Apichatpong Weerasethakul - Interview

Ich will meine Existenz behaupten

In der europäoschen Kunstszene weiß man den Namen des thailändischen Regisseurs und Künstlers Apichatpong Weerasethakul inzwischen stolperfrei auszusprechen: Seine Kunstprojekte und Kinofilme erhielten internationale Anerkennung und brachten Weerasethakul zahlreiche Preise ein. Sein aktueller Film "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben" gewann in diesem Jahr die Goldene Palme in Cannes. Weerasethakul wurde 1970 in Bangkok geboren, wuchs im Nordosten Thailands auf, wo er auch Architektur studierte. In Chicago erwarb er den Master of Fine Arts als Filmstudent. art sprach mit dem Regisseur über das Aussterben des experimentellen Films, Machtmissbrauch in Thailand und die Koexistenz von Menschen und Geistern.

Als Sie für "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben" im letzten Jahr die Goldene Palme auf den Filmfestspielen in Cannes gewannen, bedankten Sie sich bei Ihren Eltern, dass diese Sie als Kind mit ins Kino genommen haben. Mit welchen Filmen sind Sie aufgewachsen?

Apichatpong Weerasethakul: Wir sahen uns alles an. Khon Kaen, die Stadt, in der ich groß geworden bin, ist sehr klein, dort gab es praktisch nichts. Also nahmen mich meine Eltern, die beide Ärzte waren, mit ins Kino, damit ich etwas von dem Rest der Welt kennenlernen konnte.

Ich mochte das alte Thai-Kino, die thailändischen Actionfilme oder Liebesfilme, die ab den Siebzigern stark vom Westen beeinflusst wurden. Die Zeit wurde in diesen Filmen ganz anders dargestellt als heute. Sie waren sehr viel langsamer, weniger komplex.

"Uncle Boonmee" basiert auf einem Buch. Was hat Sie dazu inspiriert, daraus einen Film zu machen?

Das Buch handelt von Uncle Boonmee, der während einer tiefen Meditation seine früheren Leben als Büffel, Kuh und körperloser Geist gesehen hatte. Die Art, in der ich oder andere Menschen sich erinnern, hat mich schon immer interessiert. Ich habe das Buch 2003 von einem Mönch bekommen. Anfangs wusste ich nicht, wie ich daraus einen Film machen sollte, denn es ist sehr komplex. Uncle Boonmee war jemand, den ich nicht kannte. Es war eine Herausforderung für mich, die Dinge aus zweiter Hand umzusetzen. Ich habe eine Menge verändert, viel von mir hinzugefügt. Zum Beispiel könnte Uncle Boonmee mein Vater sein, denn auch er starb an Nierenversagen.

Man sagt, dass ein Film ein Fenster zu einer anderen Welt ist. Zu welcher Welt ist "Uncle Boonmee" das Fenster?

Zu meiner eigenen Welt, meiner Kindheit. Meine Erinnerungen an die thailändischen Fernsehdramen sind darin ebenso enthalten wie meine Erinnerung an thailändische Comics. In den Filmen blieben die Monster immer im Dunkeln, nur die Augen leuchteten – so wie jetzt einige Geister in meinem Film.

In ihrem Film wird Uncle Boonmee in seinen früheren Lebensformen gezeigt, gleichzeitig tauchen die Geister verstorbener Familienmitglieder auf. Wo sind die Grenzen zwischen den realen Lebewesen und den Geistern?

Ich denke, da gibt es keine Grenzen, alles existiert nebeneinander. Ich kann nicht sagen, dass ich stark religiös bin und deshalb so denke. Es ist eher ein Konzept, eine Idee, die ich nicht mehr aus dem Kopf bekomme, weil ich damit aufgewachsen bin. Wir verschwinden nicht einfach, wir verwandeln uns. Das ist Reinkarnation.

Der Film gehört zu dem "Primitive Project", das zusätzlich aus einer Installation, einem Buch und Kurzfilmen besteht und unter anderen 2009 im Münchner Haus der Kunst gezeigt wurde. Kann man sich Uncle Boonmee auch als eigenständigen Film ansehen oder nur als Teil des Projekts?

Es ist mir eigentlich egal, ob die Leute das Projekt als Ganzes sehen. Man kann den Film als unabhängigen Teil sehen, auch wenn er dazugehört. Ich fand es wichtig, dass sich die Themen des Projekts wie Erinnerung, Vergangenheit, Wiedergeburt und Verwandlung auch in anderen Formen als dem Film ausdrücken. Ich bin sowohl an Kino als auch an der Bildenden Kunst interessiert und wollte mit der Arbeit in den verschiedenen Formaten herausfinden, wo die jeweiligen Grenzen liegen. Letztendlich ergab sich in dem einen ein Echo des anderen – die Arbeit an der Installation half mir, auch den Film umzusetzen.

