Radar

Felix Krämer

Felix Krämer über Haroon Mirza
Haroon Mirza: "Nightlight FM", mixed media, 2007 (Mirza)

FELIX KRÄMER ÜBER HAROON MIRZA

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Galeristen, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Felix Krämer, ab Juli dieses Jahres Leiter der Sammlung Malerei und Skulptur des 19. Jahrhunderts im Frankfurter Städel, über den englischen Künstler Haroon Mirza.
// FELIX KRÄMER

Wer mir wirklich im Gedächtnis geblieben ist? Haroon Mirza, der in Deutschland nahezu unbekannt ist – noch. Mirza scheint der Aktionismus der Kunstwelt, in den er als Künstler Jahrgang 1977 hineingeboren ist, nicht zu beirren. Er kreiert vollkommen eigenständige Assemblagen mit musikalischen Nebengeräuschen, denen eine poetische Schönheit innewohnt.

Zunächst studierte Mirza Malerei in Winchester, dann in Chicago. Um in seinen Arbeiten den eigenen hohen ästhetischen Ansprüchen gerecht werden zu können, schrieb er sich in London für einen MA in Design am Goldsmiths College ein. Bei seiner Erkundung von Klängen, zerlegte er diese nach ihren Ursprungsquellen und strahlte sie dann mithilfe von eigens entwickelten Prototypen raumbezogener Lautsprecher in bis zu fünf unterschiedliche Richtungen aus. Je nach der vom Betrachter gewählten Position im Raum, ändert sich dessen Wahrnehmung der einzelnen Klänge. Während seines MA in Fine Art am Chelsea College of Art and Design begann der Künstler sich auch mit akustisch nicht wahrnehmbaren Tönen zu beschäftigen. Dazu nimmt er elektronische Geräte wie Radio oder Computer auseinander, adaptiert sie, um die eigentlich lautlosen Signale hörbar zu machen und arrangiert diese zu Assemblagen, die Tonwiedergabegerät und Skulpturen zugleich sind. Aestehtisch arrangiert praesentieren sich die Innereien der elektronischen Geräte – Kabel, Spulen, Lautsprecher; in einer eigenen Klangpoesie klicken sie vor sich hin.

Der Kakophonie mehrerer Sound-Arbeiten in einem Raum ging Mirza mit Quartet No. 1 in G (2007) aus dem Weg. Wie die Mitglieder eines Kammerensembles tragen Truisms on a G, Stool, Open und Atlantic Ocean, Waterfall ihren jeweils eigenen Klang und Rhythmus zum Quartet bei. Die nun wahrgenommene Harmonie ist beglückend. Ein Gefühl, das sich im hektischen Kunstbetrieb bei mir nur selten einstellt und mich aufhorchen lässt.

Aktuell stellt sich Mirza die Frage, wann wir Geräusch als Musik und wann als Lärm wahrnehmen. Während einer Residency in Lahore im vergangenen Winter begann er seine Arbeit Taka Tak, dessen rhythmischer Höhepunkt die Zubereitung des für Lahore typischen "Hack"-Gerichts, nämlich Taka Tak, eines Strassenkochs bildet. Der sich steigernde Rhythmus der Performance des laut Künstler "besten Taka Tak-Kochs" ist mitreißend und hat mit Alltagslärm nichts mehr zu tun.

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