Kunst aus China - Salzburg/Hamburg

Von der Leine gelassen

Ausstellungssommer der chinesischen Kunst: „Mahjong“ und „Pearl River City“ zeigen Entwicklungen in den Kunstzentren Chinas, von den siebziger Jahren bis in die Gegenwart
Eine junge Generation chinesischer Künstler:setzt neue Akzente

Cao Fei: „Dog Days” (Standbild aus der Videoarbeit „Rabit Dogs”, 2002)

Wie auf Hundepfoten kriechen chinesische Manager aus einem Lift zu ihrem Arbeitsplatz. Bellend, hechelnd, sabbernd werden Angestellte zu triebgesteuerten Tieren. Die „Menschenhunde“ durchlaufen einen für China charakteristischen Büroalltag: Meetings, Machtkämpfe, Auftragsdruck, Büroromanzen, die Mittagspause und Gespräche in der Chefetage. Im Takt der Musik wuseln sie auf allen Vieren und das Bürozimmer wird zum Zoo. Der Tag ist in einzelnen Episoden getaktet, der Betrachter taucht von einer Szene in die nächste. In diesem archaischen Treiben gibt es eine Ausnahme: Der Chef bleibt als einziger auf beiden Beinen stehen. Mit Gebärden und Gesten der Unterwerfung wird er, das „Herrchen“, abgeleckt und umstrichen.

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Strecken Teaser

„Rabit Dogs“ lautet der Titel dieser Videoarbeit, die noch bis zum 2. September in der Ausstellung „Pearl River City“ des Hamburger Kunstvereins zu sehen ist. Werke von elf chinesischen Künstlern und drei Künstlergruppen sind zu sehen, die repräsentativ für die Entwicklungen in dieser Region stehen.
Die chinesische Künstlerin Cao Fei zeigt etwa mit ihrer Arbeit von 2002 die Fetischisierung des Büroalltags in China mit den dazugehörigen Accessoires, wie einer kompletten Kleidung im Burberry Design. Unübersehbar ist der Kontrast zwischen triebgesteuerten Tierverhalten der Angestellten und dem markenorientierten gleichförmigen Design. Burberry satt: Selbst vor Teebechern, Büromappen und Zigarettenschachteln im populären Streifenlook macht die Künstlerin nicht halt.

Die junge Avantgarde vom Oberlauf des Perlflusses beschreibt mit ihren Arbeiten das herrschende Lebensgefühl des jungen China und artikuliert mit großen Fotoaufnahmen und Videofilmen die Spannungen und Umbrüche der letzten Jahre. Damit ist sie nicht allein. In Salzburg hat gerade die Ausstellung „Mahjong” im Museum der Moderne ihre Pforten geöffnet. Bis zum 11. November bietet sie in Deutschland den größten Überblick über die westliche chinesische Gegenwartskunst. Insgesamt sind 300 Arbeiten von über 100 Künstlern zu sehen. Nach Bern und Hamburg hat „Mahjong“ in Salzburg ihre dritte Station. Die Werkauswahl entstammt der größten Privatsammlung außerhalb Chinas; sie gehört dem Schweizer Uli Sigg. Während der Hamburger Kunstverein ausschließlich die aktuellen Entwicklungen in der Szene am Perlfluss zeigt, umfasst die Salzburger Schau auch geografisch ein breiteres Spektrum: die größten Kunstzentren Schanghai und Peking, aber auch andere Regionen wie das Pearl River Delta sind mit Arbeiten vertreten.
„Mahjong“ hat den Schwerpunkt nicht auf Videofilme gelegt, sondern widmet sich überwiegend der chinesischen Malerei. Sie bietet einen Gang durch die Entwicklungen der chinesischen Kunst der letzten 30 Jahre bis hin zu aktuellsten Positionen.



Die Präsenz chinesischer Gegenwartskunst ist zurzeit so stark, dass manche Arbeiten gleich mehrfach gezeigt werden. In Salzburg ist die beeindruckende Videoarbeit des chinesischen Künstlers Lin Yinlin zu sehen. Er gehört einer vierköpfigen Künstlergruppe aus Kanton an, die sich seit 1991 unter dem Namen „Großschwanzelefant“ verbunden hat. Dieser Videofilm wird derzeit auf der Documenta 12 vorgeführt und ebenfalls in einer anderen Version im Hamburger Kunstverein.
In der hintersten Ecke der Ausstellungsräume schreitet Lin Yinlin in seinem Video „Safely Manoeuvring Across Lin He Road“ von 1995 über den Bildschirm, indem er eine Straße überquert und dabei durch systematische Versetzung einzelner Steine kontinuierlich vor sich eine Mauer baut. Eine wandernde Mauer – kein schlechtes Symbol für das neue China.