Marco Evaristti - The Last Fashion

Schöner sterben

Der dänisch-chilenische Künstler Marco Evaristti hat Mode für Todgeweihte entworfen. Seine Kleiderkollektion "The Last Fashion" sollen zum Tode verurteilte Straftäter in den USA bald kaufen können. Einmal mehr will ein Europäer auf die Missstände in den USA aufmerksam machen. Zynisch oder einfach nur naiv? Zeitgleich zur Kopenhagener Modemesse präsentierte Evaristti seine Entwürfe im neuen Schauspielhaus der dänischen Hauptstadt. art-Korrespondent Clemens Bomsdorf war bei der Modenschau dabei.
Schöner sterben:Evaristti hat Mode für zum Tode Verurteilte entworfen

"Wenn wir diese Menschen schon umbringen, dann lasst es uns doch mit Stil tun", heißt es im Katalogtext.

Es ist, wie es bei einer Modeschau sein muss: Zur Präsentation der Kollektion "The Last Fashion" werden nur geladene Gäste ins Kopenhagener Schauspielhaus gelassen, und natürlich werden selbst diese in Segmente unterschiedlicher Wichtigkeit unterteilt. Wer einen Sitzplatz zugewiesen bekommt, darf sich wichtiger fühlen als jene, die stehen; wer dann noch in eine der ersten Reihen verwiesen wird, erklimmt noch eine Stufe, und bekommt sogar ein Willkommensgeschenk: eine braune Papiertüte, in der sich neben dem Katalog rosa Minihandschellen und ein bronzefarbener Schlüsselanhänger in Form einer Spritze befinden.

Der dänisch-chilenische Künstler Marco Evaristti hat gemeinsam mit der Modedesignerin Victoria Ladefoged eine Kleiderkollektion entworfen, die in den USA zum Tode Verurteilte am Tage ihrer Hinrichtung tragen sollen. Die Präsentation dieser Entwürfe legte der Künstler, der sich so gut auf Inszenierung versteht, auf den letzten Abend der Kopenhagener Modemesse CIFF. Die Amerikanerin Paris Hilton, die in der dänischen Hauptstadt für ihre neue Taschenkollektion geworben hatte, war am Vorabend abgereist. Der richtige Zeitpunkt also, um gegen die USA zu wettern.

Am Abend der Show verliert Evaristti keine großen Worte gegen die Todesstrafe, stattdessen lässt er die Mode sprechen. Die Bühne des erst kürzlich eröffneten Schauspielhauses ist spärlich bestückt, lediglich vier mehrere Meter hohe Wände aus Gitterstrukturen stehen dort. Der Saal ist gefüllt, mehrere hundert Zuschauer – Künstler, Sammler, Kritiker, Vertreter der Modebranche und andere – blicken auf den Laufsteg. So wie Zeugen die eine Hinrichtung verfolgen.

Dröhnend laute Musik setzt ein, und nach und nach kommen in den nächsten 45 Minuten die rund 15 Models, gekleidet in "The Last Fashion" auf den Laufsteg. Pink ist die dominierende Farbe, die Lippen der Models sind ebenfalls farbig geschminkt. Eine Frau trägt einen Overall in dieser so süßlichen Farbe, an Arm und Bein weiße Binden. Als sie dichter kommt, ist zu erkennen, dass die Binden paarweise mit einer dünnen Metallkette verbunden sind – die Hand- und Fußfesseln als modisches Accessoire. Wenig später schreitet ein Mann auf die Bühne, das Pink ist bei ihm von grauen Streifen durchbrochen, andere haben wie die Panzerknacker Nummern auf der Kleidung stehen – der Hinweis auf Sträflingskleidung ist nicht zu übersehen.

"Nett gemeint, aber bewirken wird es nichts"

"Diese Details. Das ist wirklich raffiniert gemacht", flüstert die Sitznachbarin. Dabei gehen in der aufwendig inszenierten Show viele Details unter. Wie so oft hilft erst der Katalog weiter: Einige der Models haben in ihre Kleider Dysfunktionalitäten eingebaut. Taschen etwa, die nur nach unten offen sind. Die Kleider sind außerdem, wie bei Haute Couture üblich, so kompliziert aufgebaut, dass beim An- und Ausziehen Hilfe benötigt wird. Da die Modelle von "The Last Fashion" für den Hinrichtungstag zum Tode Verurteilter gemacht wurden, erübrigt sich das Ausziehen der Kleidungsstücke aber ohnehin und Habseligkeiten in den Taschen erscheinen sinnlos.

Evaristti wurde international im Jahr 2000 bekannt. Damals stellte er mit Wasser gefüllte Mixer aus, in denen Goldfische schwammen. Der Besucher hatte die Möglichkeit die Mixer anzuschalten und die Fische zu töten – oder er konnte sich das Werk einfach nur betrachten. In seinem neuesten Projekt beschäftigt sich Evaristti also wieder mit dem vermeidbaren Tod. "Wenn wir diese Menschen schon umbringen, dann lasst es uns doch mit Stil tun", heißt es im Katalogtext. Evaristti will die Perversität eines Systems aufzeigen, das als höchste Strafe dem Verurteilten das Leben nimmt. Statt lediglich ein weiteres unter den zahllosen Pamphleten gegen die Todesstrafe in den USA zu schreiben, tut Evaristti auf der Bühne so, als würde er die Bedingungen akzeptieren und den Tod nur schöner machen wollen, indem er es den Gefangenen ermöglicht, in stilvoller Kleidung zu sterben. Zynisch? "Naiv ist das", sagt nach der Vorstellung eine junge gebürtige Dänin, die seit 18 Jahren in den USA lebt. "Wir Europäer sind gegen die Todesstrafe, aber auch so ein Kunstprojekt wird in den USA niemanden kümmern. Das ist wie wenn in Europa jemand mit einem T-Shirt mit der Aufschrift 'Obama for president' herumläuft – nett gemeint, aber bewirken wird es nichts." Die Kleider aber seien schön, sagt sie noch, und Pink sei auch auf den anderen Schauen der Modemesse viel aufgetaucht.

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