Junge Kunst am Kap - REISETAGEBUCH SÜDAFRIKA IV

Bad Boyz, die Kunstenklave "Arts on Main" und ein Magnum-Fotograf

Unsere Autorin Camilla Péus reist von Kapstadt nach Johannesburg und besucht, exklusiv für art, sieben Künstler, deren (exotische) Namen man sich merken sollte. Außerdem: Szenen aus dem neuen, spannenden Kunstkosmos mit Berichten über Ateliers, Galerien, Performance-Festivals und Ausstellungen. Tag IV: Bad Boyz, die Kunstenklave "Arts on Main" und einer der jüngsten Magnum-Fotografen aller Zeiten, Mikhael Subotzky.
Bad Boyz, Arts on Main, Mikhael Subotzky:Reisetagebuch Südafrika IV

Bewohner von Beaufort West durchsuchen einen Müllhaufen nach Essbarem und
wieder verwertbaren Materialien

Johannesburg, Arts on Main, 9:30 Uhr

In unserem Auto sitzt ein Bad Boy. Die "Bad Boyz" von Johannesburg sind eine private Sicherheitsmannschaft, berüchtigt für ihre knallharten, brutalen Reaktionen auf Raub, Mord und Totschlag. Der Bad Boy auf unserem Rücksitz hat mal eine Bank ausgeraubt, ihm wurde bei seinem Sprint zum Fluchtauto ins Bein geschossen und er saß daraufhin sieben Jahre hinter Gittern. Jetzt begleitet er uns für rund 20 Euro am Tag in die unsicheren Stadtteile Johannesburgs, nach Hillbrow, einem der kriminellen Hotspots der Stadt, und unter graffitibesprühte Schnellstraßenbrücken.

Die erste Station heißt "Arts on Main". In dem neuen Agglomerat von Galerien, Künstlerstudios und Cafés, zwei, drei Ampeln von Hillbrow entfernt, ist der Bad Boy erstmal überflüssig. Wo vor ein paar Jahren noch Autowerkstätten und Reifenfabriken waren, logieren jetzt die Kunst und deren Kreateure in lichten Lofts und Industriebauten: Südafrikas Künstlerikone William Kentridge hat hier ein Atelier bezogen. Gleich nebenan, in der wunderschönen Druckerei mit Buchladen von David Krut, lässt er seine Radierungen drucken. Soeben ist seine neueste Serie "Nose" fertig geworden, basierend auf Nikolai Gogols Buch "Die Nase" von 1837, das zu den bedeutendsten Werken russischer Literatur zählt. Die gleichnamige Oper von Dimitri Schostakowitsch mit Kulissen von Kentridge feierte am 5. März in der New Yorker Metropolitan Opera Premiere. Die Radierungen sind im MoMA bis 17. Mai und bei David Krut Projects in Johannesburg bis 10. April zu sehen. Im Moment arbeitet hier, neben der Druckerpresse, Deborah Bell, eine der bekanntesten Künstlerinnen des Landes, an einer neuen Radierung. Der Kölner Galerist Ralf Seippel zeigt in Arts on Main schroffe Holzskulpturen von Werner Mally und Plastikarbeiten on Mbongeni Buthelezi. Zusätzlich stellt er in der Fotogalerie Bailey Seippel gerade den Fotografen Bob Gosani aus, einen Assistenten Jürgen Schadebergs und bekannt für seine Aufnahmen von Nelson Mandela aus den fünfziger Jahren. Gegenüber hat das Goethe Institut einen Projektraum für experimentelle Kunst eröffnet, und Nirox Projects kooperiert mit der Kunststiftung Sylt Quelle. Die Stiftung hat gemeinsam mit dem Goethe-Institut Johannesburg 2008 den Kunstpreis "Sylt Quelle Cultural Award for Southern Africa" ins Leben gerufen.

Auch Mikhael Subotzky hat hier sein Atelier in einer ehemaligen Werkstatt eingerichtet. "General Repairs" steht noch in Schreibschrift an der Wand. Subotzky ist der Star der Fotografenszene und mit 29 Jahren eines der jüngsten Mitglieder der renommierten Fotoagentur Magnum. Am bekanntesten sind seine Bilder von den Häftlingen des Gefängnisses "Beaufort West", das auf der N1 zwischen Kapstadt und Johannesburg mitten auf einer Verkehrsinsel liegt. Immer wieder reiste er für mehrere Wochen in die Haftanstalt, schlief in dessen Gästehaus und fotografierte die Insassen, die ihn wegen seiner einfühlsamen Art akzeptierten.

Mikhael Subotzkys Fotoprojekt: Ponte, das einstige Hochhaus der Kriminellen

Die Einrichtung des neuen Ateliers ist fast fertig. "Vor dieser Wand hätte ich gern eine Bibliothek mit verschiebbarer Leiter", sagt Mikhael Subotzky. "Und diese hier wird rückseitig beleuchtet. Daran zeige ich die ersten Aufnahmen von Ponte." Ponte gilt als das höchste bewohnte Hochhaus Südafrikas, hat einen kreisförmigen Grundriss und einen schmutzigen Schacht in der Mitte. Seit Monaten steigt Subotzky gemeinsam mit seinem ständigen Begleiter und Übersetzer Major immer wieder in den alten Fahrstuhl, klopft an die Türen der Apartments und fotografiert durch die Fenster der Wohnungen hindurch nach draußen – alle 648 Ausblicke auf 54 Stockwerken will er festhalten. Noch hat ihn kein einziger Bewohner abgewiesen. Anfang der neunziger Jahre, nach dem Ende der Apartheid, hausten in Ponte noch Drogendealer, Cracksüchtige, Kriminelle und Prostituierte. Nach einer Imagekampagne und jahrelangen Renovierungsarbeiten zog auch die Mittelklasse in die Apartments mit dem Panoramablick. Zum World Cup wird er die Fotos der Fenster, rückseitig beleuchtet, in seinem Atelier präsentieren. Für die WM hat er sich auch schon einige Tickets gesichert. Mit der flachen Hand zeichnet Mikhael Subotzky eine Gerade in den Raum: "Fußball steht für mich hier", sagt er und zeigt an die Spitze der unsichtbaren Skala – weit vor der Kunst!"

Mikhael Subotzky hat es eilig. Er will heute noch zwei Etagen in Ponte schaffen und den Bau von außen fotografieren. Den besten Blick hat man von dem kleinen Park gegenüber, ein Grashügel, auf dem Priester christlicher Sekten in weißen Umhängen ihre Anhänger taufen und ihnen mit Wasserspritzern und Kopfrütteln das Böse austreiben. Ihre festlichen Melodien fliegen durch die heiße Luft. Der Bad Boy jedenfalls wirkt hier oben fehl am Platz.