Ottocento - Rom

Anekdotischer Realismus

Auch große Kunsthistoriker können irren. Roberto Longhi (1890 bis 1970) tat die italienischen Maler des 19. Jahrhunderts als "Züchter von Zwergpflanzen" ab. Bis heute ist die Kunst des "Ottocento", wie die Italiener das 19. Jahrhundert nennen, nie genügend gezeigt und geschätzt worden. Eine große Ausstellung in Rom verschafft ihr nun endlich Gerechtigkeit.
Auch Kunsthistoriker können irren:Die verkannte Malerei des 19. Jahrhunderts

Francesco Hayez, "Il Bacio", 1859

Man sieht, wie 1855 ein revolutionärer Wandel einsetzt, als eine Reihe von Malern, die als einfache Soldaten am Kampf um die Einheit Italiens teilgenommen hatten, ganz unabhängig von den französischen Impressionisten, die durch Licht veränderte Form entdecken.

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Mit diesen "Macchiaioli", den so genannten "Fleckenmalern", beginnt in Italien die Moderne. Auf sie folgen die Veristen, Symbolisten, Divisionisten und Naturlyriker. Wie im Schnellkurs durchlaufen die italienischen Künstler verschiedene Stile und pendeln sich dann um 1910 auf ein gemeinsames europäisches Niveau ein.

Im Italien des 19. Jahrhunderts lebten drei Viertel der Bevölkerung auf dem Land. Millionen wanderten aus. Dass in diesem wirtschaftlich rückständigen Umfeld eine so lange Reihe souveräner Maler hochkommen konnte – die Ausstellung zeigt 130 exzellente Gemälde – erstaunt. Der Sohn eines Turiner Bahnbeamten, Medardo Rosso, revolutionierte sogar die Bildhauerei. In Rom ist seine Wachsbüste der "Yvette Guilbert" zu sehen.

Viele Künstler, wie De Nittis und Giovanni Boldini, suchten in Paris und London Anschluss. Boldini malt mit genial hingewischten Pinselzügen einen sich träge auf dem Sofa räkelnden Adelsspross, das "Porträt des kleinen Subercaseaux". Andere Maler wurden durch sozialistische Ideen zu einem anekdotischen Realismus ermutigt. Man sieht schuftende Landarbeiter und reiche Bürger beim Nichtstun. Gaetano Previati müht sich um die Darstellung des Sonnenlichts und überzieht riesige Bildflächen mit feingestrichelten Gelbtönen. Auch der politisch engagierte Pelizza da Volpedo benutzt die mühselige Technik des Divisionismus für sein fast sechs Meter breites Bild "Der Vierte Stand" (1901): eine Streikszene, bei der eine kompakte Masse von Arbeitern schweigend auf den Betrachter zu vordrängt. Dem Maler blieb der Erfolg versagt und Pelizza erhängte sich im Atelier vor seinem Werk. In den 1960er Jahren wurde das Bild in Italien zur Ikone der italienischen Arbeiterbewegung.

"Ottocento. Da Canova al Quarto Stato"

Termin: bis 10.6.2008 im Scuderie del Quirinale, Rom.
http://www.scuderiequirinale.it