Arte Povera - Versteigerung

Rekordpreise für italienische Avantgarde-Kunst bei Christie's

109 Werke aus der italienischen Kunstbewegung "Arte Povera" wechselten bei Christie's in London für Rekordsummen ihre Besitzer. Ingesamt erzielte die Auktion über 45 Millionen Euro.

Die "Arte Povera" gilt als die wichtigste Bewegung der Nachkriegskunst in Italien. Sie kam in den sechziger Jahren auf und war – anfänglich aufgeladen mit politischen Metaphern – ein Symbol der Revolte gegen den Kunstmarkt.

Die Kunst der "armen Mittel" erzielte aber sehr schnell Höchstpreise. Auf dem Kunstmarkt behauptet sich die "Arte Povera" mit beachtlichem und anhaltendem Erfolg, bis hin zu Rekordsummen.

Jetzt brachte eine spektakuläre Versteigerung bei Christie's in London den Höhepunkt der Arte-Povera-Vermarktung: Unter dem Titel "Eyes Wide Open: an Italian Vision" kamen 109 erstklassige Werke aus einer sensationellen italienischen Privatsammlung unter den Hammer und erzielten insgesamt über 45 Millionen Euro, ein stattliches Ergebnis. In knapp zwei Stunden verlor Italien Werke, die das am Comer See lebende Sammlerpaar Nerio und Marina Fossati in über 25 Jahren zusammengetragen hatte. Kein italienisches Museum kann vergleichbare Bestände vorweisen.

Am Abend der Versteigerung zeigten sich die italienischen Kunden im Saal und am Telefon sehr aktiv, mussten aber gegenüber der internationalen Konkurrenz, vor allem aus den USA und Asien, meist klein beigeben. Eine der spektakulärsten Verkäufe des Abends war Michelangelo Pistolettos "Lei e Lui", ein Doppelporträt mit seiner Frau auf poliertem Edelstahl von 1968. Nach einem erbittertem Kampf mit einem italienischen Konkurrenten ging das Spiegelwerk für 2,39 Millionen an einen chinesischen Telefonabieter, der sich auch Alighiero Boettis acht Meter lange Zeichnung "I sei sensi" sicherte. In italienische Hände kehrte dagegen für 1,1 Millionen eine der schönsten Arbeiten des mit 28 Jahren gerstorbenen Francesco Lo Savio, "Spazio Luce" von 1959, zurück. Rekordsummen erzielten mit 1,51 Millionen ein Wandrelief von Jannis Kounellis, mit 1,16 Millionen die Skulptur aus Bronze und Seide "Piede" (1970/71) von Luciano Fabro und mit 1,85 Millionen die humoristische schwarzlackierte Figur "Torso di negra al bagno" (1964/65) von Pino Pascali.

Zwei Werke von Alighiero Boetti, "Addizione" und "Sottrazione" (1974), gingen nach einem harten Kampf der Bieter für jeweils 1,7 und 1,5 Millionen an den italienischen Film-und Fernsehproduzenten Pietro Valsecchi. Er verlor allerdings gegen einen Telefonanbieter, der sich eine von afghanischen Frauen gestickte Weltkarte, "Mappa" (1979) von Boetti, für 1,04 Millionen sicherte.
Rekordhalter des Abends war das Werk "Combustione plastica" (1960/61) des Bahnbrechers Alberto Burri. Das auf 600 000 bis 800 000 Euro geschätzte Werk ging nach einem erbitterten Kopf-an-Kopf-Rennen mit Pietro Valsecchi für 5,6 Millionen an den international agierenden jüdischen Kunsthändler und Sammler David Nahmad.

Den Begriff "Arte Povera" hat der Kunstkritiker Germano Celant geprägt, als er 1967 in Genua die erste Ausstellung dieser Kunstrichtung organisierte. Seit 25 Jahren ist Celant, der heute die Kunststiftung des Modehauses Prada leitet, Vermittlungsstratege der Arte-Povera-Künstler. Für die Versteigerung bei Christie's hat er gute Vorarbeit geleistet. 2011 organisierte er eine auf sieben italienische Museen verteilte Mammutschau mit Arte-Povera-Werken, die er mit einer Rekonstruktion von Szeemanns legendärer Ausstellung "When Attitudes Become Form" der Öffentlichkeit präsentierte.
Während der Londoner Versteigerung verfolgte er den kommerziellen Siegeszug seiner Künstler von seinem Platz in der ersten Reihe.