van Lamsweerde & Matadin - Interview

Angriff der hybriden Modemonster

Nur sehr wenigen gelingt der Spagat zwischen Mode und Kunst. Eine rühmliche Ausnahme bilden Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin: Seit 15 Jahren erfinden die beiden holländischen Künstler, mit Wohnsitz in New York und Paris, die Mode- und Kunstfotografie immer wieder neu – und stoßen damit auf großen Respekt in beiden Branchen.
Angriff der hybriden Modemonster:Neue Arbeiten des niederländischen Künstlerduos

Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin: "Untitled (Woman 1)", 2008

Nachdem Inez van Lamsweerde vor allem als Pionierin der digitalen Fotografie durch Bilder von geschlechtlich hybriden Menschen-Ungeheuern bekannt wurde, arbeitet sie heute ausschließlich mit ihrem Mann Vinoodh Matadin, einem vormaligen Modedesigner. Das Duo ist weltweit in Museen und Galerien vertreten, fotografiert aber auch für die großen Modelabels abenteuerliche Kampagnen.

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Als van Lamsweerde und Matadin 2006 der Pirelli-Kalender übertragen wurde, inszenierten sie fünf weibliche Film-Celebrities als ihrem Bett Verfallene. In der Münchner Galerie Andreas Grimm stellt das Duo nach längerer Abstinenz in Europa nun neue Arbeiten vor, die teils mit Bildhauer Eugene van Lamsweerde, dem Onkel der Künstlerin entstanden sind. Metallische Linien verlängern die Fotografien von weiblichen Archetypen zu einem versponnenen Gedankenkonstrukt. art traf das Duo zum Interview:

Sie haben als eine der ersten Künstler Anfang der Neunziger mit digitaler Fotografie für Furore gesorgt. Lässt sich nach einem gewissen Leerlauf die digitale Fototechnik künstlerisch neu ausschöpfen?

Die Zukunft der digitalen Fotografie liegt wahrscheinlich im digitalen Film und Video. Wenn man leblose Bilder in Bewegung versetzt, so dass daraus ein Gegenstand der Manipulation entsteht, dann ergeben sich daraus wieder unendliche Möglichkeiten. Durch die neuen Technologien können Bildkonzepte und -ideen auf eine Art und Weise animiert werden, wie es mit Zelluloid niemals möglich gewesen wäre. Schließlich kann selbst die digitale Fotografie nur manipulierte Situationen einfrieren.

Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Das Auftauchen von digitalen Billboards, wie wir es unlängst in Los Angeles bemerkt haben, motivierte uns, darüber nachzudenken, ob es nicht möglich wäre, auch der Modewerbung ein Bewegungsmoment hinzuzufügen. So vieles, was wir machen, und überhaupt vieles in der Fotografie kreist darum, dass man einen spezifischen Moment erfasst – eine Stimmung oder ein Gefühl. Wir suchen künstlerisch nach einem Weg, der das eine spezifische Bild ausdehnt und den "Moment" in einen weiteren Kontext stellt, um so letztlich auch die Models auf eine noch nie dagewesene Art dirigieren zu können. Das hört sich zurzeit noch etwas rätselhaft an, weil der ganze Bereich unerforscht ist. Die Technik ist jedenfalls da.

"Wir beschäftigen uns mit den verborgenen Qualitäten eines Bildes"

Sie sind berüchtigt für Ihre Unbestechlichkeit. Können Sie mir verraten, warum eine ganze Reihe berühmter Modelabels so wild auf ihre sehr subjektive Art der Werbefotografie sind, obwohl dieser Zugang kommerziell gesehen für einige Kunden irritierend sein mag?

Unsere Arbeit ist eine Reaktion darauf, was wir um uns herum sehen. Ob es nun "verstörend", "anders" oder "inspirierend" ist – es ist unsere Wahrnehmung von dem gegenwärtigen Lauf der Dinge. Im Zentrum steht immer die Frage: Wo befinden wir uns als eine die Medien geistig verarbeitende Gesellschaft? Kulturell? Sozial? Politisch? Was die Kunden aus der Mode betrifft, so nehmen wir an, dass sich der entscheidende Punkt immer um das Branding und die dementsprechende Ästhetik dreht. Wir können nicht stellvertretend für die Modelabels antworten, aber es gibt offensichtlich etwas in unserer Wahrnehmung und Perspektive, das mit dem angestrebten Image des Unternehmens und dem mit der jeweiligen Marke projizierten Frauen- oder Männerbild zusammenfällt. Das Konzept von Schönheit und der Sinn für Mode entwickelt sich ja ständig weiter und damit ist auch das Bildnerische in einem permanenten Wandel begriffen. Es muss ein großes Vertrauen zwischen uns und den Kunden geben, anders ließen sich diese Veränderungen nicht adäquat interpretieren und den jeweiligen Bedürfnissen anpassen.

Seit einiger Zeit entstehen Installationen in Gemeinschaftsarbeit mit Inez' Onkel, dem Bildhauer Eugene van Lamsweerde. Inwiefern können seine skulpturalen Eingriffe die ursprünglichen Bildideen verstärken?

Wir beschäftigen uns schon länger mit den eher verborgenen Qualitäten eines Bildes. Wir wollen etwa die Gedanken hinter einem Porträtkopf sichtbar machen: die Energielinien, die ihn mit anderen Menschen verbinden können. In einer Ausstellung in Holland (Studio van Dusseldorp, Tilburg) zeigten wir unlängst 15 Arbeiten, die alle diese zeichnerischen Metalllinien aus der fotografischen Oberfläche wachsen ließen, fast so als wären die Bilder gepierct. Wir schufen einen Raum wie bei einer Séance, in dem sich die Energie, Gedanken und Gefühle quasi materialisiert haben. Eugenes skulpturaler Beitrag macht die in den Bildern bereits enthaltene Emotion buchstäblich greifbar. Als junger Künstler war er stark von Joseph Beuys beeinflusst und diese eher spirituelle und räumliche Annäherung an das Sichtbare kam uns sehr entgegen.

Welche Kunstprojekte oder Modekampagnen stehen demnächst an?

Im Mai 2008 wird unser zweibändige Fotobuch "Pretty Much Everything" erscheinen. Wie der Titel bereits suggeriert, sind darin Bilder aus der Geschichte unserer Karriere vereint. Im Van Gogh Museum in Amsterdam sind wir zurzeit an der Gruppenschau "Me, Ophelia" beteiligt, die den Einfluss von Millais' berühmtem Gemälde der toten Ophelia auf die zeitgenössische Kunst beleuchtet. Und was die Modekampagnen betrifft, so haben wir für Frühjahr/Sommer 2008 Kollektionen von Valentino, Roberto Cavalli, Gucci, Yves St. Laurent, Balmain und ein paar andere fotografiert. Alles Geschichten, die wir sehr aufregend finden.

"Inez van Lamsweerde, Vinoodh Matadin and Eugene van Lamsweerde: The Now People – Part 3: The Women"

Termine: 14. März bis 3. Mai, Galerie Andreas Grimm, Theresienstraße 56, München. Und: "Me, Ophelia", bis 18. Mai, Van Gogh Museum, Amsterdam. Literatur: "Pretty Much Everything" erscheint im April, 320 Seiten, Steidl Verlag, 65 Euro.
http://www.andreasgrimmgallery.com/exhibition.php?location=Muenchen