um die Frage, wo Meinungsfreiheit aufhört und Volksverhetzung beginnt. Im Fall der Mohammed-Karikaturen wurde die Freiheit, diese Zeichnungen zeigen zu dürfen im öffentlichen Diskurs beschworen, Medien wie die tageszeitung, die Welt oder der Tagesspiegel druckten sie. Bei den Holocaust-Karikaturen war für deutsche Medien dagegen die Grenze der Redefreiheit überschritten, sie wurden nicht gedruckt. Am Ende des Rundgangs steht die letzte Frage an der Wand: "Die Kunst, der letzte Schutzraum der Äußerungsfreiheit?" Für die Kuratoren ist das eine rhetorische Frage, denn in der Ausstellung kommt die Presse als Hüterin der Redefreiheit schlecht weg. Sie machen es sich dabei vielleicht etwas zu einfach, indem sie vor allem Beispiele aus der Bildzeitung anführen.

Freedom of Speech

Kunstverein Hamburg
Klosterwall 23
20095 Hamburg

bis 27.3.
Dienstag – Sonntag und an Feiertagen 12 – 18 Uhr
http://www.kunstverein.de