Radar - Claudia Bodin

Claudia Bodin über Mickalene Thomas

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: New Yorker art-Korrespondentin Claudia Bodin über die US-amerikanische Künstlerin Mickalene Thomas.
Radar: Mickalene Thomas:Claudia Bodin über ihre Lieblingskünstlerin

Mickalene Thomas: "Milk & Honey, Lavender Too" (Whitney Houston), 2008

Sie war der schillernde neue Star der Messe von Miami und sezte sich auch auf der New Yorker Armory-Show ab, auf der es sonst nicht allzu viel Aufregendes zu sehen gab: Die aus New Jersey stammende Künstlerin Mickalene Thomas inszeniert afroamerikanische Frauen als Siebziger-Jahre-Queens – und das in fortgeführter Tradition der alten Porträtmeister. Thomas' Frauen erinnern an Action-Heldin Pam Grier oder Donna Summer. Sie posieren selbstbewusst auf geblümten Sofas vor braun getäfelten Wänden und lassen würdevoll die Hüllen fallen.

Ihre Modelle fotografiert Thomas zunächst in einer originalgetreu im Siebziger-Jahre-Stil eingerichteten Ecke ihres Brooklyner Studios, in dem neben Korbstühlen und Kissen mit Leopardenmuster sogar die alten Funk- und Soulplatten nicht fehlen. Die Frauen befolgen in aller Regel keine Anweisungen, sondern setzen sich in Szene, wie immer sie wollen. Aus den nostalgisch angehauchten Fotoabzügen erstellt Thomas Kollagen, die sie auf Holztafeln projiziert, abzeichnet, mit Vinyl- und Autolackfarbe malt und schließlich mit Glitzersteinchen ausarbeitet. Ihre Arbeiten sind das weibliche Gegenstück zu den vor Testosteron strotzenden Porträts des New Yorker Kunststars Kehinde Wiley, mit dem die 38-jährige Künstlerin seit Yale-Studienzeiten befreundet ist und der wie Thomas die klassische Porträtmalerei für seine afroamerikanischen Landsleute eroberte. Nahmen Farbige doch über Jahrhunderte lediglich den Part der Dienerschaft im Hintergrund ein.

Inzwischen sind Thomas' Arbeiten in der Sammlung der Familie Rubell, sie hängen in den ersten US-Museen, und auch Michaela Neumeister von Phillips de Pury wurde auf die Künstlerin aufmerksam. Thomas gelingt, was man nicht allzu oft zu sehen bekommt: Sie vereint Erotik und Feminismus, Weiblichkeit und Stärke, Klischees über Ethnie und Herkunft mit Würde. Und sie zeigt, dass nostalgischer Kitsch durchaus Klasse haben kann. Es hilft ganz bestimmt, dass sie eine Frau ist, die die Frauen liebt. Ihre frühere Muse und Freundin Maya verewigte Thomas über einen Zeitraum von drei Jahren immer wieder. Ihr letztes gemeinsames Bild heißt: A Little Taste Outside of Love (2007).