Isa Genzken - 52. Biennale von Venedig

Schönheit in unfreundlichen Zeiten

Durch das Dickicht kühler Architektur und lieblosen Designs schlägt sich seit 30 Jahren die Künstlerin Isa Genzken. Ihre Arbeiten sind verrätselt, vielfältig und melancholisch. Für art beschreibt Julian Heynen, künstlerischer Leiter des Museums K21 in Düsseldorf, das Werk der 58-Jährigen, die in diesem Jahr ihren Auftritt im deutschen Pavillon hat
Verrätselt und melancholisch:Julian Heynen über das Werk von Isa Genzken

Isa Genzken in ihrem Berliner Atelier

Die Künstlerin Isa Genzken und der deutsche Pavillon: Was haben wir zu erwarten? Spätestens seit den siebziger
Jahren sucht die Öffentlichkeit bei jeder neuen Biennale in Venedig nach der künstlerischen Auseinandersetzung mit diesem Gebäude, das die Spuren seiner Entstehungszeit im Dritten Reich nicht abstreifen kann. Mögen jüngere Künstler hierin keine primäre Aufgabe mehr sehen und würde eine zum Ritual erstarrte Bedienung dieser Erwartung der Sache selbst einen Bärendienst erweisen – bei Genzken bleibt es eine spannende Frage.

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Strecken Teaser

Ihr Blick auf Architektur ist seit über 20 Jahren von Faszination und Skepsis geprägt. In ganz unterschiedlichen Arbeiten zeigt sie ein durch Bauen geprägtes Gesellschaftsregime; sie zeigt es von außen als hermetische und kalte Fassade, aber auch von innen als Ort verquerer Träume oder Ersatzwelten. Die zugleich wuchernden und dennoch knappen Arbeiten der letzten Jahre wirken wie Anti-Monumente. Wie könnte da eine Begegnung mit der den Hals reckenden Architektur des Pavillons aussehen? Wird sie die Auseinandersetzung suchen und wenn, auf welcher Ebene, mit welcher Form?

Die späten siebziger Jahre scheinen unendlich weit zurückzuliegen; für ein Revival sind sie wohl bislang zu unübersichtlich und zu sperrig. Genz­ken schloss 1977 ihr Studium ab. Was blieb der Skulptur damals nach Minimal- und Konzeptkunst, wenn sie nicht in Erinnerungen und Mythen abtauchen und sich ebenso wenig an ein heraufdämmerndes postmodernes Design anlehnen, sondern eine sich verändernde Gegenwart offen halten wollte?

Mit so genannten Ellipsoiden (1976/92), Hyperbolos (1979/83) und andern Skulpturen hat Genzken die formale und technische Präzision gleichsam überzüchtet und einen Formbereich angepeilt, der die Kuben, Platten und Raster einer beinahe schon archaischen Moderne zu Gunsten einer weit komplexeren Geometrie hinter sich lässt. An die Stelle des an seinen Ort gebundenen Objekts setzt sie eine mathematisch inspirierte Dynamik. Die Selbstverständlichkeit einer überschaubaren Struktur tauscht sie gegen eine rational konstruierte Undurchdringlichkeit ein. Technologische Fantastik und avanciertes Design werden gestreift, und ihre Fotos von Hi-Fi-Geräten (1979) erzählen von einer Welt, die ebenso begehrenswert wie kühl ist. Die Arbeiten schlüpfen so in die Formen eines scheinbar ungebrochenen, ja eines fast exaltierten Optimismus. Sie benutzen das, was damals allenthalben fraglich geworden ist, nämlich Utopie, als eine Art Lehnform.

Wenn Genzken jedoch etwas später einen Weltempfänger auf einen Sockel stellt (1982), Großfotos weiblicher Ohren macht (1980), Radios in Beton einschließt (1987) und sich der inspirierten Grausamkeit zeitgenössischer Architektur zuwendet, wird die gezielte Zwiespältigkeit ihres Vorgehens deutlich. In einem vergleichsweise kurzen historischen Moment gelingt es ihr schon damals, eine absolute und riskante Balance zwischen Zustimmung und Kritik zu halten. Es gelingt, weil etwas ebenso Unwahrscheinliches, nämlich Form und Schönheit, als Herausforderungen nicht aufgegeben werden.

Man reibt sich die Augen und sieht die Dinge plötzlich wie zum ersten Mal

Seitdem hat Genzken immer wieder Neues ausprobiert, sich nicht auf zwei oder drei erfolgreich gewordene Formeln verlassen, sondern Erwartungen unterlaufen, um an unvorhersehbaren Stellen ihre Erkundungen fortzuführen. Das kann in einem Moment die Entwicklung einer hoch verdichteten, unverschämt romantischen, kühl die Gefälligkeit berührenden Einheit sein (die einzeln stehende, riesige Rose in der Landschaft, 1993/97). In einem anderen zieht sie sich scheinbar in die Mikrogesten persönlicher Befindlichkeiten zurück, die viele teilen können (in manchen Fotos und Collagen). In wiederum anderen Augenblicken entwickelt sie elegant-zerbrechliche Visionen einer anderen großen Stadt und setzt sie spielerisch alle Grenzen überschreitend gegen die eher flache Realität eines neuen Berlin. In den hybriden Konglomeraten aus jeglichem nur denkbaren Deko- und Fiction-Abfall schließlich scheint jede Ordnung geleugnet, und doch entstehen Realitäts- und Mythenkommentare von mitunter beklemmender Aktualität.

Diese neueren, ebenso ironischen wie hellsichtigen Anti-Monumente können sich zu ganzen Szenen auswachsen, die im Genre des Ad-hoc-Modells auf improvisierter Bühne Zeitgenössisches von aller Eindeutigkeit lösen. Und gleich daneben dann, aus Abfällen von Abfällen, große, ganz leichte Bilder, die mit den banalsten Mitteln Wirkungen hervorbringen, die wir nur der alten Malerei zutrauen.

Welchen Weg Genzken auch einschlägt, es ist ein ihr und uns noch unbekannter Weg. Sie nähert sich den verbleibenden Möglichkeiten, Kunst zu machen, mit sozusagen unwahrscheinlichen Mitteln. Es sind immer die Mittel, denen wir nichts zutrauen oder nichts mehr zutrauen, Mittel, die in einer Weise kombiniert werden, die man für undenkbar hält. Aber es geht hier ja auch gar nicht um das Denken in seiner gewöhnlichen Form, sondern um das Machen. Kleinste und alltäglichste Gesten, die Megastrukturen zeitgenössischer Architektur, der Formschrott des Designs, die unausrottbaren und die lächerlichen Storys – all das und anderes und in Zukunft noch mehr werden in diesen Arbeiten gleichsam zu Lichtungen. Man reibt sich die Augen und sieht die Dinge plötzlich wie zum ersten Mal.

Erstaunlich ist am Ende nicht, dass diese Dinge in Isa Genzkens Werk zusammenkommen, sondern dass sie einem das Gefühl geben, man könne ganz nahe bei ihnen sein und sie gleichzeitig aus der Distanz betrachten. Genau diese Kombination aus Überraschung, Intimität und bewusstem Blick aber ist wahrscheinlich nicht anderes als das Erlebnis von Schönheit – in unfreundlichen Zeiten.