Kopfkino - Dresden

Comics gehören in die Galerie

Das Dresdner Kunsthaus beweist, dass Comics in einer Galerie für Gegenwartskunst kein Widerspruch sind: Die Ausstellung "Kopfkino", kuratiert von Susanne Weiß, präsentiert facettenreiche Positionen der zeitgenössischen Comicszene – autobiografische und experimentelle, formalistische und epische, gnadenlos komische und auch traurige. art sprach mit der Hamburger Comiczeichnerin Claire Lenkova über den deutschen Comic, die Begegnung mit Jonathan Meese und ihre inspirierende Vergangenheit bei den Zeugen Jehovas
Peng, bumm, ächz:Claire Lenkova über Getreide, Kunst und Comics

"Jonathan Meese sah mich, hob die Arme und rief: 'Getreide, Getreide!' Dieses Erlebnis musste ich in einem Comic verarbeiten." Claire Lenkova über ihre Comicgeschichte "Der Weg zum Paradies", zu sehen in der Kunsthalle Dresden

art: Sie bezeichnen sich selbst als Künstlerin, Comiczeichnerin und Illustratorin – wo liegen die Unterschiede?

Claire Lenkova: In der Kunst mache ich meine freien Arbeiten, als Illustratorin bekomme ich mehr oder weniger genau definierte Aufträge. Und als Comiczeichnerin arbeite ich dazwischen: Ich erzähle die Geschichten, die ich erzählen will, bekomme aber manchmal von Zeitungen ein Thema vorgegeben, innerhalb dessen ich dann sehr frei arbeiten kann. Für "Die Zeit" habe ich so ein Comic zum Thema "deutscher Humor" gestaltet.

Welches ist Ihr liebstes Gebiet?

Ich schlüpfe mal in diese und mal in jene Rolle. Ich mache alles sehr gerne. Und es gehört ja auch alles zusammen. Wenn ich mein Katalogisierungsprojekt "Herrenzimmer und Damensalon" ausstelle, dann gehören meine Bildergeschichten und das Buch "Alle meine Freunde" (Antje Kunstmann Verlag) auch dazu. Vielleicht nicht gerade die Auftragsillustration, bei der ich ein Familiengrab zeichnen musste. Das ist dann wirklich nur fürs Geld – und Handwerk. Das ist weder Kunst noch Comic.

Kurzes Kommentar zur Lage: Wie geht es dem Comic in Deutschland?

Ich mache mir da nicht viele Gedanken. Das klingt jetzt vielleicht naiv, aber ich möchte ganz gerne unbeeinflusst bleiben. Natürlich wäre es schön, wenn man irgendwann wie in Frankreich vom Comiczeichnen leben könnte. In Deutschland können das nur sehr wenige und soweit ich weiß, leben sie davon nicht besonders gut. Die Verlage, die Comics jenseits hoher Auflagen verlegen, sind nur Reprodukt, Edition Moderne und Avant. Ich finde es auch sehr schade, dass es keine Stipendien für Comiczeichner gibt. Wenn man sich für eine Autorenförderung bewirbt, aber man in Bildern schreibt, dann wird man sofort aussortiert. Und wenn man sich für ein Kunststipendium bewirbt, hat man auch keine Chance. Weil Comics eben nicht wirklich als Kunst wahrgenommen werden. Das können sie aber – vor allem, wenn sie Teil eines umfassenden Projekts sind, wie zum Beispiel der Teil einer Installation. Die Dresdner Ausstellung "Kopfkino" zeigt Comics und Dinge, die in ihrem Umfeld entstanden sind. Und diese Ausstellung ist in keinem muffigen Kunstraum, sondern im Dresdner Kunsthaus, der Galerie für zeitgenössige Kunst. Dahin gehören sie! Und so professionell sollten sie künftig öfters präsentiert werden, denn die neuen Comics bewegen sich jenseits von Superhelden und Spaßcomics – sie sind anspruchsvoll, experimentell, ohne ihren Humor verloren zu haben.

"Meese sah mich, hob die Arme und rief: 'Getreide, Getreide!'"

Zu Ihrem Lebenslauf: Wie haben Sie angefangen?

Ich kann mich nicht an einen konkreten Punkt erinnern, an dem ich anfing zu zeichnen. Als ich schreiben konnte, habe ich Märchen geschrieben und diese dann auch illustriert. Kurz darauf habe ich angefangen, Bildergeschichten zu zeichnen. Mit den Mitteln, die mir zur Verfügung standen: Papier, Bleistift und halbleere Filzstifte. Ich bin in der DDR aufgewachsen, und meine Eltern waren Zeugen Jehovas, die dort als Staatsfeinde galten. Deshalb hatte ich schon in der Schule Nachteile – und konnte nicht wirklich gefördert werden. Meine Eltern sind dann Ende der achtziger Jahre aus Glaubensgründen ausgereist, ich bin in Bayern weiter zur Schule gegangen – und wurde nach dem Abitur glücklicherweise sofort in Hamburg an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften, für das Fach Illustration, angenommen.

Klingt nach viel Stoff für interessante Geschichten.

Ja. Und ich bin auch ganz froh, dass ich eine recht außergewöhnliche Lebensgeschichte habe. Da muss ich mir dann weniger ausdenken.

In Dresden stellen Sie nun Ihre Diplomarbeit "Grenzgebiete – anders als geplant" aus. Um was geht es?