Ist der Film so etwas wie die Reinkarnation der Installation oder andersherum?

Nein, eher eine Art der Kommunikation zwischen den einzelnen Teilen. Ich denke auch, dass die Abgrenzung zwischen dem Genre Kinofilm und der Bildenden Kunst sehr verschwommen ist. Nur stirbt das persönliche Filmemachen langsam aus, denn die Finanzierung ist sehr schwierig geworden. Deshalb ist der experimentelle Film wohl auch aus den Kinos verschwunden und wird stattdessen in den Galerien gezeigt.

Würden Sie Ihren Film als experimentell bezeichnen?

Nein, eher experimtell-narrativ. Wenn Filme experimentell sind, ist es meiner Ansicht nach eine Art von Erkundung, bei der man nicht weiß, was dabei herauskommt. Mit narrativ meine ich eine feste, lineare Struktur, an der man arbeitet. Ich denke, ich verbinde beides.

Was ist Ihnen wichtiger, dass das Publilum Ihre Filme versteht oder sie erlebt?

Sie sollen sie erleben, denn wenn man Logik auf das Kino anwendet, begrenzt man damit seine Möglichkeiten. Manchmal muss man die Logik loslassen, damit man das Leben genießen kann, und ich denke, mit dem Kino ist es genauso.

Das "Primitive Project" spielt im Nordosten von Thailand. Was ist das Besondere an dieser Region?

In den sechziger und siebziger Jahren kam es in dieser Gegend, nahe der laotischen Grenze, zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen kommunistischen Bauern und Regierungstruppen. Als ich mit dem Projekt anfing, bin ich durch die Dörfer und Städte am Mekong gefahren. Wir sind in das Dorf Nabua gekommen, das zwei Jahrzehnte vom Militär besetzt gehalten wurde und Schauplatz von Unterdrückung und Gewalt war. Dieses Dorf konnte ich nicht vergessen, also fuhr ich zurück und versuchte dort zu dokumentieren.

Ist ihr Projekt eine Protestaktion gegen die frühere Gewalt dort?

Es fällt mir schwer, etwas direkt und politisch darzustellen. Kino ist für mich sehr persönlich, deshalb verbrachte ich viel Zeit in dem Dorf und versuchte eher meine Gefühle zu dem, was damals geschehen ist, darzustellen, als zu genau erzählen, was dort passiert ist.

Sie haben drei Jahre in Chicago gelebt, wo sie 1997 ihren Abschluss im Bereich Film beim "Art Institute of Chicago" absolvierten. Hat sich Ihre Sicht auf Ihr Heimatland nach dieser Zeit verändert?

Ja, ich habe realisiert, dass es in Thailand sowohl Schönheit als auch Hässlichkeit gibt. Wenn man die Freiheit im Westen erlebt, dann fängt man an zu vergleichen. Es gibt eine Menge Dinge, die noch verbessert werden könnten, zum Beispiel gibt es keine uneingeschränkte Meinungsfreiheit. Gleichzeitig ist Thailand wunderschön durch seine Menschen, ihre Art zu denken und zu leben.

Wie hat die eingeschränkte Meinungsfreiheit Ihre Arbeit beeinflusst?

Vor einigen Jahren noch überhaupt nicht, denn meine Arbeit hat einen sehr persönlichen Ansatz. Ich spreche von Dingen, die ich kenne. Politik hatte nicht viel damit zu tun. Doch in letzter Zeit hat die politische Situation auch mein Leben beeinflusst. Mein Film "Syndromes and a Century" wurde zensiert. Um den Film in Thailand zeigen zu dürfen, musste ich beispielsweise eine Szene mit einem Gitarre spielenden Mönch herausnehmen. Es gibt in Thailand ein Gesetz, dass alles verbietet, was die nationale Sicherheit gefährdet – und das kann ja eine Menge sein. Ich möchte diese Situation ändern. Nachdem mein Film zensiert wurde, habe ich mit anderen Filmemachern eine Gruppe gegründet. Wir starteten zusammen mit der Thaifilm-Foundation eine Kampagne und versuchten der Regierung klarzumachen, dass Freiheit das Beste für alle ist.

Wollen Sie eine Art Wortführer für Thailand sein?

Auf keinen Fall, das ist das Letzte, was ich möchte. Ich möchte nur aufzeichnen, was ich fühle und ich möchte empfindsam bleiben. Es geht mir eher darum, dass ich meine Existenz behaupten will, als ein Wortführer für Thailand zu sein.

Apichatpong Weerasethakul: "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben"

Termin: ab dem 30. September im Kino