Farin Urlaub - Interview

Ich mache übrigens auch Fotos

Auf seinen Reisen fotografiert Farin Urlaub, der Rockstar mit dem angeborenen Fernweh, alles, was ihm vor die Linse kommt. Ab dem 24. September zeigt Lumas Berlin ausgewählte Fotografien des Musikers und präsentiert seine Bildreihe "Asien 2009". art sprach mit Urlaub über Punkrock und Popkultur, sein Harmoniebedürfnis und enthusiastische Reisefotografie.
"Ich mache übrigens auch Fotos":Farin Urlaub - das Interview

Farin Urlaub: "Maiko (Kyoto)", 2009, 2010, 90 x 120 cm, Lambda

Herr Urlaub, Ihre Band "Die Ärzte" bezeichnet sich als die beste Band der Welt. Sind sie auch der beste Fotograf der Welt?

Farin Urlaub: Nee, natürlich nicht, das stand ja auch bei den Ärzten in einem ganz anderen Kontext. Als Fotograf versuche ich, mich reinzudrängeln. So von wegen: Ich mache übrigens auch Fotos. Größenwahnsinnig werde ich, wenn ich damit auch noch erfolgreich werde.

Trotzdem haben Sie ihren Bildband "Indien & Bhutan, Unterwegs 1" als die Mutter aller Bildbände bezeichnet.

Ja, aber das war eine Referenz an Saddam Hussein. So gesehen ist es eher lustig, denn die Mutter aller Kriege, die er führen wollte, ist total implodiert. Ich habe mich damit auf das Format meines Bildbands bezogen. Wobei ich den Mohammed-Ali-Bildband habe, und den kann ich gerade so hochheben. Dagegen wirkt mein Buch eher wie ein Taschenbuch.

Warum machen Sie eine Edition mit Lumas?

Ich war in der Lumas-Galerie und habe gedacht: Die Größe würde doch einigen von meinen Bildern auch stehen. Also ein kindlicher Gedanke: Das will ich auch! Dann habe ich Fotos gemacht, bin damit hingegangen, und jetzt gibt es eine kleine Serie.

Aus Ihrer Musik kennt man Sie als frech, witzig, manchmal auch extrem. In Ihren Bildern sind Sie zurückhaltend und poetisch. Warum ist das so?

Bei den Bildern für Lumas wollte ich mich als Fotograf nicht in den Vordergrund spielen. Es ging mir darum, viel Ruhe in ein fremdes Wohnzimmer zu bringen. Aber ich bin dabei, eine neue Serie zu machen, die wagemutiger ist. Ich fange ja auch erst an. Vor vier, fünf Jahren habe ich das erste Mal Gas gegeben, und jetzt lerne ich nachträglich das Handwerk.

Warum sollen die Fotos für Lumas ausgerechnet Ruhe ausstrahlen?

Das ist ein Teil von mir, so, wie ich auch in der Musik gerne mal ein ruhiges Stück zwischen den ganzen Lärm schiebe. In meiner Wohnung ist alles übersichtlich und klar. Diese Bilder passen da gut rein, und ich hoffe, dass sie auch in andere Wohnzimmer passen.

Selbst Kriegsruinen in Beirut stellen sie ästhetisch ansprechend dar. Wo bleibt denn der Hang zum Anderssein, zum Hässlichen?

Das kann ich in der Musik schon genug ausleben. So eindimensional bin ja noch nicht einmal ich, dass ich in allem genau dasselbe sehe. Über die Ästhetik wollte ich das Schreckliche hervorheben, denn genauso fotografiere ich auch ein wunderschönes Gebäude. Aber dieses Haus im Hamas-Viertel von Beirut ist mit Absicht stehengelassen worden und soll als Mahnmal sagen: Leute, vergesst nicht, der Feind steht im Süden! Ich wollte das unbeteiligter darstellen und nicht extra überzeichnen, so nach dem Motto: Oh mein Gott, da findet ja noch Krieg statt!

Was haben denn Ihre Musik und Ihre Bilder gemeinsam?

Dass sie mir Freude bereiten.