Das sind meine eigenen Erlebnisse und fiktionale Elemente, eingebettet in die deutsch-deutsche Geschichte. Ich glaube, Comics sind eine schöne Möglichkeit, das Interesse an solchen historischen Dinge zu wecken. Ich mag es, wenn man bedrückende oder ernste Geschehnisse mit Humor erzählt.

Und wie kam Jonathan Meese in Ihre Geschichte?

Ich finde seine Arbeiten toll, besonders die Skulpturen und die Installationen. Seine Arbeiten sind so kraftvoll, witzig und pubertär. Und Pubertät ist auch eines meiner Themen. Ich war bei seiner Ausstellung in Ahrensburg und hatte damals noch richtig lange Haare, die bis zum Knie gingen. Dort hatte ich meinen Zopf um den Kopf gewickelt. Meese sah mich, hob die Arme und rief laut aus: "Getreide, Getreide!" Das war für mich ganz logisch, denn meine Frisur sah wirklich wie eine Ähre aus. Dieses Erlebnis hat mich so verfolgt, dass ich es in einem Comic verarbeiten musste. In meiner Geschichte "Der Weg zum Paradies" finde ich zum Garten Eden, und als Erstes kommt mir Meese entgegengeschwebt. Mir wird Vollkommenheit gegeben, ich kann fliegen und tauchen ohne Sauerstoffmaske – und wir erleben einiges zusammen. Aber immer wieder funkt Gott dazwischen – und Gott ist seine Mutter. Sie sagt dann den Bibelspruch: "Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde!" Wir schauen uns an, fragen uns: Wollen wir das wirklich? Und kommen zum Entschluss: Nein, wollen wir nicht. Und dann gehe ich wieder zurück nach Hamburg. Nicht mal der Garten Eden ist das Paradies. Das ist das Ende.

Wie hat Meese auf diese Ehre reagiert?

Er stellt ja gerade im Hamburger Helmsmuseum aus, wo ich als archäologische Zeichnerin arbeite. Da habe ich mir ein Herz genommen und ihm unser "Spring-Heft #4", die Comic-Anthologie, in der die Geschichte abgedruckt ist, geschenkt. Und er hat sich wirklich sehr darüber gefreut. Allerdings wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass seine Mutter in der Geschichte nicht so gut wegkommt.

"Für mich war das Zeichnen am wichtigsten"

Welche Eigenschaften muss ein guter Comiczeichner mitbringen?

Die Fähigkeit zu zeichnen reicht nicht aus. Viele haben ja Fantasie und können auch gestalten. Aber aus ihnen wird kein Künstler oder Comiczeichner, sondern vielleicht ein Illustrator, Grafiker oder Druckvorlagenhersteller. Man muss den unbedingten Willen, sich auszudrücken, mitbringen. Den Willen, der einen alle Schwierigkeiten überwinden und auch das Risiko einer so unsichereren Zukunft eingehen lässt. Denn man weiß ja nicht, ob man mit seinen Sachen jemals so erfolgreich sein wird, dass man davon leben kann. Es kann ja auch sein, dass man jahrelang umsonst Energie und Kraft investiert. Wenn dieser Wille nicht da ist, würde man irgendeinen sicheren Beruf ergreifen – und das als Hobby machen. Und dann wäre man eben ein Hobbymaler, der ab und zu seine Aquarelle in der Sparkasse ausstellt. Außerdem muss man Rückschläge verkraften können, und sollte ein realistisches Bild von seinen Fähigkeiten haben. Man muss sich immer wieder überprüfen und sich mit anderen Kreativen austauschen. Und man muss aufpassen, dass man nicht weltfremd wird, dass man sich nicht verkriecht.

Wie haben Ihre Eltern auf den Entschluss reagiert, Illustration zu studieren?

Ich habe schon als Kind immer gesagt: Ich bin eine Künstlerin. Das war natürlich ganz schlimm, dieses verzweifelte Abgrenzungsverhalten, so etwas sollte man niemals machen. Da wird man dann ja erst recht nicht ernst genommen. Alle hauen auf einen ein, wenn man so etwas sagt. "Mach was Vernüftiges, heirate, bekomme Kinder", wurde mir gesagt. Meine Mutter wollte, dass ich glücklich werde, was für sie bedeutete, dass ich ein christliches Leben führe. Ihr Ideal ist die Familie, die heile Welt.

Sind Sie noch immer bei den Zeugen Jehovas?

Nein, ich habe mich schon zu Abiturzeiten davon losgesagt. Für die Zeugen Jehovas ist das größte Ziel, Gott zu dienen, für mich war eben das Zeichnen am wichtigsten. Und beides ließ sich nicht vereinbaren.

Wie man an dem ehemaligen Zeugen Jehova Oliver Pocher sieht, scheint darin ja ein großes parodistisches Potenzial zu liegen.

Ja, es war eine gute Schule. Wenn man mit seinen Comics zu Verlagen geht und dort abgewiesen wird, dann nimmt man das nicht so schwer, weil man es ja als Zeuge Jehovas schon gewohnt ist, von allen immer abgelehnt zu werden.

Mehr von Claire Lenkova in verschiedenen Anthologien, vor allem in "Spring", einem Sammelband, der seit 2004 neben "Orang" in Hamburg erscheint und Arbeiten zwischen Kunst und Comic bündelt. Außerdem erscheint im Frühjahr die französisch-deutsche Anthologie "pommes d'amour" und ihr Buch "Alle meine Freunde".

"Kopfkino"

Termin: bis 20. April, Kunsthaus Dresden, Städtische Galerie für Gegenwartskunst. Katalog: Verbrecher Verlag, 12 Euro
http://www.kunsthausdresden.de/