Brucennial 2010 - New York

Kunst-Rebellentum, cleveres Marketing und neuer Spirit

Härter, besser, schneller, stärker: "Miseducation" ist das Motto der alternativen Veranstaltung zur diesjährigen Whitney-Biennale. Das Künstler-Kollektiv Bruce High Quality Foundation hat dazu 300 Künstler nach New York eingeladen.
Kunst-Rebellentum, cleveres Marketing und neuer Spirit:Brucennial in New York

Die einzige eigene Arbeit, die das Künster-Kollektiv zu der Gruppenausstellung beisteuerte: Die verrostete Karosserie des alten Krankenwagen, den die Bruces als Projektionsfläche für ihre Video-Installation bei der Whitney Biennale einsetzen

Sie werkelten bis tief in die Nacht und zum Erstaunen der Organisatoren waren nur drei Opfer zu beklagen. Unter dem Motto "Miseducation" ("falsche Erziehung") hatte das New Yorker Künstler-Kollektiv Bruce High Quality Foundation an die 300 Künstler zu ihrer alternativen Biennale eingeladen. Das Motto ließ absichtlich viel Freiraum und wurde in Anlehnung an die von dem Kollektiv gegründete experimentelle Kunstschule gewählt.

Julian Schnabels Sohn Vito, der natürlich über hervorragende Verbindungen verfügt, übernahm die Organisation. Sammler und Immobilien-König Aby Rosen stellte Räumlichkeiten am West Broadway mitten in New Yorks Shopping-Mekka SoHo zur Verfügung. Erst einen Abend vor der Eröffnung versammelten sich die Künstler mit ihren Werken. Dass bei all dem Bier und dem Chaos nur drei Arbeiten beschädigt wurden und pünktlich alles an den Wänden hing, verbuchten die Bruces schon mal als Erfolg. Und so wurde mit der "Brucennial", die großspurig als Alternativ-Gruppenshow zur diesjährigen Biennale im Whitney Museum angetreten war, eine Kollaboration von Kunst-Rebellentum, cleverem Marketing, neuem Spirit und altem Geld geschaffen.

"We Like America and America Likes Us"

"Hier ist mehr los als im Whitney", meinte Kritiker Jerry Saltz vergnügt. Durch das Erdgeschoss schoben sich die Besucher. So mancher stolperte in Arbeiten, die wie der Rasen mähende Picasso mitten in der Halle installiert waren. Es wurde geraucht, was sonst nicht einmal in New Yorker Clubs gestattet ist. Die Bierdosen stapelten sich rund um und auf der einzigen Arbeit, die von den Jungs der Bruce Foundation beigesteuert wurde. Es handelte sich um das verrostete Fahrgestell des alten Krankenwagen, den sie als Projektionsfläche für ihre Video-Installation "We Like America and America Likes Us" als offizielle Teilnehmer der Whitney Biennale im Museum geparkt hatten. Bereits im Vorwege hatten wohlwollende Meldungen über die Arbeit die Runde gemacht. "Die Jungs wissen auf jeden Fall, was gute PR ist", kommentierte ein New Yorker Kunsthändler.

Die Bruces, wie sie genannt werden, sind Mitte 20 und lernten sich Ende der 90er als Studenten an der Cooper Union kennen, als dort noch Hans Haacke unterrichtete. So ganz sicher sind sich selbst die Künstler im Moment nicht, ob es sich um eine vier oder fünf Mitglieder starke Truppe handelt. "Die Zahl ist fließend", so einer der Jungs. "Uns kommt es darauf an, dass niemand in den Vordergrund gerückt wird, sondern dass wir als Kollektiv agieren." Das Organisieren von Ausstellungen und das Vermitteln von künstlerischen Inhalten nehmen sie gern selbst in die Hand. Doch ansonsten kooperieren die Künstler mit Institutionen, Kuratoren und kommerziellen Galerien. Einige der "Bucennial"-Arbeiten stehen zum Verkauf. Der erst 23-jährige Vito Schnabel, der die Jungs über seine Schwester Lola kennen lernte, hatte bereits mit der Ausstellung und Party "Happy Endings" während der Messe in Miami im W Hotel für einen großen Auftritt gesorgt. Im September ist eine Solo-Ausstellung bei Duve Berlin geplant.

"Weltweit wichtigster Überblick über die zeitgenössische Kunst"

Die New Yorker Eröffnungsparty war selbst den Bruces, die bei der dritten Ausgabe ihrer Gruppenshow mit der Ansage "härter, besser, schneller, stärker" warben, ein wenig zu viel. "Mir gefällt es nicht, dass die Leute draußen auf Einlass warten müssen", meinte das Sprachrohr der Gruppe. Doch Schneesturm, Toilettenkabinen ohne Dach vorm Eingang und lange Schlangen schienen erstaunlich wenige Leute abzuhalten. Darunter Julian Schnabel, der genervt vor der Tür durch den Schnee trabte und schließlich aufgab. Was hinter beschlagenen Scheiben zu sehen war: Neben einem Schnabel und Arbeiten von bekannten Künstlerkollegen wie David Salle, George Condo oder Francesco Clemente hingen bis unter die Raumdecke Werke von jungen, zum Teil unbekannten Namen oder den üblichen New Yorker Hipster-Verdächtigen wie der Fotograf Terry Richardson, der ein Nacktfoto von sich selbst in Pornostar-Pose beigesteuert hatte. Dies sei der "weltweit wichtigste Überblick über die zeitgenössische Kunst" mit Teilnehmern "aus 911 Ländern, die in 666 Disziplinen arbeiten", hatten die Bruces vorab verkündigt. In Anspielung an die Presse-Erklärungen, die Museen gern herausgeben und weil "tief stapeln einfach keinen Spaß macht", so einer der Bruces.

"Brucennial 2010"

Termin: bis 12. April, The Bruce High Quality Foundation, New York
http://www.thebrucehighqualityfoundation.com/Site/home.html