Schätzchen - Künstlerbücher

Der Reiz gestapelter Kochtöpfe

Nichts verleiht einem Raum mehr Wärme als eine Wand voller Bücher. In der Serie "Schätzchen" zieht art die schönsten Künstlerbücher aus den Regalen. Diesmal: Den Fotoklassiker "Die Welt ist schön" von Albert Renger-Patzsch
Neue Online-Serie:Diesmal der Fotoklassiker "Die Welt ist schön"

Albert Renger Patzsch: "Die Welt ist schön", hier die Harenberg-Ausgabe von 1992, ein Nachdruck der Ausgabe aus dem Einhorn Verlag von 1928

"Schon schön", murmelt der junge, fotobegeisterte Kollege und blättert andächtig durch das Büchlein von Albert Renger–Patzsch (1897 bis 1966). Unglaublich, in welch verschiedensten Grautönen ein schlichtes Stoffstück schimmern wie spielerisch, heiter eine Isolatorenkette wirken, wie schwungvoll, fast abstrakt ein Treppenaufgang aussehen kann.

Der kleinformatige, 1928 im Kurt Wolff Verlag erstmals erschienene Fotoband "Die Welt ist schön" fesselt und fasziniert Betrachter bis heute. Das asketisch aufgemachte Buch mit den hundert Schwarzweißaufnahmen, das nach dem Willen des Fotografen den schlichten Titel "Die Dinge" tragen sollte und wohl nur auf Drängen des Verlegers unbenannt wurde, gilt als "Bibel fotografischer Ästhetik". Sachlich, mit technischer Präzision, ungewöhnlich scharfem Blick für Details und dem Mut zur Abstraktion hat Renger-Patzsch Pflanzen, Tiere, Menschen, Architekturen, Landschaften und Gegenstände ins Bild gesetzt. – Zugeben inhaltlich ein Sammelsurium, formal aber ein Manifest der Neuen Sachlichkeit.

Denn dieser Fotograf aus Würzburg, der 1929 das Folkwang-Bildarchiv in Hagen leitete und in den dreißiger Jahren an der Folkwangschule in Essen unterrichtete, wollte von "Kunstfotografie" nichts wissen, stimmungsvolle Kompositionen, idealisierende Inszenierungen, waren ihm Greuel. "Überlassen wir die Kunst den Künstlern", so lautete seine Forderung. "In der Fotografie soll man vom Wesen des Gegenstandes ausgehen, mit rein fotografischen Mitteln versuchen diese darzustellen, ganz gleich ob es ein Mensch, eine Landschaft, eine Architektur oder sonst etwas ist."

Wie ein Chirurg mit scharfem Skalpell so löst Renger-Patzsch viele seiner Sujets aus ihrem Zusammenhang heraus, gibt sie im knappen Ausschnitt wieder. Der Blick des Betrachters wird so auf Oberfläche, Struktur und Form gelenkt. Und da offenbaren gerade Motive, die bis dato nicht als bildwürdig angesehen wurden, einen besonderen Reiz: Dampfmaschinen und Schornsteine faszinieren durch dynamische Linien, gestapelte Kochtöpfe vollbringen elegante Schwünge, Dachpfannen und Bügeleisen bilden feinste Ornamente.

Sicher – Bauhaus-Lehrer Lazlo Moholy-Nagy hat etwa zur selben Zeit die gewagteren Foto-Experimente durchgeführt und Alexander Rodtschenko die radikaleren Aufnahmen gemacht, doch Albert Renger-Patzschs beste Bilder sind – trotz betonter Sachlichkeit – Augenschmaus pur: wohlüberlegt der Ausschnitt, brillant die Grauabstufungen, fein die Oberflächenstrukturen, so zeigt uns dieser Fotograf die Welt – "schon schön".

"Die Welt ist schön"

von Albert Renger-Patzsch, Erstausgabe Kurt Wolff Verlag 1928, Nachdruck 1992 Harenberg Edition; Broschiert: 216 Seiten, im Antiquariat ab ca. 70 Euro erhältlich

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