New Museum - New York

Der Geist von Downtown

Zum 30-jährigen Bestehen konnte das New Yorker New Museum endlich ein eigenes Haus beziehen. Das von SANAA gebaute siebenstöckige Gebäude auf der Bowery hat mit einer großen Party und junger Kunst für ein junges Publikum eröffnet

„So sah ich heute morgen aus“, stellte einer der Museumsmitarbeiter mit Verweis auf das giftgrüne Interieur der Fahrstühle und auf die von Modedesigner Calvin Klein veranstaltete Party am Abend zuvor fest. Das New Museum auf der Bowery, mitten in New Yorks ehemaligem Elendsviertel auf der Lower East Side von Downtown Manhattan, hatte allen Grund zum Feiern. Nach fünfjährigen Bauarbeiten eröffnete das Museum, das sich in der letzten Zeit zur Miete in SoHo einquartiert hatte, sein erstes eigenes Zuhause. Ein siebenstöckiger Bau mit 5500 Quadratmetern, drei Etagen mit Ausstellungsräumen, einem Stockwerk für Kunststudien, einem Theater und einem lichtdurchfluteten Skyroom mit Terrasse und Blick auf Downtown. 50 Millionen Dollar kostete das Gebäude, das neugierig von den New Yorkern erwartet wurde.

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Zu feiern gab es nicht nur die Neueröffnung, sondern auch das 30-jährige Bestehen des Hauses, das sich ausschließlich der zeitgenössischen Kunst widmet. So ging es ohne Unterbrechung mit 30 Stunden freiem Eintritt los. Am Samstag um zwölf Uhr wurden die Türen der gläsernen Eingangsfront geöffnet, und das Museum meldete, dass alle Freikarten bereits vergeben waren.

„Unmonumental: The Object in the 21st Century" heißt die erste Ausstellung, die in drei Stufen ablaufen wird und im Januar mit Collagen und später mit Soundinstallationen weiter wachsen soll. Zum Auftakt werden Installationen und Skulpturen von 30 Künstlern gezeigt. Es ist überwiegend Trash-Kunst von jungen Künstlern für ein junges Publikum. Alltagsgegenstände einer Konsumgesellschaft wie Kleidungsstücke, Pappkartons, Schlüssel, Fahrräder oder Sofas wurden zu Low-Tech-Art verarbeitet. Der Berliner John Bock spielte mit Pizzakartons von Dr. Oetker oder Milch-Containern aus der Mark Brandenburg. Marc André Robinson lässt einen Wirbelsturm aus alten Stühlen durch die Galerie fliegen. Jim Lambie überzog eine Matratze mit Knöpfen. Zu den Höhepunkten zählen Isa Genzkens „Elefant“ (2006) und Urs Fischers nackte Madonna, die im Laufe der Ausstellung wie eine Adventskerze abfackeln wird.

Die Kunst hat es gar nicht einfach neben dem eigentlichen Star dieser Eröffnung: Das von dem japanischen Duo Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa und ihrem Büro SANAA erbaute Gebäude, das von außen aussieht wie ein Haufen Bauklötze, den unbeholfene Kinderhände unordentlich übereinander gestapelt haben. Ein Netz aus Aluminium umspannt die Fassade und lässt das eigenwillige Haus je nach Tageszeit und Wetterlage mal milchig weiß, mal silbrig strahlend oder tiefgrau erscheinen. Als Geist von Downtown wurde das Gebäude wegen seines Gewandes bezeichnet. Fakt ist, dass das 1977 gegründete Museum, das für provokante Ausstellungen steht, eine Geisteshaltung vertreten will, die bei all den großen Geschäften mit der Kunst in New York immer mehr verloren geht. „Wir haben nicht vor, ein Mini-MoMA zu sein, sondern sind Anstifter und Pioniere", versicherte Direktorin Lisa Philips.


Die inzwischen gestorbene Gründerin Marcia Tucker war in den 70er Jahren wegen ihrer radikalen Ideen als Kuratorin im Whitney Museum gefeuert worden. Zwar wird Tuckers Anti-Establishment-Credo längst nicht mehr befolgt. Die Kaufhauskette „Target“ zählt zu den Sponsoren. Überall im Gebäude stößt man auf die Namen der Millionäre und Bankiersfamilien, die Geld für den Neubau locker gemacht haben. Und dennoch scheint das New Museum den Spagat zwischen experimenteller Kunstbude und etabliertem Museum zu schaffen.


Es wirkt in seiner Schlichtheit mit den polierten Betonböden, den offenen Galerien auf mehreren Etagen und einer Glasfront im Erdgeschoss, die das Museum mit dem Treiben auf der belebten Straße verbindet, einladend und strahlt Unbedarftheit aus. Das Gebäude würde einem den Glauben an New York City, wo Kultur gelebt und nicht nur gekauft und verkauft wird, wiedergeben, lobte der Architekturkritiker der New York Times Nicolai Duroussoff.


Mit dem ehemaligen Parkplatz mitten auf der Bowery hatte sich die Museumsleitung einen Standort ausgesucht, der symbolisch für Manhattans Dilemma ist. Vor gar nicht allzu langer Zeit lebten hier im Viertel arme Künstler. Doch die wurden von den jungen Erfolgreichen vertrieben, die mittlerweile im exklusiven Öko-Supermarkt „Whole Foods” ein paar Blocks weiter Schlange stehen. In einer Stadt, in der Investorengruppen einen gesichtslosen Hochhauskomplex nach dem anderen hochziehen, gelang es den beiden Architekten, ein Museum zu errichten, das wie ein Statement wirkt. In Gesellschaft der schmuddeligen Nachbarhäuser, die das Gebäude umrahmen, und den Trödelläden mit Küchengeräten gleich gegenüber, hat es zwar etwas von einem Fremdkörper. Aber es steht für eine aufregende Zukunft, ohne arrogant die Vergangenheit zu ignorieren.

New Museum of Contemporary Art

235 Bowery, New York. Der erste Teil der Eröffnungsausstellung "Unmonumental" ("The object in the 21st century") läuft bis 23. März. Am 16. Januar eröffnet der zweite Teil "Collage: The Unmonumental Picture", am 13. Februar der dritte Teil “The Sound of Things: Unmonumental Audio”, am 15. Februar startet dazu das Online-Projekt "Montage: Unmonumental Online" (http://rhizome.org/art/exhibition/montage/).

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