Monet - Frankfurt

Die Geburt einer Epoche

Fast fünf Jahre arbeitete das Frankfurter Städel-Museum an der großen Schau "Monet und die Geburt des Impressionismus", die heute eröffnet. Im art-Interview erklärt Kurator Felix Krämer, warum Claude Monets Werk nicht nur schön, sondern auch voller Gesellschaftskritik ist und warum ein zentrales Werk einst eine waschechte Provokation war.
Claude Monet "Das Mittagessen"

Claude Monet: "Das Mittagessen", 1868

Herr Krämer, der Ausstellungstitel lautet "Monet und die Geburt des Impressionismus". Eine Geburt ist ja ein relativ kurzes Ereignis mit einem spektakulären Ergebnis. Gibt es das eine, allererste impressionistische Bild?

Ja, das ist Claude Monets "La Grenouillère". Natürlich ist die Entstehung des Impressionismus ein längerer Prozess, aber ich glaube, dass man den entscheidenden Schritt zwischen zwei Monet-Werken ansiedeln kann: dem "Mittagessen" von 1868/69, das sich im Besitz des Städel-Museums befindet, und "La Grenouillère" von 1869.

Können Sie das erklären?

Monet ist damals zweigleisig gefahren. Einerseits malte er seit Jahren kleinformatige Landschaften und Seestücke. Andererseits hat er auf das Vorbild Édouard Manet reagiert. Dieser galt damals als das große Talent der Avantgarde, an ihm haben sich die jungen Künstler orientiert, auch wenn er nur ein paar Jahre älter war. Zum Beispiel malte Monet genau wie Manet ein Frühstück im Grünen, und als Manet 1867 an einer Ansicht von Paris arbeitete, tat Monet das auch. Mit dem frühen "Mittagessen" reagierte Monet auf Manets Gemälde "Der Balkon" und versuchte, ihm Paroli zu bieten. 1870 reichte Monet zusammen mit dem "Mittagessen" auch eine heute verschollene Version der Grenouillère beim Pariser Salon ein – ein Werk, in dem er die Landschaftsmalerei zugleich fortgeführt und radikalisiert hat. In diesem Bild kann man wunderbar sehen, wie sich Monet von einer deskriptiven Naturschilderung löst – in der Reflektion des Wassers, das mit parallel waagerechten Pinselstrichen ausgeführt ist, so dass sich im Zentrum der Darstellung ein abstraktes Farbspiel vor uns ausbreitet. Das ist die neue, vorher nicht dagewesene Richtung, die Monet in den nächsten Jahren weiterentwickelt.

Beide Bilder wurden damals vom Salon abgelehnt. Jetzt hängen sie nebeneinander im Zentrum der Ausstellung in Frankfurt. Wie kam es zu der Schau?

Der Ausgangspunkt der Ausstellung ist, dass wir im Städel-Museum eine kleine, aber sehr hochkarätige Sammlung früher impressionistischer Werke und einige ihrer Vorläufer haben. Den Anfang dieser Sammlung markierte Alfred Sisleys Seine-Ufer im Herbst, das bereits 1899 in das Museum kam. In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wurden dann gezielt weitere Arbeiten der wichtigsten Impressionisten erworben. Bei fast allen dieser Gemälde handelt es sich um Werke aus den ersten Jahren des Impressionismus. Insofern lag es nahe, diesen Fokus für die Ausstellung zu wählen. Neben der langen, fast fünfjährigen Vorbereitungszeit der Ausstellung hat auch das Jubiläum, 200 Jahre Städel, geholfen, ausgesprochen wichtige Leihgaben zu akquirieren, die sonst für Ausstellungen kaum zur Verfügung stehen.

Welches ist Ihr Lieblingsbild in der Ausstellung?

