Radar

Ivo Wessel

Ivo Wessel über Stefan Panhans
Stefan Panhans, "Who's afraid of 40 Zimmermädchen", 2007; DV/DVD, color/sound 35 min; Ed. 5 (+ 2 a.p.) (Courtesy Galerie Olaf Stüber, Berlin)

IVO WESSEL ÜBER STEFAN PANHANS

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Galeristen, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Der Berliner Sammler und Softwareentwickler Ivo Wessel, 40, über den deutschen Künstler Stefan Panhans.
// IVO WESSEL

Die Arbeiten des 1967 in Hattingen geborenen und in Hamburg lebenden Foto- und insbesondere Videokünstlers Stefan Panhans mag ich schon einige Zeit. Richtiggehend verguckt habe ich mich in "Sieben bis zehn Millionen" (2005). Erstmals auf der Videomesse LOOP in Barcelona gesehen, ist sie mir immer wieder über den Weg gelaufen, bis ich auf der Transmediale 2006 in Berlin vor der Arbeit stehend einer Freundin davon vorgeschwärmt habe – nicht ahnend, dass Künstler und Schauspielerin neugierig lauschend, aber inkognito bleibend direkt daneben saßen und sich erst nach zehn Minuten zu erkennen gaben.

Protagonist ist ein Typ mit Till-Schweiger-Optik inklusive Dreitagebart, gespielt von der Schauspielerin Lisa Marie Janke – Panhans hat schlichterdings keinen Mann gefunden, der auch nur annähernd so schnell sprechen konnte. In einem atemlos-grandiosen Monolog zeigt sie, dass für einen Technikbesessenen Konsum durchaus Arbeit bedeutet. Der Weg zum Ziel ist voller subtiler Fallstricke und erfordert eine hochkomplexe und für Laien undurchschaubare und absurde Koordinierung. Lisa Marie Janke spielt in den letzten vier Panhans-Videos; nur im jüngsten, "Who’s afraid of 40 Zimmermädchen" (2007), sitzt ihr der Schauspieler Peter Moltzen zur Seite.

"Pool" (2004) ist ein innerer Monolog mit einem imaginären Gesprächspartner, der für eine unklar bleibende Tätigkeit – "Wir haben da so eine Produktion laufen" – gecastet werden soll. "Glow" (2006) zeigt dieselbe Schauspielerin vordergründig in einem Fitnesscenter auf einem Crosstrainer. Die ausweichmanöverartigen Reaktionsbewegungen gemahnen aber eher an eine Art inneres Computerspiel – ohne sichtbaren Gegner. In "Who’s afraid of 40 Zimmermädchen" (2007) gibt es zwei parallel verlaufende Monologe mit gelegentlichen Querverbindungen. Den des Mannes unterbricht wiederholt eine Art Spam.

Allen Videos dieser Tetralogie gemein ist ein stets konstantes Setting, und sie kommen ohne jeglichen Schnitt mit einer einzigen Kameraeinstellung aus – ein zur Ruhe gekommener Dauerlauf, die Protagonisten als unbewegte Beweger. Der Quasidialog, die Mauerschau-Dramaturgie, die Edward-Albee-Anspielung im Titel der jüngsten Arbeit zeigen deutliche Bezüge zum Theater.

War man in Jack Kerouacs "On the road" noch dauernd unterwegs, sind die Arbeiten von Stefan Panhans Road Movies, in denen sich die Schauspieler nicht einen Zentimeter von der Stelle bewegen. "Pool" spielt komplett auf der Fahrerseite im Auto, "Sieben bis zehn Millionen" zeigt nur den sprechenden Kopf, in "Glow" könnten Arme und Beine auch vom Crosstrainer bewegt werden, in "Who’s afraid of 40 Zimmermädchen" sitzen die beiden an einem Lagerfeuer. Im Cyperspace unserer Zeit nutzt man andere Fortbewegungsmittel, um zu reisen.

Meiner literarischen Lieblingsfigur Horst Tempes, dem buchstäblich windigen, geschwinden und schwindelnden "Herrn Zeitgeist" aus Eckhard Henscheids 500-Seiten-Roman "Dolce Madonna Bionda" (1983) durchaus ebenbürtig, spielen Stefan Panhans' Protagonisten auf der Bühne der Gegenwart und bringen das in Schlaf und Traum rutschende Nachtstück der Molly Bloom ans Tageslicht. Wer Beckett mag, wird Panhans lieben – und wer Kafka liebt, sollte sich die Videos von Marc Aschenbrenner anschauen.

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