Sebastiano del Piombo - Rom

Ein Poet am Tiber

Zu Lebzeiten als zweiter Raffael gefeiert, dann verleumdet und vergessen: Der venezianische Renaissancemaler Sebastiano del Piombo wird jetzt wieder entdeckt
Ein Poet am Tiber:Der Renaissancemaler Sebastiano del Piombo

Unvollendet: Sebastianos Frühwerk "Das Urteil des Salomo", 1509

Wer ist der venezianische Maler Sebastiano del Piombo? Ein fröhlicher Hedonist, der sich auf gutes Essen und guten Wein versteht. Nett im persönlichen Umgang, aber an der Staffelei und am Zeichenblock ein Versager. Ein Schmarotzer, der sich von Michelangelo die Vorzeichnungen für seine Gemälde liefern lässt. Einer, der den Pinsel niederlegt, als er verbeamtet wird als "piombatore", päpstlicher Bleisiegler. Der größte Faulenzer der Renaissance. Ein Künstler, so schwerfällig wie das Blei in seinem selbst gewählten Namen.

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Soweit der Rufmord. Verübt hat ihn der Kunstschriftsteller Giorgio Vasari, der in seinen 1550 und 1568 erschienenen Lebensbeschreibungen berühmter Künstler über deren Nachruhm entschied. Mancher wurde dabei zum Helden. Mancher wurde zum Gespött der nächsten Jahrhunderte. An Sebastiano Luciani alias del Piombo (um 1485 bis 1547) exerzierte Vasari ein Lehrstück dafür, wie fest angestellte Künstler angeblich in ihrer Schaffenskraft nachlassen. Über Sebastiano schreibt er: "Sein Tod bedeutete keinen großen Verlust für die Kunst, da man ihn schon seit seiner Ernennung zum Siegelverwahrer zu den Verlorengegangenen zählen konnte."

Seither ist der Umgang mit Sebastianos Werk zwiegespalten. Seine wichtigsten Arbeiten wurden ihm aberkannt und Raffael, Giorgione, Michelangelo und den Leonardoschülern zugesprochen. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein folgten die meisten Kunsthistoriker beharrlich Vasaris Verriss. Erst jetzt, im Jahr 2008, erhält er seine erste Werkschau im Palazzo Venezia in Rom und anschließend in der Gemäldegalerie Berlin.

Auf der anderen Seite haben sich Künstler und Literaten immer mit Sebastiano beschäftigt. Schon Bellini, Tizian, Raffael und Cranach übernahmen seine Bildideen; noch der Barockkünstler Caravaggio war fasziniert von dem herben Stil des Venezianers und kopierte etwa dessen "Geißelung Christi" (art 2/2005). Vladimir Nabokov widmete Sebastianos Frauenbildnis in Berlin eine Erzählung.

Vielleicht irrten Sebastianos Zeitgenossen also doch nicht, als sie den Künstler zu Lebzeiten förderten und feierten. Seine Karriere begann er als Musiker und zog mit seiner Laute durch die venezianischen Paläste. Dann nahm Giovanni Bellini (art 9/2000) ihn als Lehrling auf.

Sebastiano hat die Widersprüche seiner Zeit in sich vereint

Schon bald kam der Quereinsteiger zu Großaufträgen wie dem "Urteil des Salomo", einer Leinwand, die wahrscheinlich von einem Politiker bestellt wurde. Sie ist unvollendet; sogar das Baby fehlt, um das die beiden Frauen sich vor dem Richterthron Salomos streiten. Sebastiano interessiert sich weniger für die Geschichte als für ihre Darstellung: Er experimentiert mit einer aufwändigen Säulenarchitektur, die an die Antike erinnert. Der Schächer im Vordergrund ist einer römischen Statue nachempfunden, dem "Gladiator".

Kein venezianischer Maler war so fasziniert von der Skulptur wie Sebastiano. Wie ein Bildhauer zeigt er seine voluminösen Figuren von mehreren Seiten. Dafür vervielfältigt er sie in einem einzigen Bild, etwa die nackten Frauengestalten im "Tod des Adonis". Gestikulierend fügen sie sich zu einer großen Woge: Gemeinsam mit seinem Freund Giorgione (art 6/2001) bringt Sebastiano kurz nach 1500 die Malerei in Bewegung.

Sebastiano hat die Widersprüche seiner Zeit ausgehalten und in sich vereint: Ein Beamter des Papstes, der in kirchenkritischen Kreisen verkehrt. Ein Maler, der die Bildhauerei bewundert. Ein Venezianer, der seine poetischen Liebesbilder in der Hauptstadt der Kleriker und Prostituierten malt.

Im Bemühen, zwischen der venezianischen Ölmalerei und der Freskokunst Mittelitaliens zu vermitteln, entwickelte er eine viel gerühmte Technik, in Öl auf Stein zu malen. Damit Michelangelo diese Methode in seinem "Jüngsten Gericht" verwendet, ließ Sebastiano die Wand der Sixtinischen Kapelle entsprechend präparieren. Laut Vasari geriet Michelangelo in Rage, ließ den Putz abreißen und schrie, Ölmalerei sei eine Kunst für Frauen und Faulpelze wie Sebastiano. Vielleicht hat Vasari die Geschichte erfunden, um seinen Rufmord zu rechtfertigen. Vielleicht aber war Sebastiano manchmal selbst für seinen Freund Michelangelo zu innovativ.

Gekürzte Fassung. Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen art-Ausgabe 2/2008.

"Sebastiano del Piombo"

Termin: bis 18. Mai im Palazzo Venezia, Rom; 28. Juni bis 28. September in der Gemäldegalerie Berlin. Katalog: Verlag Federico Motta, 35 Euro, im Buchhandel 45 Euro. Kia Vahlands Buch "Sebastiano del Piombo. Ein Venezianer in Rom" erscheint im März im Verlag Hatje Cantz auf Deutsch und Englisch (24,80 Euro).
http://www.mondomostre.it/index.html?includi=sebastiano