Auch wenn es vielleicht komisch klingt, aber es ist tatsächlich unser Mittagessen, mit dem ich mich ausführlich beschäftigt habe und das den Impuls zu der Ausstellung gab. Für die Kunstgeschichte ist es ein zentrales Bild. Es war das größte Format, das 1874 in der ersten Impressionisten-Ausstellung gezeigt wurde – und das, obwohl es damals bereits fünf Jahre alt war. In der Literatur wird es gerne als heitere Familienszene beschrieben, aber so einfach ist es nicht. Es ist ein Bild, das sehr zum Nachdenken anregt. Bis dahin gab es kein privates Interieur in einem vergleichbaren Format. Wir nehmen es heute einfach so hin, aber dahinter steckt eine hochgradige Provokation. Monet war zu diesem Zeitpunkt nicht verheiratet, das abgebildete Kind – sein eigenes – war unehelich. So zu malen, das ist pure Gesellschaftskritik – etwas, das man bei Monet nicht unbedingt erwartet. Das Mittagessen war zudem einer der zentralen Gründe, warum die Impressionismus-Ausstellungen ins Leben gerufen wurden. Nach der Ablehnung des Gemäldes durch den Salon hat sich der Künstler von der Figurenmalerei verabschiedet und seinen Fokus ganz auf die Landschaftsmalerei und das Malen im Freien gelegt.

Die Impressionisten haben die Freiluftmalerei aber nicht erfunden.

Nein, sie hatten zahlreiche Vorbilder, die wir im "Prolog" der Ausstellung zeigen: Camille Corot, Charles-François Daubigny, Johan Barthold Jongkind oder Eugène Boudin, der Monet bereits als Teenager unterrichtete und stark beeinflusst hat. Diese Maler haben – mit Ausnahme von Daubigny – allerdings nur ihre Studien draußen gemacht und ihre Bilder im Atelier fertig komponiert. Die Impressionisten hatten ein anderes Interesse: Sie wollten das, was sie draußen sehen, in ihren Gemälden festhalten.

Den Augenblick?

Ja, wobei man nicht so naiv sein sollte, zu glauben, diese Bilder seien eins zu eins Umsetzungen des unmittelbaren Eindrucks. Ölmalerei ist immer langsam, die Fotografie hatte da einen Riesenvorteil. Mit der Zeit änderte sich auch der Fokus: Rückblickend sagte Monet über seine zwischen 1892 und 1894 entstandenen Kathedralen-Bilder, dass es nicht in erster Linie darum ging, die unmittelbare Stimmung festzuhalten. Ob die Bilder draußen entstanden seien, habe niemanden zu interessieren. Er sagte: "Das Resultat ist alles."

Aber es gibt doch zahlreiche Erzählungen, die beschreiben, wie Monet Wind und Wetter trotzend in der freien Natur um Bilder ringt.

Ja. Wenn man sich die Gemälde genauer ansieht, erkennt man aber, dass sie alle "gebaut" sind. Was allerdings nicht bedeutet, dass sie nicht vor Ort entstanden sind.

Wo ist dann der entscheidende Unterschied zu den Vorläufern?

Während die Vorläufer ihre Bilder komplett durchkomponiert haben, wird bei den Impressionisten der Ausschnitt wichtig. Das, was für bildwürdig erachtet wird, verändert sich. Ganz viel spricht dafür, dass die Figuren darin bewusst platziert wurden. Oft liegt der Horizont auf der Höhe des Goldenen Schnitts, so dass diese Bilder ausgewogene, harmonische Kompositionen sind. Nichts stört den Gesamteindruck. Bis heute macht den Reiz dieser Werke aus, dass sie harmonisch auf unser Auge wirken.






Das komplette Interview mit Felix Krämer über Monet und die Ausstellung lesen Sie im aktuellen art-Spezial "Impressionismus", das ab sofort im Städel-Museum und ab Freitag am Kiosk und in unserem Online-Shop zu kaufen ist.

Monet – Die Geburt des Impressionismus

Die Ausstellung läuft noch bis 21. Juni 2015, Städel-Museum, Frankfurt.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Prestel Verlag für 39,90, im Buchhandel 49,95 Euro.

Das art-Spezial "Impressionismus", ist im Städel-Museum und ab Freitag am Kiosk und in unserem Online-Shop erhältlich und kostet 14,80 Euro.

http://www.staedelmuseum.de/de/ausstellungen/monet-und-die-geburt-des-impressionismus