Gibt es Parallelen zwischen der Entstehung eines Fotos und der eines Liedes?

Das ist nahezu entgegengesetzt. Bei der Musik ist es so: Ich habe eine Idee im Kopf und mittlerweile das Können, das Know-How und die Geräte, die Idee so umzusetzen, dass sie für alle hörbar ist. Sprich: aus meinem Kopf in fremde Ohren. Wenn ich mit der Kamera durch die Welt laufe, stellt sich das anders dar: Weil ich kein Studiofotograf bin, bin ich nicht der Herr des Bildes. Das Bild existiert schon, und ich muss mich ihm so nähern, dass es hinterher funktioniert. Das reizt mich, weil es eine völlig andere Arbeitsweise und trotzdem kreativ ist.

Wo beginnt Kunst für Sie?

Wenn ich überrascht bin und gleichzeitig Respekt habe vor einer Leistung, dann ist es für mich Kunst. Dieses altmodische Denken: "Kunst kommt von Können" ist zum Teil bestimmt richtig, aber vor allen Dingen kommt für mich Kunst von einer guten Idee.

Würden Sie Ihre Bilder als Kunst bezeichnen?

Nö, das dürfen andere machen. Oder auch nicht. Da steht mir meine Punkrockvergangenheit ein bisschen im Weg. Kunst hat immer so was Hehres, Elfenbeintürmisches. Als Künstler muss man vielleicht von sich selbst behaupten, dass man Kunst macht, um ernst genommen zu werden, aber bei mir sträubt sich da etwas dagegen. Wenn ich von einem anderen Musiker höre, er mache jetzt auch Fotokunst, dann denke ich immer: Ganz schön aufgeblasen.

Im Punk darf man Fehler machen – sind die in Ihren Bildern denn auch erlaubt?

Ich erlaube mir selbst sowieso alles. Ich habe kein Problem damit, richtig heftige Fehler zu machen. Wenn mich das Endergebnis anspricht, dann ist das in Ordnung. Wenn aber alle anderen sagen: "Du bist doch voll doof, das ist total schlecht", hab ich mich vielleicht geirrt. Aber dann kann ich immer noch "Menno!" sagen und aufstampfen.

In welches Genre würden Sie Ihre Bilder einordnen?

Im ersten Bildband war ich enthusiastischer Reisefotograf. Bei den Bildern für Lumas versuche ich den Aufstieg zum Landschaftsfotografen. Wobei, es sind ja eigentlich nur Ausschnitte von Landschaften. Schwer zu sagen. Ich mach mir selbst nicht so Gedanken darum, wie man das nennen könnte, was ich tue.

Gibt es in der Fotografie Vorbilder für Sie?

Mit dem Interesse an Fotografie hat sich der Bildbandanteil in meinem Bücherregal kaninchenartig vermehrt. Mich interessiert, wie andere Leute Aufgabenstellungen gemeistert haben. Ich will jetzt keine klassischen Fotografen nennen, die ich zwar sehr mag, aber davon bin ich noch sehr weit entfernt.

Wie viele Kameras haben sie zu Hause?

Ups. Wahnsinnig viele. Da müsste ich jetzt zählen gehen. Gut, dass ich noch einen anderen Job hab, womit ich den ganzen Scheiß bezahlen kann.

Das Honorar Ihres ersten Bildbandes haben Sie an die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" gespendet – haben Sie das bei Ihrem nächsten auch vor?

Ich bin mir noch nicht sicher, ob das Geld wieder an "Ärzte ohne Grenzen" gehen wird. In dem Land, das im zweiten Bildband auftauchen wird, gibt es Hilfsprojekte vor Ort, die ich ebenfalls unterstützenswert finde. Aber spenden möchte ich auf jeden Fall wieder. Dann kann ich es auch vor mir selbst rechtfertigen, dass ich den Leuten neben der Musik jetzt auch noch mit meinen Fotos auf die Nerven gehe.

"Farin Urlaub: Kuroboshi"

Termin: 24. September bis 2. November, Lumas Berlin - Hackesche Höfe
http://www.lumas.de/index.php?id=560

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