Surreale Dinge - Frankfurt

Vom Eigenleben der Dinge

Die Schirn Kunsthalle zeigt die bisher größte Ausstellung surrealistischer dreidimensionaler Arbeiten. Zu sehen sind rund 150 Arbeiten, unter anderem von Salvador Dalí, Man Ray, Marcel Duchamp und Meret Oppenheim.

Das Telefon klingelt, man hebt den Hörer ab – und hat plötzlich einen Hummer in der Hand. Oder so: Man setzt das Bügeleisen auf die Lieblingsbluse, zieht mit Schwung von rechts nach links und – ratsch – ist der Stoff ruiniert; das Bügeleisen steckt voller Nägel.

Es sind Szenarien, wie aus einem Alptraum, die surrealistische Künstler wie Salvador Dalí oder Man Ray in suggestive Objekte umgesetzt haben. Kunstwerke, die nicht nur irritieren, weil in ihnen etwas kombiniert wurde, was normalerweise nicht zusammengehört, sondern auch, weil sie in der Vorstellung ein Eigenleben entfalten, in dem Ängste und Begehrlichkeiten eine entscheidende Rolle spielen.

Beeinflusst von den Werken Sigmund Freuds, suchten die Surrealisten mit ihren Arbeiten Unbewusstes und Verdrängtes – vor allem aus den Bereichen Erotik und Sexualität – zum Vorschein zu bringen. Meistens handelt es sich um banale Alltagsgegenstände, die, aus dem Kontext genommen oder verändert, im Bewusstsein zu bedrohlich anmutenden Dingen mutieren.

Mit rund 180 Werken von 51 Künstlern zeigt die Schirn die bisher größte Ausstellung, die sich ausschließlich den dreidi-mensionalen Arbeiten des Surrealismus widmet. Neben Inkunabeln wie Man Rays "Cadeau" (1920/61) oder Dalís "Aphrodisiac Telephone" (1936) sind zahlreiche weniger bekannte Werke wie Conroy Maddox’ "Onanistic Typewriter" (1940) – eine Schreibmaschine, auf deren Tasten Nagelspitzen nach oben ragen –, Óscar Domínguez’ mit pinkfarbenem Satin ausgeschlagene Schubkarre oder Marcel Marïens gespenstisch anmutende Brille für ein Auge zu sehen. Nicht selten spielt der fragmentierte weibliche Körper im Surrealismus eine zentrale Rolle. Kurt Seligmanns "Ultramöbel" (1937), ein Hocker aus bestrumpften Frauenbeinen mit Pumps, Mimi Parents Peitsche aus blonden Zöpfen oder Hans Bellmers Multibusen-Objekt lösen zugleich Assoziationen an Sinnlichkeit und Gewalt aus.
Obwohl die Surrealisten und ihre Vorläufer wie Marcel Duchamp von Anfang an Dreidimensionales als Ausdrucksform nutzten, war es vor allem Salvador Dalí, der mit seinem Beitritt zur Künstlergruppe 1929 deren Hinwendung zum Objekt vorantrieb. Wenngleich sich der Spanier von Anfang an eher als einzelnes Künstlergenie inszenierte, denn als Mitglied einer Gemeinschaft. Von ihm stammt auch eine griffige Definition des surrealistischen Objekts: Es sei "ein vom praktischen und rationalen Standpunkt aus absolut nutzloser Gegenstand, einzig zu dem Zweck geschaffen, Wahnsinnsideen und -fantasien auf fetischistische Art mit einem Maximum an greifbarer Wirklichkeit zu materialisieren".

Surreale Dinge. Skulpturen und Objekte von Dalí bis Man Ray

Die Ausstellung läuft noch bis zum 29. Mai in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt.

Ein Katalog erscheint bei Hatje Cantz und kostet 39,80 Euro.
http://www.schirn.de/ausstellungen/2011/surreale-dinge/surreale-dinge-skulpturen-und-objekte-von-dali-bis-man-ray-ausstellung.html#

Mehr zum Thema auf art-magazin.de