Kunst aus Afrika - Diskussion

Hype um Afrika

Nach dem Goldenen Löwen in Venedig, dem Baloise-Kunstpreis der Art Basel und der Turner-Preis-Nominierung für Lynette Yiadom-Boakye ist Kunst aus Afrika der neue Trend der Kunstwelt. Dabei bräuchte es dringend einen Blick auf die Kunst, bei dem die Herkunft der Künstler nicht mehr im Mittelpunkt steht. Ein Gastbeitrag für art von Yvette Mutumba und Julia Grosse, Initatorinnen des Onlinemagazins "Contemporary And" über Kunst aus afrikanischen Perspektiven.

"Afrika ist die Zukunft", flüsterten sich Biennale-Besucher kurz nach Verkündung des Gewinners Angola in Venedig nervös zu.

Die Zukunft oder eher "the next big thing" nach Hypes um China, Indien oder Südamerika? Wenn man sich in der Kunstwelt umschaut, hat man das Gefühl, dass derzeit jeder ein kleines Stück von dieser "Zukunft" abbekommen möchte.

Zwei Wochen nach Angolas Goldenem Löwen gewann der Südafrikaner Kemang Wa Lehulere den renommierten Baloise-Kunstpreis der Art Basel, kurz davor wurde verkündet, dass die ghanaisch-britische Malerin Lynette Yiadom-Boakye für den Turner-Preis nominiert sei. Die Tate Modern hat ihr "African Art Programme" mit dazugehöriger Ankaufskommission eingerichtet, und in den USA kauften diverse Museen mit Sammlungen klassischer Kunst aus Afrika plötzlich Gegenwartskunst, vom Museum of Fine Arts in Boston bis zum Metropolitan Museum of Art in New York. Auch der Kunstmarkt plant zunehmend mit künstlerischen Positionen Afrikas und der Diaspora. (Ein Künstler wird als "Diaspora-Künstler" wahrgenommen, wenn er auf dem Kontinent aufgewachsen ist und nun im "Westen" lebt.) Das Londoner Auktionshaus Bonhams verzeichnet seit 2010 mit seiner jährlichen "Africa"-Auktion steigende Verkaufsresultate. Im gleichen Jahr erzielte Phillips mit Werken renommierter und neuer Namen einen Gesamterlös von 1 401 038 Dollar.

Innerhalb dieses Hypes soll "Contemporary And" (C&), unser vor Kurzem gegründetes Onlinemagazin für Kunst aus afrikanischen Perspektiven, als langfristiger Entschleuniger wirken. Bei C& werfen wir einen umfassenden Blick auf die Kulturproduktion auf dem Kontinent und in der Diaspora, jenseits von vorgefertigten Meinungen bei der Frage, was "afrikanische Kunst" sei. Die Entscheidung, eine solche Plattform online laufen zu lassen, hat mit dem Ziel zu tun, von jedem gelesen zu werden: von Nairobi bis Nürnberg, von Addis Abeba bis Atlanta. Denn, wenn alle Kunstmessen und Biennalen vorbei sind, soll es Orte wie C& immer noch geben, die von den Künstlern, die auf dem Kontinent und dem Rest der Welt arbeiten, berichten.

Afrika ist also "die Zukunft", doch was ist "afrikanische Kunst" überhaupt? Der Kontinent ist viel zu riesig und komplex, um die gegenwärtige Kunstpraxis auf den griffigen Nenner "Art from Africa" zu bringen: Ein Konzeptkünstler in Johannesburg beschäftigt sich garantiert mit vollkommen anderen Themen als die junge Performancekünstlerin in Addis Abeba oder der renommierte Maler in Dakar. Auch wird das Label "contemporary African art" gern als Trend der Kunstwelt behandelt, fast so, als habe die zeitgenössische Kunst vom Kontinent gerade erst begonnen.

Die wachsende Zahl erfolgreicher unabhängiger Orte für bildende Kunst in Afrika verändert die Kunstszene auf dem gesamten Kontinent gerade nachhaltig. Gab es bis Mitte der neunziger Jahre nur vereinzelte Plattformen und Kunsträume für junge Kunst, wie Espace Doual'art in Kamerun, verändern inzwischen diverse Adressen die Szene: L'appartement 22 in Rabat, Marokko, Nubuke Foundation in Accra, Ghana oder Centre for Contemporary Art (CCA) in Lagos, Nigeria werden immer stärker als Teil des internationalen Kunstbetriebs wahrgenommen. In Accra versammelt Künstler und Kurator Kofi Setordji die Gruppe P.A.I.N.T. um sich und zelebriert die Dynamiken des Künstlergruppen-Daseins. Der New Yorker Künstler Gregory Sholette gibt auf RADIOapartment 22 (R22) in Rabat seine "Twelve Notes on Collectivism" zum Besten. In Johannesburg taucht Samuel L. Jackson in der Kunstszene ab und besucht junge Künstler in ihren Studios. In Lagos sorgte die Gruppenschau "The Progress of Love" für Aufsehen: Künstlerinnen wie Wura-Natasha Ogunji und Zanele Muholi widmeten sich provozierend und mutig dem Thema Liebe innerhalb unser Gesellschaften. Und die relative neue Cécile Fakhoury Gallery in Abidjan verwandelte sich mit Arbeiten von John Akomfrah bis Francis Alÿs kurzzeitig vom White Cube in ein Kino. "Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich wahnsinnig viel getan … Auch dank der Zusammenarbeit der verschiedenen afrikanischen Länder untereinander ist die Szene jetzt beweglicher und lebendiger als je zuvor", sagt die Direktorin des CCA Lagos, Bisi Silva, die im diesjährigen Jurorenteam der Venedig-Biennale saß.

Als Teil der globalen Kunstszene sind Künstler nicht einfach "afrikanisch": Internationale Studienaufenthalte, Residencies und Gemeinschaftsprojekte lassen die geografische Verortung immer stärker in den Hintergrund treten. Ibrahim El-Salahi lebt seit Jahren in Oxford, Meschac Gaba wohnt in Rotterdam und engagiert sich gleichzeitig für die Entwicklung der jungen Kunstszene in Benin. Die Turner-Preis-Nominierte Lynette Yiadom-Boakye ist Londonerin, Venedig-Gewinner Edson Chagas studierte in Wales und wird von einer italienischen Galerie vertreten. Und doch wird ihnen gerne immer noch die Herkunft als ihr Hauptcharakteristikum zugeschrieben: "Dieser Künstler ist afrikanisch und …". Plattformen wie C& wollen genau die andere Perspektive etablieren. Denn in erster Linie sind all diese internationalen Künstler "contemporary & ...", also "zeitgenössisch und ..." – wie jeder andere Künstler im globalen Kunstzirkus auch.

C&

Contemporary And (C&) ist eine neue Plattform für internationale Kunst aus afrikanischen Perspektiven. C& ist ein Projekt des Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und wird gefördert aus der "Aktion Afrika" des Auswärtigen Amts. Julia Grosse ist Mitinitiatorin und Chefredakteurin von C&. Yvette Mutumba ist Kuratorin am Weltkulturen-Museum in Frankfurt am Main und Mitinitiatorin von C&.
http://www.contemporaryand.com