Hermann Nitsch - Interview

Ich kämpfe mein ganzes Leben um die Intensität

Die Kunsthalle Krems zeigt im Oktober eine große Ausstellung zum Rauschhaften. Auch Hermann Nitsch, der Großmeister der dionysischen Inszenierungen, ist vertreten. art sprach mit Nitsch über die Intensität in der Kunst und zeitgenössische Happenings.
"Ich kämpfe mein ganzes Leben um die Intensität":Interview mit Hermann Nitsch

Hermann Nitsch: Aktionsfoto, 122. Aktion am 19. November 2005 im Wiener Burgtheater

Herr Nitsch, die große Zeit der Happenings scheint vorbei zu sein. Ist das Happening tot?

Hermann Nitsch: Tot? Nein. Man hat sich auch gefragt: Ist der Impressionismus tot, ist der Expressionismus tot, ist die gegenständliche Kunst tot oder ist die abstrakte Kunst tot. Die Hochrenaissance hat sich sehr schnell in den Manierismus gedreht, innerhalb von Jahrzehnten. Monet war ein wunderbarer Maler und ist dann von der Kunstgeschichte eingeholt worden, von den Expressionisten, später von den Kubisten und den Suprematisten. Und hier bringt Monet den Impressionismus bei seinen Seerosenbildern zur Konsequenz und überholt damit plötzlich alle anderen, landet beinahe bei der informellen Malerei.

Und so ist es dann immer: Eine Richtung wird in den Kunstbetrieb integriert und es entsteht etwas Anderes daraus. Die informelle Malerei hat sich bereits sehr mit der konkreten Farbmaterie, mit der Farbsubstanz beschäftigt. Es ging nicht mehr so sehr darum, mit der Farbe etwas darzustellen, sondern die Maler haben damit geschmiert, gekritzelt und geschüttet. Also die Farbsubstanz, die Materie war wichtig. Die Konkretheit der Farbe. Einen Schritt weiter ist die internationale Happeningbewegung gegangen; dass man eben nichts mehr gespielt hat, kein Theater mehr gespielt hat. Niemand war mehr König Lear, niemand war die Penthesilea oder Faust, sondern es wurden reale Geschehnisse inszeniert. Und das ist in der Geschichte der Kunst unheimlich wesentlich: dass nicht mehr eine Sache nachgebildet wird, wie im klassischen Theater, sondern Geschehnisse, die über alle fünf Sinne erfahrbar sind, inszeniert werden. Das ist der Ansatz aller Performancekunst.

Und gibt es diese Performancekunst heute überhaupt noch?

Mir ist das eigentlich wurscht, denn mir ist die Entwicklung meiner eigenen Arbeit wichtig. Aber wenn Sie wissen wollen, was aus dem Happening geworden ist: Regietheater zum Beispiel. Diese Mode, dass überall Blut auf den Bühnen ist, Gedärme und so weiter, das hat alles das Happening angezündet. Diese Herren bestehlen uns ja schamlos, machen ganz kleine, dumme Skandale und erwähnen in keinster Weise, wo das herkommt. Und dann hat das Happening einen Exponenten wie mich hervorgebracht, der sein Happeningtheater zu einem riesigen Fest der Menschheit ausbaut.

Beim Happening ist ein zentraler Bestandteil die Intensität des Moments, die beim Teilnehmer einen Denkprozess auslöst. Oft wird sie durch das Mittel des Schocks herbeigeführt.

Es geht um das sinnliche Empfinden. Nicht nur Freude, Wolllust und gemütliche Ästhetik haben das zu bieten, sondern das sinnliche Empfinden geht bis tief ins Destruktive. Es ist eine Tatsache des sinnlichen oder dionysischen Empfindens, dass es nahe an die Schmerzgrenze geht und diese Grenze auch erreichen kann. Denken Sie an die griechische Tragödie oder an die christlichen Passionen, wo das Leid eine große Rolle spielt. Dieses Tragische ist das ergreifendste Moment dieser künstlerischen Äußerung.

Bei Ihnen geht die Intensität der Happenings ins Dionysische. Wo aber sind, abgesehen von Ihrem, diese im positiven Sinn erschütternden Kunstaktionen geblieben?

Ich kämpfe mein ganzes Leben um die Intensität. Die Intensität ist das Wichtigste, nicht einmal die Kunstrichtung. Ich bin drum und dran, meine Arbeit immer mehr zu verwirklichen. In meinem Fall veranschaulicht sich das Dionysische gewaltig. Jetzt bin ich 72 Jahre alt und bin immer noch damit beschäftigt, diese Idee zu realisieren. Das amerikanische Happening dagegen war mir zu flüchtig. Sehen wir uns mal die Mode an. Ich war sehr befreundet mit Allan Kaprow, mit Nam June Paik, mit Charlotte Moorman. Ich aber wollte das Happening eigentlich immer klassisch machen und habe es von Anfang an auf die griechische Tragödie bezogen. Ich bin mir vorgekommen wie Cézanne, der immer gesagt hat, er möchte den Impressionismus klassisch machen. Der gegenwärtige Kunstbetrieb ist mir viel zu oberflächlich. Er ist bestenfalls eine Hochebene, aber kein Hochgebirge. Was in den Kunstheften steht ist dermaßen fad und öd. Damit will ich nichts zu tun haben.

Es gibt allerdings viele junge Happeningkünstler, die sich zwar nicht so nennen, aber sehr intensive Situationen schaffen. Leider hört man wenig von ihnen oder muss sogar gezielt nach ihnen suchen.

Dann müssen sie solange weitermachen, bis sie sich durchsetzen. Das Problem hatten ja auch die Fluxuskünstler in den Sechzigern. Der Kunstmarkt war nicht dahinter und ist es auch heute nicht. Es ist nach wie vor so, dass wenn Künstler diesen Weg gehen, sich die Medien ihrer nicht annehmen. Wohl weil man damit kein Geld machen kann.

Würden Sie sich ihrer jungen, unbekannten Kollegen annehmen?

Ein Künstler ist sehr introvertiert und mit seiner eigenen Sache beschäftigt. Ich glaube, das soll und muss so sein. Ich war lange in Frankfurt Professor, habe mich viel mit anderen beschäftigt. Jetzt will ich mich lieber auf meine eigene Sache konzentrieren. Ich bin auch noch bei allen Aktionen selbst dabei, das lasse ich mir nicht nehmen.

Ihnen wurden bereits zwei Museen gewidmet. Im Gegensatz zu Wolf Vostell etwa, der nicht mehr lebt, können Sie sich zur Frage der Ausstellbarkeit ihrer Happenings äußern.

Am wichtigsten ist immer die Aktion, und die kann auch nicht durch Dokumentation ersetzt werden. Aber bei mir gibt es neben der Aleatorik ja strenge Partituren, wo die Eindrucksfelder aller fünf Sinne strukturell festgehalten werden. Wenn jemand was zu meiner Arbeit wissen will, kann er die Partitur studieren. Das heißt, dass wenn die Menschheit in 2000 Jahren noch existiert, meine Sachen genauso wiederaufgeführt werden können. Die griechischen Tragödien kann man leider Gottes nicht genauso aufführen, weil man etwa über die Musik wenig Bescheid weiß. Ich will, dass meine Aktionen nichts Flüchtiges sind, sondern dass man sie ewig aufführen kann.

Wünschen Sie sich einen neuen Geist für ihre Happenings, wenn die nach einer gewissen Zeit wieder inszeniert werden, wie etwa Allan Kaprow’s "Yard"?

Naja, zumindest keinen neuen Geist im Sinne des Regietheaters, wo sie mit Rollschuhen auf der Bühne herumfahren, alles voller Videos ist und lauter Nazitrupps bei den unpassendsten Gelegenheiten herumtrampeln. Natürlich soll jeder Regisseur seinen Freiraum haben, aber ich will nicht, dass man meine Sachen verhunzt und zerstört.

"Bacchus"

Termin: Gruppenausstellung mit Hermann Nitsch, Heinz Cibulka, Leo Kandl, Ronald Kodritsch, Georgia Creimer und Pawel Ksiazek, 10. Oktober bis 28. Februar 2011, Kunsthalle Krems
http://www.kunsthalle.at/forumfrohner/ausstellungen/bacchus

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